George Sand: „Nanon“

Anlässlich ihres 150. Todestags wurde in den Medien der französischen Schriftstellerin George Sand (1804 – 1876) gedacht, die eine der bedeutendsten frühen feministischen Stimmen in Frankreich war. Vielen ist sie nur als Lebensgefährtin von Chopin bekannt, den sie bis zu seinem Tod begleitete. George Sand, eigentlich Amantine Aurore Lucile Dupin de Francueil, war eine bemerkenswerte Frau, die ein selbstbestimmtes Leben führte und sich über die einschränkenden Rollenvorschriften für die Frauen hinwegsetzte. Sie bevorzugte Männerkleidung, weil das insbesondere auf Reisen bequemer war. Schon früh verfasste sie Reiseberichte und Erzählungen, die jedoch unveröffentlicht blieben.

Nach der Trennung von ihrem Mann begann sie in Paris mit journalistischen Arbeiten, in denen sie zur aktuellen politischen Situation mutig Stellung bezog. Ihren ersten Roman verfasste sie unter dem Pseudonym J. Sand gemeinsam mit ihrem damaligen Liebhaber Jules Sandeau. Den Roman „Indiana“ (1832) schrieb sie dann alleine unter dem Pseudonym G. Sand, ab dem Roman „Valentine“ (ebenfalls 1832) wurde sie zu George Sand.

George Sand geht es in ihren Romanen stets um die Rolle der Frau. Sie schildert starke Frauen, die sich – wie sie selbst – aus den konventionellen Zwängen befreien können. Die individuellen Lebensgeschichten sind eingebettet in die jeweiligen historisch-gesellschaftlichen Zusammenhänge.

George Sand verkehrte in den Pariser Künstler- und Literatenkreisen. Balzac, Musset, Chateaubriand, Henri James – unter vielen anderen – schätzten ihre literarische Kraft wie auch ihr gesellschaftspolitisches Engagement. Sie war jedoch auch skandalumwittert, denn die Zahl ihrer Liebhaber in diesen Kreisen war etwas unübersichtlich.

„Nanon“ ist ein später Roman, veröffentlicht 1872. George Sand siedelt diesen Roman an in der Zeit von der französischen Revolution bis zur Ausrufung des Zweiten Kaiserreichs unter Napoleon III.. Das Bauernmädchen Nanon ist 14 Jahre alt, als 1789 die Revolution ausbricht. Bis sich in dem abgeschiedenen Dorf im heutigen Département Creuse in der Nähe von Limoges die umwälzenden Ereignisse herumsprechen, dauert es eine Weile. Für die Landbevölkerung bedeutet es die Befreiung von der Leibeigenschaft und die Möglichkeit, das eigene Land zu bestellen. George Sand lässt die Geschichte aus der Sicht der 75-jährigen Nanon erzählen, die ihren eigenen Ausgang aus dem Analphabetentum und ihren Aufstieg zu einer tüchtigen Bäuerin und Geschäftsfrau im Rückblick immer noch mit Staunen verfolgt. Für ihren Lebensweg bedeutsam ist die Begegnung mit Emilien, der als zweiter Sohn des Marquis de Franqueville schlecht ausgebildet ins Kloster gesteckt wird, damit er keinerlei Ansprüche an das Erbe stellen kann.  Nanon wird ihn mit ihrer Energie dazu bewegen, sein interesseloses Herumstreifen aufzugeben und sich im Kloster selbst die Bildung anzueignen, die ihm vom Elternhaus verwehrt worden ist. Er ist es auch, der Nanon Lesen und Schreiben beibringt und damit die Grundlagen für ihren Aufstieg schafft.

Mit Nanons Erzählung folgen wir dem Weg dieser beiden Protagonisten durch die Wirren der Revolution und die Bedrohungen des Adelssohnes durch das Regime von Robespierre. George Sand entwickelt an ihren Figuren das Gegeneinander von liberalen und radikalen Kräften. Sie legt den Finger insbesondere auf die Opportunisten, denen es gelingt, sich mit den jeweils Mächtigen zu arrangieren. So kann aus einem ehemaligen Priester, der nach der Enteignung aller Kircheneinrichtungen aus dem Kloster fliehen muss, plötzlich ein brutaler Jakobiner werden. Auch ein von Natur aus liberaler Bürger findet sich in der Maschinerie der Radikalen wieder, wenn auch mit dem Bemühen, für die betroffenen Menschen das Schlimmste zu verhindern.

