In ihrem letzten, hier besprochenen Buch „Diese eine Entscheidung“ hatte Karine Tuil auf mitreißende und dennoch präzise Art nicht nur die Folgen einer fragwürdigen juristischen Maßnahme beschrieben, sondern damit auch auf einem brisanten politischen Problemfeld eindeutig Stellung bezogen. In ihrem neuen Roman setzt sie diese Linie konsequent fort, indem sie ihn in den höchsten politischen Kreisen ansiedelt und am Beispiel der zentralen Protagonisten alle psychologischen und pathologischen Aspekte der Macht durchspielt.
Der französische Ex-Präsident Dan Lehman leidet massiv unter dem Machtverlust, den er im tiefsten Inneren für ungerecht hält. In seinen monologischen Weltbetrachtungen spielen demokratische Regeln wie Wahlen nur dann eine Rolle, wenn er gewinnt. Wie die meisten Mächtigen sieht er sich dank seiner einzigartigen Fähigkeiten im Prinzip als nicht abwählbar. Seine erste Frau, mit der er ein Vierteljahrhundert verheiratet war, hat er für eine jüngere deutsche Schauspielerin verlassen, mit der sogar ein Kind hat. Seine ausländisch-jüdische Herkunft und seine familiäre Situation erinnern stark an Frankreichs Ex-Präsident Nicolas Sarkozy, und das mag die Autorin auch beabsichtigt haben. Doch stellt der Roman deshalb keine Abrechnung mit Sarkozy dar, sondern geht weit darüber hinaus. Sarkozy mag hier als Romanvorbild für eine fragwürdige Figur gespielt haben, doch die literarische Absicht geht weit über die persönliche Assoziation hinaus, auch wenn Lehmann im Nachhinein mit den gleichen juristischen Vorwürfen wie Sarkozy konfrontiert wird: Korruption.
In wechselnden Kapiteln lässt die Autorin Dan Lehmann, seine Ex-Frau Maie Anne, seine jetzige Frau Hilda und den Filmregisseur Nizon als jeweils zentrale Akteure auftreten, die alle jeweils eigene, mit den anderen kaum kompatible Agenden verfolgen. Lehman ist zwar finanziell gut versorgt, leidet jedoch unter seinem Macht- und Bedeutungsverlust, den man ihn immer wieder mehr oder minder subtil spüren lässt. Wie viele ehemaligen Politiker widmet er sich dem Schreiben von Büchern, erregt mit seinen Büchern jedoch nur kurzfristige Aufmerksamkeit. Seine Frustrationen ertränkt er im Alkohol, wobei er – wie die meisten Alkoholiker – glaubt, diese Sucht geschickt vor seiner Umwelt verbergen zu können. Die Ehe mit der zwanzig Jahre jüngeren Hilda besteht nur noch auf dem Papier, und er spürt von Tag zu Tag mehr, wie ihm der Boden der Bedeutung unter den Füßen weggezogen wird.
Seine Ex-Frau Marie Anne gibt sich öffentlich als eine von männlichem Druck befreite Frau und hat als Schriftstellerin bereits einige Erfolge zu verzeichnen. Doch wenn sie ehrlich mit sich ist, sieht sie eine Frau, die von einem erfolgreichen Mann einfach „entsorgt“ wurde und das Alter der begehrten Frau hinter sich gelassen hat. Da sie Dan wirklich geliebt hat und das in gewissem Sinne auch heute noch tut, wird sie mit der Tatsache des vorgezogenen Altenteils nicht fertig und verzweifelt an der ihr vorgezeichneten Zukunft einer bedeutungslosen Frau.
Hilda war ursprünglich Schauspielerin und hat sich gerne von dem gut aussehenden und charismatischen Machtmenschen Lehman einfangen lassen. Sie hat als Präsidentengattin die Blicke der Öffentlichkeit und vor allem anderer mächtiger Männer genossen und sich auf dem Höhepunkt ihres Lebens gefühlt. Nach der Abwahl ihres Mannes ist diese Lichtquelle jedoch erloschen, und auch sie wird mit dem Rückfall in die Bedeutungslosigkeit nicht fertig. So kommt ihr die Anfrage des Regisseurs Nizon wegen der Hauptrolle in einem neuen Film gerade recht. Doch die bittere Ironie des Plots will es, dass die Vorlage für den Fall ausgerechnet ein Roman von Marie Anne bildet.
