Norbert Gstrein: „Im ersten Licht“

Norbert Gstrein (geb. 1961) ist ein österreichischer Schriftsteller, der heute mit seiner Familie in Hamburg lebt. Bekannt geworden ist er bei uns mit den Romanen „Als ich jung war“ (2019) und „Der zweite Jakob“ (2021). 2026 ist nun der Roman „Im ersten Licht“ erschienen, der erste, den ich gelesen habe, und ich bin begeistert.

In einer komplexen Handlung, die die Jahre von 1914 bis 1988 umfasst, lässt Norbert Gstrein die letzten Jahre der k. u. k. Monarchie und deren Untergang nach 1918, den I. und den II. Weltkrieg sowie die Verwicklung Österreichs in den Nationalsozialismus und die späte Auseinandersetzung damit Revue passieren. Als Leserinnen und Leser erhalten wir einen intensiven Einblick in österreichische Geschichte und Mentalität. Das übergreifende Thema jedoch ist die Auswirkung von Krieg auf die Menschen, auf die Nachgeborenen und die gesellschaftspolitischen Entwicklungen. Es ist in erster Linie ein Anti-Kriegs-Roman. Gleichzeitig ist es ein Roman über die Relativität von Erinnerung und Wahrheit.

Wir erleben diese 74 Jahre durch die Brille von Adrian Reiter, dessen Perspektive ein beobachtender Erzähler einnimmt. Dieser Erzähler geht souverän mit verschiedenen Zeitebenen um, er kann auf zukünftige Entwicklungen verweisen und ebenso Vergangenes im Nachhinein neu interpretieren. Dennoch ist er nicht allwissend, vielmehr ganz auf Adrians Perspektive beschränkt.

Wer ist nun dieser Adrian Reiter? Er ist 1901 als Sohn eines Postbeamten geboren und wächst in einem Dorf in der Nähe von Salzburg auf. Den 13-jährigen beeindrucken die nur wenig älteren jungen Leute, die er in einer herrschaftlichen Villa beim Tennisspielen beobachtet. Es ist ein Blick in eine für ihn unerreichbare Welt. Für ihn sind es die Herrschaften da oben, eine Welt, in der er höchstens als dienstbarer Geist wirken kann.

Das ändert sich schlagartig nach dem Krieg, als die Villa Zufluchtsort für schwer Kriegsgeschädigte mit zum Teil entsetzlichen Gesichtsverletzungen wird. Adrian, jetzt 19-jährig, hat als Helfer für die nahe gelegene Gaststätte Zugang zur Villa und wird unmittelbar mit den schwer traumatisierten jungen Männern konfrontiert. Der junge Adrian erfährt, wie die gehobene Gesellschaft mit Schicksalsschlägen umgeht, wie die Wahrheit verschleiert wird, wie Trauer und Heldentod inszeniert werden, um nach außen das Grauen nicht sichtbar werden zu lassen.

Unbarmherzig ist die Kritik von Adrians Vater, der die Dummheit der herrschenden Eliten verachtet. Sie schicken ihre Söhne in den Krieg, weil sie glauben, habsburgische Haltung und schicke Uniformen der Kavallerie würden sie siegen lassen. Dass es mittlerweile Maschinengewehre gibt, mit denen ihre Söhne einfach abgeknallt werden, sehen sie nicht.

Adrian selbst muss nicht in den Krieg, nachdem sein Vater ihn gegen Ende des Krieges schwer verletzt hat, so dass er nicht kriegstüchtig ist. Dass er nicht im Krieg war, wird Adrian sein ganzes Leben lang verfolgen. Was einerseits ein Glück ist, ist andererseits eine Belastung, weil er nie das Gefühl verlieren wird, nichts getan zu haben, nicht dabei gewesen zu sein, während andere ihre Gesundheit und ihr Leben riskieren mussten. Daraus wird eine Haltung entstehen, die ihn zum Beobachter des Lebens und zum Interpreten von Ereignissen werden lässt, ohne selbst aktiv zu werden, ohne in entscheidenden Situationen Stellung zu beziehen oder einzugreifen.