Die Protagonisten Nanon und Emilien sind unmittelbar betroffen von der politischen Unsicherheit und Unberechenbarkeit in Zeiten, in denen man nicht weiß, wem man überhaupt trauen kann. Immer wieder erweist sich Nanon als die überlegt und weitsichtig Planende, die mit ihrer robusten Menschlichkeit auch vor der Gefahr für das eigene Leben nicht zurückschreckt, wenn es gilt, Emilien zu retten. Ihr Einsatz für den alten Prior, der nach der Nationalisierung des Klosters weiterhin dort leben darf, zeigt ihre unbeirrbare Gradlinigkeit. Ihr geht es um die Menschen, nicht um den eigenen Vorteil.

Auch in der Auseinandersetzung mit den wieder erstarkenden aristokratischen Kräften erweist sie sich als kluge Strategin, die sich nicht demütigen lässt.

George Sand schafft mit Nanon eine Frauenpersönlichkeit, die sich aus Enge und Unbildung emanzipiert und – ähnlich wie die Autorin – ein selbstbestimmtes Leben führt. Auch sie greift zu männlicher Kleidung, als es für sie als Frau zu gefährlich wird, alleine auf den Straßen unterwegs zu sein. Sie darf schließlich ein erfolgreiches und glückliches Leben führen, ohne ihren Stand als Bäuerin zu verraten, auch wenn sie zum Schluss formal die neue Marquise ist.

Auf den letzten Seiten übernimmt eine andere Ich-Erzählerin, die nach Nanons Tod im Jahr 1864 mit großer Wertschätzung von dieser bemerkenswerten Persönlichkeit und deren außerordentlichem Leben berichtet. Der glückliche Ausgang der Erzählung mag etwas nach heiler Welt klingen, aber das kennzeichnet George Sands Optimismus und ihren Glauben an die Wirkungskraft einer starken Frau.

Sie selbst musste zu Beginn ihrer Schriftstellerinnenkarriere mit dem männlichen Pseudonym die Vorurteile der männlichen Kollegen ertragen, die sich nicht vorstellen konnten, dass sich hinter dem Autor von „Indiana“ oder „Valentine“ eine Frau verbergen könnte, denn eine Frau sei zu einer so kraftvollen Sprache und Darstellung nicht in der Lage. Sie hat sie alle Lügen gestraft, so wie ihre Nanon den meisten ihrer männlichen Begleiter überlegen ist, auch ihrem Mann Emilien.

Es ist dem Hanser Verlag zu danken, dass er dieses große Plädoyer für die Frauenemanzipation jetzt in einer neuen Übersetzung vorgelegt hat. Die Übersetzerin Elisabeth Edl hat es mit einem sehr lesenswerten Nachwort, einem ausführlichen Anmerkungsapparat sowie einer Zeittafel zum Leben von George Sand versehen. Hilfreich für alle, die sich in der Abfolge der Ereignisse im Zusammenhang mit der Französischen Revolution nicht so sicher sind, ist die „Kurze Chronologie zur französischen Politik 1789 bis 1870/71“.

Insgesamt lohnt es sich, diesen Roman zur Hand zu nehmen. Er ist spannend zu lesen, wenn auch bisweilen die Dialogpartner etwas lange „Vorträge“ halten. Die aber geben Einblick in Gesinnungen und Sinneswandel, den man jeweils unmittelbar aus dem Mund des oder der Sprechenden erfährt und so gleichzeitig deren Relativität mitgeliefert bekommt. Mit der spannenden Handlung vermittelt George Sand große, gut recherchierte Kenntnisse über die französische Politik der Zeit.

Ein unbedingt lesenswerter Roman. Ich habe auch den frühen Roman „Indiana“ mit viel Interesse gelesen. Entdecken sie also George Sand (wieder).

George Sand, Nanon. Hanser Verlag 2025, herausgegeben und neu übersetzt von Elisabeth Edl, 495 Seiten, 38 Euro.

Elke Trost

No comments yet.

Schreibe einen Kommentar