Judith Schalansky hielt im Sommer 2025 Poetikvorlesungen an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Ihr neues Buch „Marmor, Quecksilber, Nebel“ basiert auf diesen Vorlesungen.
Angesichts des Titels fragte ich mich, was Marmor, Quecksilber und Nebel mit Literatur zu tun haben könnten. Ich war gespannt auf Judith Schalansky und erwartete eine aufregende Lektüre, nachdem mich ihr 2018 erschienenes Buch „Verzeichnis einiger Verluste“ so begeistert hatte. Und ich wurde nicht enttäuscht, im Gegenteil: Das neue Buch ist eine intellektuelle Herausforderung, die uns als Leserinnen und Leser auf die oft verschlungenen Gedankenspiele der Autorin mitnimmt, uns viel Wissen, neue Erkenntnisse und Fragestellungen vermittelt.
Worum geht es Judith Schalansky? Sie denkt nach über die Entstehung von Literatur, über die Bedeutung des gebundenen Buches und über die Wandlung des Mediums Sprache im Verlaufe der Zeit.
„Marmor“ steht für das Material, die „Hardware“des Buches im wahrsten Sinne des Wortes, „Quecksilber“ steht für das Flüchtige, das sich immer wieder Entziehende des Gedankens, „Nebel“ für das Verschwommene, das Vieldeutige und Interpretationsbedürftige aller sprachlichen Produkte im Gegensatz zur Eindeutigkeit der Zahlen.
Es beginnt mit Reflexionen über Marmor, die Judith Schalansky anstellt, als sie auf einer Fähre in Griechenland einen großen Block weißen Marmors aus Thassos auf einem LKW sieht. Marmor begegnet uns als eines der edelsten Materialien seit der Antike im Mythos, in der Architektur und in der Kunst. Schalansky blickt fasziniert auf dieses Material, das zu den unterschiedlichsten Zeiten zu unterschiedlichsten Zwecken verwendet wurde: von antiken Statuen bis zu Michelangelos Werken, vom Lesesaal der Bibliothek am Potsdamer Platz in Berlin bis zur Ausstattung von Badezimmern.
Wo nun ist der Bezug zur Literatur? Schalansky bezieht sich auf das besondere Beispiel der unvollendeten Schiavi-Figuren von Michelangelo. Sie scheinen aus dem Stein herauszutreten, als wären sie schon vorher in dem Material enthalten. Michelangelo ist überzeugt, dass der Künstler selbst kein Konzept hat, das nicht schon im Marmor selbst enthalten ist.
Ebenso ist es für Schalansky mit der Literatur. Das Werk sei schon in der Sprache und im Stoff enthalten. Die Aufgabe der Künstlerinnen und Künstler sei die einer Hebamme, sie müssen das Werk aus dem Stoff herausarbeiten. Dabei dürfe nicht vergessen werden, dass Schreiben ein quälender Prozess ist, bei dem die Gefahr besteht, sich im Stoff zu verlieren.
Wie der Marmor müsse auch der Text bearbeitet werden, es gelte, ihn zu „polieren, schleifen, spitzen, stocken, bürsten, flächen, flammen, kugelstrahlen und scharrieren“. Das Versprechen jeder Kunst sei, dass „Totes lebendig wird, gerade weil alle ereignishaften Erregungen gebannt sind, und sei es auf Papier“. Wie das immer wieder in der Geschichte der Kunst und Literatur geschehen ist, zeigt Schalansky an zahlreichen Beispielen von der Antike bis zur Moderne und endet mit einem leidenschaftlichen Plädoyer für das Buch und die Literatur.
Nun zum Quecksilber, von dem der zweite Essay ausgeht.
Wieder ist Judith Schalansky auf Reisen, diesmal nach Guadalajara in Mexiko. Sie hält dort einen Vortrag über Buchgestaltung an der Universität für Design-Studentinnen und -Studenten. Der Vortrag entgleitet ihr jedoch zunehmend zu einem Appell an die Studierenden, sich aus der „Sklaverei“ der bloßen Buchgestaltung zu befreien und selbst zu schreiben. So wird der Vortrag zunehmend zu einer Reflexion über Literatur und über das Verhältnis von Mythos und Wirklichkeit. Sie bemerkt, dass das über die Köpfe ihres Publikums hinweg geht, aber sie kann nicht anders. Wie das Quecksilber, das nicht zu fassen ist und sich in alle Richtungen ausbreiten will, brauche auch der Text eine Form, die ihn einhegt. Für Schalansky sind Text und Form untrennbar, es ist ein Plädoyer für das gebundene Buch, wenn ihr auch klar ist, dass sie damit Vertreterin der alten Schule ist.
Judith Schalansky nimmt Quecksilber nicht nur als Symbol für die Eigenschaften von Texten, vielmehr erfährt sie in Mexiko Quecksilber als akutes Problem. Die schönsten Flusslandschaften sind durch gedankenlose Entsorgung mit Quecksilber vergiftet und bedrohen die Gesundheit von Kindern und Erwachsenen. So könnten sich auch uneingehegte Gedanken und sprachliche Produkte wie ein Gift verbreiten, denn Sprache, einmal im „Gehirn eingenistet“, bringe unaufhörlich Permutationen hervor. Alte Mythen brächen sich immer wieder Bahn, darauf erpicht, „Wahrheit und Stuss“ zu vermengen. So entstünden aus „Abstrusem und Evidentem“ neue „grassierende Halbwahrheiten“, die durch eine Symbiose von Text und Bild noch befeuert würden. Sie warnt, dass die Mythisierung weitergehe, die „Drachen“ als Inbegriff der Mythenbildung weiterlebten.
