Heinz Strunk: „Memories of Heidelberg“

„Memories of Heidelberg“, das klingt romantisch, dazu das Titelbild mit Heidelberger Schloss, Blick auf die Altstadt und Karlsbrücke, da möchte man an eine schöne Liebesgeschichte denken. Die Älteren denken gleich an Peggy March und ihre gleichnamige Liebesschnulze! Aber wer Heinz Strunk kennt, der weiß, dass das eine falsche Fährte ist. Das ist schon so bei „Ein Sommer in Niendorf“, ein Titel, bei dem man an Ferien, Ostsee und Entspannung denkt, aber auch da: weit gefehlt!

Peggy Marchs Schnulze von 1968 ist dann auch ein ironisches Leitmotiv in diesem Roman über Isolde und Bertram, beide Mitte 50, seit 17 Jahren verheiratet. Sie fahren für ein paar Tage von Oldenburg nach Heidelberg, wo der 80. Geburtstag von Isoldes Mutter gefeiert werden soll. Auf Isoldes Vorschlag mieten sie sich nicht in dem soliden 4-Sterne-Hotel ein, das sie gut kennen, sondern in einem doppelt so teurem Boutique-Hotel, das besonderen Luxus verspricht.

Vor Ort sieht dann alles anders aus, das Hotel erweist sich als Flop, der Geburtstag fällt aus, weil die Mutter ins Krankenhaus eingeliefert wird. Dennoch beschließen sie, vielmehr Isolde, für eine Woche in Heidelberg zu bleiben, damit Isolde ihre Mutter besuchen kann.

Zum einen erleben wir das Paar in seiner Alltagskommunikation, die sich auf den notwendigen Smalltalk reduziert. Man einigt sich scheinbar über alle anstehenden Entscheidungen, obwohl beide wissen, dass keiner von beiden seine Bedürfnisse ehrlich artikuliert. Bertram ist gleichzeitig der Kommentator, der im Stillen ihre Beziehung und ihre Dialoge analysiert und für sich in ehrliche Sprache übersetzt. Er weiß, dass er alle Äußerungen seiner Frau mit Vorsicht zu genießen hat und keine falschen Antworten geben darf, wenn er nach außen die Harmonie wahren will. Er hat sich angewöhnt, ihre Vorschläge zu akzeptieren. So glaubt er am besten durchzukommen und seine Ruhe zu haben.

Seit sie ihm die sexuelle Partnerschaft aufgekündigt hat – „für mich ist das nichts mehr “ –, hat er sich als Ersatzbefriedigung aufs Fressen verlegt. Seine Vorräte an „Mandelintermezzo“ sind seine Notration, wenn es keine Gelegenheit zu größeren Essorgien gibt. Natürlich verheimlicht er die vor Isolde. Mittlerweile wiegt er zwischen 116 und 120 Kilo. Realistisch und selbstironisch betrachtet er seinen unförmigen Körper, aber auch Isolde mit ihrer füllig gewordenen Figur bekommt ihr Fett weg, aber nur im Stillen. Das mag bisweilen frauenfeindlich klingen, aber da er selbst eher schlechter wegkommt, kann man Bertram das eigentlich nicht vorwerfen. Für sich benennt er die Situationen und die Menschen, wie sie tatsächlich sind. Aber er würde das alles nie aussprechen.

Aus Lethargie ertragen sie das überteuerte Hotel, ohne sich zu beschweren. Zum Essen gehen sie zum Italiener auf einem heruntergekommenen Restaurantschiff. Sie belügen sich gegenseitig wie auch den Wirt über die Qualität des Essens, das eigentlich eine Zumutung ist. Dennoch gehen sie jeden Abend wieder dorthin, obwohl sie immer schlechter behandelt werden. Als Leserin möchte ich ihnen zurufen „Nun geht doch endlich mal woanders hin“, aber sie tun es einfach nicht. Keine Kraft und keine Lust, etwas weiter in die Altstadt zu gehen.

Wenn ich als Leserin schon fast deprimiert bin angesichts dieser erbarmungslosen Darstellung einer heruntergekommenen Ehe, blitzen so komische Kommentare von Bertram auf, dass man nicht weiß, ob man lachen oder weinen soll. Bleiben diese beiden Menschen nur zusammen, weil eine Trennung zu anstrengend oder gar sinnlos wäre? Wird sie vielleicht nur vom Zynismus der beiden getragen? Irgendwo unter der Oberfläche dieser scheinbar nur noch aus Routine bestehenden Ehe gibt es dann aber doch tröstliche Hinweise auf immer noch bestehende Zuneigung und Verantwortungsgefühl füreinander. Das zeigt sich am Ende.

Strunk schildert diese Szenen einer Ehe mit einer Ehrlichkeit, die auch vor den intimsten Situationen im Bad, im Bett oder auch auf dem Klo nicht zurückschreckt. Das muss man aushalten können. Dafür erhält man die Analyse einer Beziehung in ihren widersprüchlichen Dimensionen, die aber wohl zu einer Ehe dazugehören, wenn auch hoffentlich nicht immer so drastisch wie bei Strunk.

Lesen Sie selbst. Ich war hin- und hergerissen zwischen Lachen und Abwehr. So sind doch nicht alle Ehen! Es gibt sie doch auch noch, die alten Ehepaare, die in Liebe miteinander verbunden sind? Oder ist das eine Illusion?

Strunk jedenfalls zeigt die Abgründe, und das auch in deftiger Sprache. Mit der Übersteigerung ins Groteske seziert er versteckte Beziehungsstrukturen. Und die Abgründe gibt es nun mal, warum nicht auch darüber erzählen?

„Memories of Heidelberg“ sind eben nicht immer schön und romantisch. Auch die Kulisse der Neckaridylle mit Schloss und Philosophenweg bewahrt nicht vor innerer Leere, Sehnsucht nach anderem Leben und Versacken im Immergleichen.

Bei aller Derbheit einer sehr direkten Sprache hat das schmale Buch auf mich einen Sog ausgeübt, der es mich in einem Rutsch durchlesen ließ.

Ein Roman für gestandene Eheleute, die vieles wiedererkennen, anderes zurückweisen werden. Jungen Paaren würde ich dieses streckenweise zynische Buch nicht empfehlen. Sollen sie doch ihre Hoffnung auf ein einigermaßen glückliches Leben nicht verlieren.

Heinz Strunk, Memories of Heidelberg, Rowohlt Verlag 2026, 175 Seiten, 23 Euro.

Elke Trost 

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