Johann-Günther König: „Hafen oder Tod“

Zweitausend Jahre Seefahrt und ihr Niederschlag in der Literatur finden in diesem Buch ihr Echo, und der Autor fügt dabei die selten fröhlichen und meist ängstlichen oder gar traumatischen Berichte über Meeresüberquerungen zu einer eindrucksvollen Palette der unterschiedlichsten Gemütsfarben zusammen. Dabei überwiegt das Gefühl, dass er selbst kein „gestandener“ Seemann ist, da er in seinen verbindenden und erklärenden Worten selbst eher die warnende und respektvolle Rolle einnimmt denn die des täglich mit allen Wassern gewaschenen Seemanns oder zumindest Wassersportlers. Auf der anderen Seite wäre die Perspektive des professionellen Seefahrers der Befindlichkeit der großen Mehrheit der „Landkrabben“ – wie er sie nennt – nicht gerecht geworden.

König beginnt seine Wanderung durch die seefahrerischen Reiseberichte mit der Antike, wobei er sich auf „reale“ Berichte beschränkt. Zwar erwähnt er einige mythische Seefahrtserzählungen wie Homers „Odyssee“, doch dienen diese nur als Hintergrund für die realen Dokumente über mehr oder minder gefahrvolle Seereisen. Dabei ist ihm aber klar, dass es so mancher Bericht aus Vorzeiten nicht so genau nimmt mit Zahlen oder Fakten. Wenn z. B. ein antiker Autor von 600 Pilgern auf einem Boot von etwa vierzig Metern Länge spricht, dann ergeben schon Überschlagsrechnungen von Gewicht und Raum für Menschen und Verpflegung einen hohen Grad von Skepsis. Doch je weiter die Jahrhunderte voranschreiten, desto enger halten sich die Berichterstatter an Fakten, woran man wiederum die Entwicklung der Gattung Mensch in den letzten zweitausend Jahren erkennen kann. War das Mittelalter noch stark von religiösen, „jenseitigen“ Vorstellungen geprägt, denen zufolge alles Reale – Glück oder Unglück – einem göttlichen Einfall entsprang und damit keine innere Konsistenz oder gar Logik aufweisen musste, so änderte sich die Sichtweise ab der Renaissance stetig hin zu einem Hinterfragen aller Erscheinungen auf ihre Ursache und Begrenzung der Folgen.

Diese Entwicklung merkt man den Berichten deutlich an. Die Pilger auf den nur bedingt seetüchtigen Nachen sahen die Gefahren der Seefahrt – Wind und Wellen – eher wie eine Prüfung an und hinter jedem Knarren des Tauwerks und Überkommen der Seen eher eine göttliche Prüfung denn ein Naturereignis mit eigenen Grenzen und Ursachen. Der Schrecken der Todesnähe war zwar der gleiche wie im 20. Jahrhundert, aber das Raisonnieren über die Ursachen und eventuelle menschliche Schuld war noch nicht üblich.

So beginnen die inhaltlich orientierten Reiseberichte denn auch mit der frühen Neuzeit, als da sind Christoph Columbus, Vasco da Gama und Fernando de Magellan, wobei der Autor eher die Berichte von „Mitfahrern“ denn die offiziellen Berichte der Verantwortlichen zitiert, da letztere außer dem damals üblichen Eigenlob auch viele taktische und politische Elemente enthielten, die nicht unbedingt das unmittelbare Erlebnis der Seefahrt spiegelten. Und es gab immer wieder – freiwillige oder unfreiwillige – Mitfahrer, die das Erlebnis aus subjektiver Sicht ganz ohne Hintergedanken wiedergaben.

Eine besondere Spezies waren Wissenschaftler wie Alexander von Humboldt oder Charles Darwin, deren berühmt gewordene Reisen hier natürlich ebenfalls durch entsprechende Reiseberichte gewürdigt werden. Dabei stehen zwar meist die Reiseziele im Vordergrund, doch die Seefahrt auf dem mitunter sehr beweglichen Meer hat auch in ihren Berichten Spuren hinterlassen.

Eine eigene Gruppe bilden die allein reisenden Frauen, die es erstaunlicherweise bereits Anfang des 19. Jahrhunderts gab. Mutige und emanzipierte Frauen lernten die Welt auf einem Segelschiff oder frühen Dampfer kennen, allein unter Männern, und überstanden die Fahrten nicht nur gut, sondern berichten in ihren recht offenen Berichten nichts von Belästigungen oder Schlimmerem. Dennoch ahnte die eine oder andere, was in den seefahrenden Männern vorging, wenn sie die einzelne Frau an Bord trafen.

Und auch die großen Namen der Literatur kommen zu Wort. So überquerte Sigmund Freud – eher Wissenschaftler als Literat – Anfang des 20. Jahrhunderts den Atlantik zusammen mit zwei Schülern, und schrieb seine Eindrücke von dieser Überquerung detailliert nieder. Rund dreißig Jahre später tat es ihm Thomas Mann mit Frau Katja nach, wobei letztere stark unter Seekrankheit litt, während der Literat die Seefahrt aus einer erhöhten intellektuellen Perspektive beschrieb.

Das Buch bietet eine leichte, aber abwechslungsreiche Lektüre und ist damit genau das, was Thomas Mann leicht abschätzig als „alberne“ Reiselektüre betrachtete, während er selbst auf dem Atlantik sich Cervantes´ „Don Quichotte“ zu Gemüte führte.

Das Buch ist im Verlag zu Klampen erschienen, umfasst 272 Seiten und kostet 28 Euro.

Frank Raudszus

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