Als Lehrer für Englisch und Geschichte in Salzburg wird er später seinen Schülern alle Details der Grauen des 1. Weltkriegs erzählen, als wäre er dabei gewesen. Ein Schüler hält ihm vor, dass das alles nur Bücherwissen sei. Adrian wird so ungewollt zum Verführer dieses jungen Mannes, der sich nach dem Abitur sofort freiwillig für den Kriegsdienst für den NS-Staat meldet. Adrian und diesen ehemaligen Schüler wird eine jahrelange Beziehung verbinden, die einerseits durch das Schuldbewusstsein Adrians und andererseits durch eine merkwürdige Abhängigkeit des viel Jüngeren geprägt ist. Dieser junge Mann hat eine Geschichte zu erzählen von Erschießungen im Osten. Dabei lässt er jedoch offen, ob er nur dabei war oder ob er selbst Erschießungen vorgenommen hat. Diese Frage wird Adrian noch Jahre verfolgen: Welche Schuld hat der andere auf sich geladen, und wie kann er damit umgehen? Welchen Anteil hat er selbst daran?

Als Lehrer im von den Nazis vereinnahmten Österreich laviert sich Adrian durch, ohne deutlich Stellung zu beziehen, als das noch möglich ist. Er verdrängt die Entwicklungen und den zunehmenden Antisemitismus, obwohl er später weiß, dass er es hätte besser wissen müssen.

Verfolgen werden ihn die Schicksale der Versehrten des 1. Weltkriegs und das Schicksal des ehemaligen Schülers. Fast alle werden sie Selbstmord begehen. Immer wieder stellt er jedoch seine Erinnerungen in Frage, denn vielleicht spielt ihm sein Gedächtnis ein Schnippchen, und es war in Wirklichkeit alles anders. Aber wer weiß das schon.

Als Geschichtslehrer kennt er die Kriege nur aus Büchern, als Englischlehrer kennt er die Sprache ebenfalls nur aus Büchern. So macht er sich Ende der 1950er Jahre auf nach England, nachdem er von der Mutter eines der Kriegsversehrten, die selbst Engländerin war, eine kleine Summe geerbt hat mit dem Hinweis, sich ein Auto zu kaufen und endlich nach England zu reisen.

Hier begegnet er in Eastbourne den zwei Schwestern Vivian und Veronica, deren Halbbruder 1917 als 20-jähriger wegen Feigheit vor dem Feind in Ypern in Belgien verurteilt und hingerichtet worden ist, „killed at dawn“, „im ersten Licht“. Vivian lässt sich von einem Hobby-Historiker verführen, die Geschichte des hingerichteten Halbbruders zu hinterfragen. Vielleicht war alles ganz anders? Vielleicht war der Halbbruder (Vivian war 1917 vier Jahre alt!) in Wirklichkeit ein Held, weil er dem Irrsinn des Krieges entkommen wollte? Vielleicht lebt er sogar noch?

Adrian erlebt durch Vivian eine neue Perspektive auf den Krieg, die durch die Suche nach der Wahrheit bestimmt ist. Bei einem Besuch in Ypern kommt das unglaubliche und sinnlose Gemetzel noch einmal ganz nah an ihn heran. In einem Traum durchlebt er selbst eine Situation im Schützengraben, auf der Seite der Briten. Dieser Traum wird für ihn zu einem Ersatz für das versäumte eigene Kriegserleben und -leiden, er durchlebt das Grauen und das Entsetzen im Traum.

Schließlich kann er sich selbst und auch Vivian von der Suche nach der Wahrheit befreien. Gstrein stellt damit auch die Frage, wie weit diese Suche sinnvoll ist oder ob man die Vergangenheit auf sich beruhen lassen sollte, um zur Ruhe zu kommen. Für uns als Nachgeborene der in den Nationalsozialismus verstrickten Generation stellt sich diese Frage seit Jahrzehnten: Sollen wir aufzuklären versuchen, was unsere Eltern, insbesondere die Väter, damals getan haben, ob oder wie sie sich schuldig gemacht haben? Oder sollen wir die Toten ruhen lassen? Das ist eine beunruhigende Frage.

Adrian wird viele Jahre später erfahren, dass sich die junge Generation für seine Geschichten gar nicht mehr interessiert, sie sind bezogen auf ihre eigene Lebenswelt und ihre eigene Zukunft.

Insgesamt ist der Roman ein unbedingt lesenswertes Buch, das mich als Leserin auch sprachlich so fasziniert hat, dass ich es kaum aus der Hand legen konnte.

Norbert Gstrein, Im ersten Licht, Hanser Verlag 2026, 416 Seiten, 27 Euro.

Elke Trost

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