Mit ihrer Verteidigung des gedruckten Buches versucht sie in ihrem Vortrag die jungen Menschen als Gleichgesinnte zu gewinnen, die wie sie das Buch als ein „fantastisches, ja, merkurhaft durch Raum und Zeit geisterndes Medium“ verstehen, denn das Buch sei ein kostbares, bedrohtes Gut. Sie beschwört das souveräne Druckbild des Buches, denn es sei der „ideale Ort, um Ephemeres zu fassen, Mythisches zu bezeugen, Wundersames zu beschwören, bis Imaginäres und Reales … kaum noch auseinander zu halten sind“.
Sie fragt sich schließlich selbst, ob die jungen Leute das überhaupt alles hören wollen, viel zu eng scheinen sie ihr auf die rein formale Seite des Buchdesigns bezogen, während ihnen die Inhalte gleichgültig zu sein scheinen. Hinter allem hört man Schalanskys große Besorgnis heraus, dass im herrschenden Populismus statt Wahrheit wieder der Mythos und die „fake news“ dominieren, dass jungen Leute die äußere Form wichtiger ist als das Wort und damit die Inhalte.
Der dritte Essay „Nebel“ greift ein weiteres Thema auf, das Schalansky unter den Nägeln zu brennen scheint. Es geht um die Frage, was aus der Sprache und den sprachlichen Produkten wird, wenn Texte zunehmend von Sprachmodellen produziert werden. Die durch Algorithmen produzierten Texte sind Neuzusammensetzungen aus der riesigen Menge bisher geschriebener Texte, Neues kommt nicht hinzu. Judith Schalansky befürchtet, dass dadurch, das, was Literatur ausmacht, eben das Unklare und Uneindeutige, das Interpretationsbedürftige, verloren geht.
Dafür steht der Nebel als Symbol. Schon die Antworten der Pythia des Orakels in Delphi sind mit nebelhaften Gasen aus einer Erdspalte verbunden. Die Antworten selbst sind uneindeutig und unklar.
Der Gang durch die Literaturgeschichte zeige, dass der Nebel und das Nebelhafte, das Graue, das Verschwommene und Verworrene durchgängige Motive sind. Immer wieder gehe es um die Zwischenwelten zwischen Realität und Imaginärem. Literatur könne und dürfe Hypothesen aufstellen, ohne sie beweisen zu müssen. Literatur sei damit auch die Suche nach dem Verborgenen. Bisher habe jedes neue Medium weitere Möglichkeiten eröffnet, hinter die Welt der Realität zu blicken.
Mit den digitalen Medien aber verändere sich das grundlegend. Mit KI gesteuerten Sprachmodellen gehe es immer stärker um Anwendung stereotyper Äußerungen, die sich aus der Menge schon getaner Äußerungen ableiten lassen, um menschliche Diversität der Äußerung durch formalisierte maschinelle Sprache zu ersetzen.
Schalansky sieht hierin einen grundlegenden Wandel in der Funktion von Sprache. Sie werde zu einem „Zählwerkzeug“ und damit eindeutig. So verliere sie den Charakter des Mehrdeutigen und Unberechenbaren. Gerade das „Nebulöse“ und Unklare sei jedoch eine Funktion von Literatur, um das Gespenstische und Verwirrende in Sprache zu bannen und Raum für das Beängstigende zu schaffen. Nicht umsonst rankten sich um den fast immer nebelverhangenen Brocken so viele Gespenstergeschichten. Nicht zufällig sei der Kriminalroman im Zusammenhang mit dem Londoner Smog entstanden, sei das Zwielicht der Ursprung vieler Erzählungen.
Schalanskys Hoffnung ist, dass Literatur immer nötig sein werde, dass auch die entwickeltsten Sprachmodelle stets Zufuhr neuer, menschengeschaffener Sprachelemente benötigen werden, wenn sie sich nicht im Immergleichen erschöpfen wollen.
Für den Ursprung von Literatur sieht sie drei Anlässe: den Wunsch, mit den Toten zu sprechen, die Zukunft durch Sprache zu bändigen und „all das stattfinden zu lassen, was hätte sein können und nicht war“.
Möge sich Judith Schalanskys Wunsch erfüllen, dass wir unsere menschliche Sprachproduktivität nicht verlieren und damit auch die Literatur und das Buch erhalten. Ob das auch den Wünschen junger Menschen entspricht, ist jedoch die Frage.
Judith Schalansky macht es uns als Leserinnen und Lesern nicht leicht, den großen Bögen ihrer Gedankengänge zu folgen. Sie präsentiert uns ein umfangreiches Wissen aus Philosophie, Literatur und Geschichte, das sie auf faszinierende Weise für ihr großes Plädoyer einsetzt. Wer sich die Mühe macht, ihr dabei zu folgen, wird reichlich belohnt und um viele neue Erkenntnisse bereichert.
Das Buch ist sicher keine Bettlektüre, sondern will am Schreibtisch studiert werden. Aber das lohnt sich sehr!
Judith Schalansky, Marmor, Quecksilber, Nebel. Woraus die Welt gemacht ist. Suhrkamp Verlag 2026, 176 Seiten, 24 Euro.
Elke Trost

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