Stephanie Hempel war zehn Jahre alt und seher mutig, als sie bei einer Veranstaltung der sozialistischen Jugend im mecklenburgischen Grabow – noch zu DDR-Zeiten! – als eigenen Beitrag „Let it be“ von den Beatles vortrug. Den Text hatte sie sich in Lautschrift – man lernte kein Englisch in DDR-Schulen – aufgeschrieben und sich dabei maßlos über die Erwähnung ihrer Schwester Claudi – „And when the night is cloudy“ – geärgert. Das erzählte die Leiterin der Hamburger „Silver Spoon“-Band – außer ihr noch Ben Barritt und Billy King – beim Rheingau-Musik-Festival im Eltviller Gutsausschank Baiken mit viel humoristischem Einschlag, bevor sie das im Jahr 1970 von Paul McCartney komponierte Lied selbst zur eigenen Klavierbegleitung vortrug. Diese Liebe zu den vier Liverpooler Musikern hat ihr musikalisches Leben bis heute geprägt und schlägt sich in dem reichhaltigen Repertoire der Veranstaltung mit dem Titel „Hempel´s Beatles-Show“ nieder.
Stephanie Hempel begann mit einem leicht wehmütigen Rückblick auf das rührige Musikleben der frühen Sechziger im Hamburger Vorort St. Pauli. Um 1962 spielten dort verschiedene englische Bands Nächte durch, unter ihnen eine noch jugendliche Gruppe, deren vier Mitglieder John, Paul, George und Ringo hießen. Stephanie Hempel erwähnt in ihrer launigen Ansprache geradezu genüsslich, dass die Beatles in Hamburger Clubs – allen voran der „Star Club“ – weit mehr Stunden gespielt haben als in Liverpool. Eigentlich seien die vier Pop-Musiker Hamburger….
Aber gesungen wurde dann an diesem Abend auch, und das nicht zu knapp und sehr gut. Es begann chronologisch mit einem frühen Stück aus der Hamburger Zeit, das heute nur noch Insider kennen, gefolgt von einem anderen „B-Seiten“-Song mit ähnlichem Bekanntheitsgrad. Damit zeigten die „Silver Spoons“ gleich zu Beginn, dass sie hier keine Show mit den Erfolgstitels abziehen, sondern auch musikalisch die Entwicklung dieser Weltband nachspielen wollten. Klar, dass viele Besucher dieses Konzerts auch diese Stücke mitsangen, denn das Publikum setzte sich offensichtlich aus in der Wolle gefärbten Beatles-Fans zusammen. Das erkannte man nicht nur am Altersdurchschnitt….
Natürlich nahm auch der letzte – und legendäre! – Hamburger Auftritt der Beatles Sylvester 1962 – zumindest verbal! – einen gebührenden Platz ein, obwohl sie dort noch keinen eigenen Erfolgssong präsentieren konnten. Der erste folgte dann jedoch mit „I want to hold your hand“ zehn Mnate später und leitete den weltweiten Durchbruch der Beatles ein. Die Silver Spoons interpretierten dieses Renner auf so jugendliche Weise, dass man nur die Augen schließen musste und sich einbilden konnte, da oben stünden vier junge Männer, die dem Publikum ihren ersten großen Hit servierten…
Dann ging es Schlag auf Schlag mit Ohrwürmern weiter: „Norwegian Wood“, „Eleanor Rigby“, „Nowhere Man“ und „We can work it out“ kamen derart authentisch rüber, dass man sich an die eigene Jugend erinnerte – der Rezensent ist Altersgenosse der Beatles – und die eigenen Erfahrungen dieser Zeit Revue passieren ließ. Und das ging wohl den meisten Besuchern so, denn die Gesichter spiegelten die eigenen Erinnerungen an diese Zeit wider, ob nun mit oder ohne eigenes Mitsingen. Zu jedem Stück steuerte Stephanie Hempel treffende Bemerkungen über den Text und die jeweilige Herkunft bei und betonte dabei, dass die Beatles vor allem nach ihrem Indien-Aufenthalt wesentlich mehr als „Liebe – Triebe“ oder „Herz – Schmerz“ in ihren Songs verarbeiteten. Man kann in diesem Zusammenhang durchaus von E-Musik sprechen, denn inhaltliche Anklänge an Schubert oder Schumann sind nicht zu verkennen. Dass diese Assoziation in der Musikwelt der 60er ein Faux-Pas gewesen wäre, versteht sich von selbst, doch Stephanie Hempel erwähnte auch die Antwort von Leonard Bernstein auf eine journalistische Frage zu seinen damaligen musikalischen Interessen: „Die Beatles“!
Der zweite Teil setzte diesen bewussten und ganz gezielten Gang durch die Beatles-Geschichte fort. Nun kam das fast schwermütige, an Schuberts „Leierkastenmann“ erinnernde „Blackbird“ zu Gehör, es folgten „Penny Lane“ und „Paperback Writer“, und immer wieder verband Stephanie Hempel die Inhalte der Lieder mit der Geschichte der Band und ihrer Mitglieder und legte den Sinn dieser Songtexte offen. Ihre beiden Mitstreiter brillierten stimmlich – Billy King“ – und an der Gitarre – Ben Barrit“ -, beherrschten aber auch die jeweils anderen Instrumente. Stephanie Hempel spielte ausgiebig auf der Ukulele, dem Lieblingsinstrument von George Harrison.
Nach dem letzten Lied brandete dann ein solch begeisterter Applaus auf, dass die Band noch eine Zugabe liefern musst. Das „Hey Jude“ sang dann das halbe Zelt gerührt mit.
Ein wahrhaft nostalgischer Abend, der gar nicht erst in die Nähe von Retro-Kitsch geriet und viele Besucher zurückführte in ihre Jugend.
Frank Raudszu

No comments yet.