Regisseur Nizon hatte nach einem fulminanten Karrierestart nur noch Misserfolge und ist schließlich in der Werbebranche gelandet. Er sieht gerade in der Kombination von Marie Anne als Autorin und Hilda als Darstellerin alleine wegen ihrer Verbindungen zu Lehman eine große Marketingchance und schickt dafür die junge Schauspielerin – und seine Geliebte! -, die ihm den Roman in der Hoffnung auf die Hauptrolle zur Verfilmung vorgeschlagen hat, in die Wüste der schauspielerischen Bedeutungslosigkeit. Er selbst gibt sich gerne als linken Rebell mit dem Mut zum offenen Wort und geriert sich bei Gelegenheit sogar als Feminist, obwohl er sich den Frauen gegenüber im Zweierverhältnis ausgesprochen toxisch verhält.
Diese Figuren lässt Karine Tuil nun in verschiedenen Konstellationen miteinander und gegeneinander agieren, wobei vor allem der besagte Film als Treibriemen der Handlung dient. Für Hilda und Nizon ist eine Auszeichnung in Cannes (über)lebenswichtig, da er für beide die letzte (große) Chance auf öffentliche Sichtbarkeit bietet. Marie Anne steht dem Ganzen skeptisch bis ablehnend gegenüber, während Lehman selbst kein Interesse an dem Film zeigt, jedoch dessen Wirkung für sich in Anspruch nehmen oder – im negativen Fall – bekämpfen würde. Andererseits könnten sich die juristischen Ermittlungen gegen Lehmann fatal auf die Aufnahme des Films auswirken, aber das weiß nur der Zuhörer/-leser.
In den einzelnen Szenen tritt die existenzielle Sucht aller Protagonisten nach „Gesehenwerden“ und Machtgewinn mit stetig zunehmender Schärfe in den Vordergrund. Da gibt es keine alten oder neuen Freunde mehr, solange sie nicht die eigene Bedeutung erhöhen. Sehr treffend weil subtil beschreibt Karine Tuil diverse Zusammenkünfte zwischen Lehman und seinem alten politischen Beraterkreis, deren Mitglieder zwar verbal zu ihm stehen, aber alle darauf achten, den richtigen Zeitpunkt zum Absprung zu finden, bevor sie mit einem eventuell sogar vorbestraften Alkoholiker in Verbindung gebracht werden. Dabei will Lehmann zwar an ihre bedingungslose Treue wegen seiner überragenden Bedeutung glauben, spürt jedoch, dass die Zeit gegen ihn läuft.
In einer besonders gelungenen Szene nehmen Lehman und Nizon ein gemeinsames Mittagessen ein, bei dem beide kaum ihre gegenseitige Abneigung verbergen können. Das geschieht jedoch nicht mit lauten Worten oder gar Aggressionen, sondern mit subtilen verbalen Angriffen und Demütigungen, wobei beide versuchen, den Gegenüber als inkompetent darzustellen. Die Ironie dieser Szene besteht darin, dass Hilda mittlerweile die Geliebte ihres Regisseurs ist.
Dieser psychologische Strudel um Bedeutungsgewinn und -verlust der jeweiligen Egos treibt zielgenau auf die Verlautbarung der Filmjury von Cannes hinsichtlich der als preiswürdig zu nominierenden Filme zu. Als Zuhörer weiß man genau, dass die Entscheidung, wie immer auch sie ausfällt, für die Protagonisten existenzielle Auswirkungen haben wird, die jedoch nicht kongruent ausfallen werden.
Sandrine Mittelstädt und Richard Barenberg verleihen den weiblichen und männlichen Protagonisten eine je individuelle Stimme, deren Timbre die jeweilige Befindlichkeit überzeugend zum Ausdruck bringt. Man kann sich diesem Feuerwerk emotionaler Grenzsituationen nicht entziehen, doch statt Unterhaltung im herkömmlichen Sinne bietet dieser Roman Erkenntnisse über die Abgründe der menschlichen Seele.
Das Hörbuch ist im argon-Verlag erschienen und kostet als Download-Streaming 20,95 Euro.
Frank Raudszus

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