Patrick Modiano: „Unterwegs nach Chevreuse“

Die Initialen des Autors – PM – ergeben bei Umkehr MP, was auf den ersten Blick banal erscheint. Doch diese Verdrehung der Initialen verweist – unbewusst? – auf einen anderen französischen Autor, an den das vorliegende (Hör-)Buch auf erstaunliche Weise erinnert. Modiano schildert ein halbes Jahr im Leben eines jungen Mannes auf eine Weise, die bewusst das Handlungstempo drosselt und die Wahrnehmung des Lebens und der vergehenden Zeit beschreibt.

Diese Sichtweise wird noch durch die zeitliche Struktur des Romans verstärkt. Die Echtzeit des fiktiven Erzählers liegt irgendwann in der zweiten Dekade dieses Jahrhunderts, doch ohne jegliche Handlung. Diese selbst läuft fünfzig Jahre vorher in Paris ab, und die Erzählzeit ergibt sich lediglich aus den kurzen Verweisen auf die seitdem vergangene Zeit von fünfzig Jahren. Man hört eine älteren Mann um die siebzig bei seinen Erinnerungen an eine Episode seiner Jugend zu, und diese zeitliche Verpackung schafft einerseits eine große Distanz und bringt andererseits den fast schon verzweifelten Versuch des Erzählers zum Ausdruck, die verlorene Zeit zurückzubringen. Gegen Ende lässt der Erzähler fast beiläufig den Satz fallen, dass es sich hier um eine Suche nach der verlorenen Zeit handle, womit die Assoziation der Initialen geklärt sein dürfte.

Der etwa zwanzigjährige Jean lernt in Paris die etwas abgedrehte Camille kennen und zieht mit ihr durch Paris. Erotik oder gar Sex sind keine Themen, es schein nur eine Art Zufallsfreundschaft zu sein. Eines Tages nehmen ihn Camille und deren Freundin Martine zu einer Wohnungsbesichtigung südlich von Paris mit, wobei er zu seinem Erstaunen feststellt, dass es sich bei dem Mietshaus genau um das Haus handelt, in dem er als Kind gewohnt hat. Zwangsläufig weckt der Besuch in ihm Erinnerungen an die damalige Besitzerin und weitere Personen, die dort lebten, doch er lässt sich dieses „déjà vue“ nicht anmerken. Darüber hinaus macht ihn Camille mit einem Hotelbetreiber bekannt, dessen nie anwesender Compagnon seltsamerweise denselben Namen trägt wie einer der früheren Bewohner des besagten Mietshauses.

Vor allem der Besuch in seiner früheren Wohnung weckt viele Erinnerungen in Jean, die sich immer mehr verdichten, zumal ihm Camille noch wie zufällig den Schreibtisch des Hotelcompagnons zeigt, für den sie angeblich auch einmal gearbeitet hat. Diese Erinnerungen kreisen in ihm, dehnen sich aus und wecken erste Spekulationen, ob es sich hier um Zufall oder Absicht handelt. Letzteres erscheint ihm jedoch unwahrscheinlich, weil er keinen Grund sieht. Dennoch zieht es ihn wieder zu diesem Haus hin, um mehr von den momentanen Bewohnern über das Haus und ihre Vorgänger zu erfahren. Dabei rückt seine Kindheit Stück für Stück wieder in den Vordergrund, er erinnert sich an weitere Namen und an bestimmte Situationen in dem Haus, die ihn damals verwirrt haben. Auch die Namensgleichheit des früheren Bewohners mit dem Hotelbetreiber gibt ihm zu denken, doch nicht im kriminalistischen Sinne, sondern als Bedürfnis, sich noch einmal seine Kindheit zu vergegenwärtigen. Er begibt sich im wahrsten Sinne auf die Suche nach seiner aus dem Gedächtnis verlorenen Kindheit.

Dass sich zum Ende hin alles klärt und dabei sogar in gewissem Sinne kriminalistische Züge entwickelt, verleiht dem Buch einen gewissen Handlungsbogen, ohne bewusst Spannung erzeugen zu wollen. Es ist eher das erwachende Interesse an der eigenen Kindheit und die entsprechenden Recherchen, die am Ende die Zusammenhänge ans Tageslicht bringen. Dabei geht es dem Autor nicht um die typische Auflösung eines Detektivproblems mit Entlarvung der Bösen, sondern um die Selbstfindung eines jungen Menschen, der sich bei der intensiven Beschäftigung mit seinem Leben über vieles im Klaren wird, das ihm bis dahin nicht bewusst war. Etwa, dass die Menschen um ihn herum in ihm nicht nur einen netten jungen Mann sehen, mit dem man gerne Zeit verbringt, sondern Beziehungen aus ganz anderen Gründen aufbauen und für sich nutzen. Wenn die Voraussetzungen für diese Beziehungen nicht mehr stimmen, verschwinden die Menschen nahezu lautlos aus seinem Leben. Auch dieses Verschwinden muss Jean erst am eigenen Leibe erfahren und in gewissem Sinne verstehen, um sich selbst weiterentwickeln zu können.

Doch einen Entwicklungsroman hat Modiano damit nicht beabsichtigt, und schon gar nicht ein „coming off age“. Ihm geht es um viel mehr, nämlich um das langsame aber stetige Erfassen der Welt aus den banalen Dingen des Alltags und dem Verstreichen der Zeit. Gerade junge Menschen verfügen noch nicht über die Zeiterfahrung und müssen erst über temporäre Beziehungen das Wesen der verstreichenden Zeit kennenlernen. Der Autor bringt dieses langsame Verstreichen durch den langsam getakteten und zwischen Reflexion und Betrachtung gehaltenen Schreibstil zum Ausdruck, der auch dem kleinsten Detail der Alltags noch Aufmerksamkeit schenkt, so wie andere Autoren sich seitenlang über ein Stück Gebäck auslassen konnten.

Walter Kreye verleiht dem Text als Sprecher die Strahlkraft eines erfahrungsgesättigten Lebens, das sich noch einmal zu den Anfängen zurücksehnt und gleichzeitig die Aussichtslosigkeit dieses Unterfangens akzeptiert.

Das Hörbuch ist bei Hörbuch Hamburg erschienen und kostet bei einer Spieldauer von 229 Minuten in der Kindle-Version 16,99 Euro.

Frank Raudszus

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