Luise Schorn-Schütte: „Die Teilung der Macht“

Der Untertitel dieses historischen Sachbuches lautet „Eine Geschichte der frühen Neuzeit“ und verortet es in die Epoche von Luthers 95 Thesen (1517) bis zur französischen Revolution (1789). Damit schließt es zumindest zeitlich an das hier vorgestellte Buch „Gründerzeit 1200“ an , das die Entwicklung der Stadtkultur zwischen 1200 und dem Ende des 15. Jahrhunderts beschreibt. Die beiden Bücher haben zwar miteinander nichts zu tun und behandeln auch unterschiedliche Thematiken, aber zusammen vermitteln sie dem Leser einen guten Überblick über zwei Drittel des zweiten Jahrtausends unserer Zeitrechnung.

Die Autorin stellt die Frage nach der Struktur der Machtverhältnisse in dieser Zeit in den Mittelpunkt ihrer Recherche. Dabei bietet sie keine eigene, neue Machttheorie an, sondern eine Übersicht auf die Entwicklung solcher Theorien in der Forschung der jüngeren Vergangenheit und der Gegenwart. Dem zufolge hat die ältere Forschung bereits im 16. Jahrhundert einen grundlegenden „Bruch“ erkennen wollen, der eine Modernisierung im Sinne eines unaufhaltsamen Fortschritts zur Folge gehabt habe. Die jüngere – politisch motivierte? – Forschung habe dies als eurozentrische Einstellung mit einem latenten Überlegenheitsdünkel betrachtet und eine eher relativierende Einschätzung vorgelegt, die sowohl Kontingenz als auch Traditionen als Ursachen der Veränderungen in den Vordergrund stellt. Die Autorin macht sich diese veränderte Grundhaltung nicht unbedingt zu eigen, lehnt sie jedoch auch nicht ab. Als inhaltlich distanzierte, nur beobachtende Wissenschaftlerin stellt sie die verschiedenen Perspektiven nebeneinander und führt dabei die Belege beider Seiten an. Dabei steht die logische Interpretation aus den jeweiligen Fakten im Mittelpunkt. Da die Argumentationen zu den einzelnen Themen sich durchaus in Details verästeln, ergibt sich daraus keine spannende Erzählung einer dreihundertjährigen Epoche, sondern eher ein detailliertes Nachschlagewerk zu diesem Zeitabschnitt.

Die chronologische Struktur des Buches führt zwangsläufig zu einiger Redundanz, denn wenn die Autorin etwa im Kapitel „Europa um 1600“ Europas Monarchien und Republiken dieser Zeit beleuchtet, greift sie zwangsläufig auf Aussagen im vorangehenden Kapitel „Europa um 1555“ zurück. Wenn auch die Schwerpunkte in jedem Kapitel sich etwas verschieben, so führen doch die Vergleiche und Abgrenzungen zu vielen Wiederholungen. Das ist zwar wissenschaftlich nicht nur korrekt sondern sogar geboten, sorgt jedoch nicht unbedingt für steigendes Lesevergnügen. Doch wer sich der Mühe dieser Lektüre unterzieht, lernt viel über eine Zeit, die mit Luthers Thesen sowohl einen frühen Vorlauf als auch mit der Spätphase der französischen Revolution den desaströsen Ausklang der Aufklärung enthält.

Eine Grundthese dieses Buches lautet, dass die angebliche Alleinherrschaft der Monarchien dieser dreihundert Jahre durch die permanent eingeforderte Teilhabe der Fürsten, des Adels und anderer „Stände“ stets eingeschränkt war. Da die Monarchien eher Zusammenschlüsse von Fürstentümern und anderer politischer Einheiten darstellten, mussten die Monarchen sowohl Soldaten als auch Geld von diesen in irgendeiner Form „erbeten“, da sie selbst über keine entsprechenden zentralen Mittel verfügten. Detailliert beschreibt die Autorin die unterschiedlichen Verhältnisse in den europäischen Ländern, etwa die konsequente Zentralisierung in Frankreich – Louis XIV. – oder die frühe Republikanisierung der englischen Monarchie – Oliver Cromwell – sowie die mittelfristigen Folgen und Verwerfungen.

Bei den einzelnen kriegerischen Auseinandersetzungen, besonders beim dreißigjährigen Krieg, ging es dabei laut Forschungsstand nicht in erster Linie um die Religion bzw. Konfession, sondern stets um Teilhabe, wobei die Religion durchaus eine, bisweilen nur taktische, Rolle spielte. Dabei wird deutlich, dass alle gesellschaftlichen und politischen Umbrüche dieser Epoche stets eine eng ineinander verwobene Gemengelage aus territorialen, partizipativen sowie religiösen Konflikten darstellten. Da sich die Forderung nach Teilhabe meistens aus jahrhundertealten Traditionen und Verträgen ergab, spielte die Tradition bei den sogenannten „Umbrüchen“ dieser Zeit eine mindestens ebenso große Rolle wie die Religion. Dass die Teilhabe einfordernden Fürsten auch gerne die politisch gerade günstigste Konfession einbrachten, versteht sich dabei von selbst, wobei die Forschung – und die Autorin – nicht unterstellt, dass konfessionelle Standpunkte auf dieser Ebene nur taktischen Zwecken diente.

Die großen Ereignisse dieser Epoche erscheinen in diesem Buch nicht als breit gefächerte Erzählung, sondern stets nur als Hintergrund der speziellen Perspektive des Buches. Dabei werden viele Abläufe bzw. Ereignisse – etwa im Dreißigjährigen Krieg – als bekannt vorausgesetzt oder nur aus einem bestimmten Blickwinkel angerissen. Anders ließen sich dreihundert Jahre europäischer Geschichte gar nicht in einem überschaubaren Buch darstellen. Dennoch vermittelt die Autorin gerade aufgrund der weiten Schau auf ganz Europa ein sehr umfangreiches und detailliertes Bild einer dreihundertjährigen Epoche, das neben dem zentralen „Teilhabe“-Thema des Buches auch noch das gesellschaftliche, (macht)politische und religiöse Klima dieser Zeit in einem so diversen Kontinent wie Europa zu vermitteln weiß.

Das Buch ist im Verlag C.H.Beck erschienen, umfasst einschließlich eines 50seitigen Anmerkungsteils 384 Seiten und kostet 38 Euro.

Frank Raudszus

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