Peter Sloterdijk: „Der Fürst und seine Erben“

Der Untertitel dieses Essays des keinem Lager zuzuordnenden Intellektuellen lautet „Über große Männer im Zeitalter der gewöhnlichen Leute“, wobei – nebenbei bemerkt – die Bezeichnung „groß“ eher als bittere Ironie zu verstehen ist. Mit dem „Fürst“ verweist Sloterdijk auf das schmale Werk „Il principe“ des Italieners Niccolò Machiavelli, in dem dieser auf erstaunlich offene Art und Weise die grundlegenden Eigenschaften eines Fürsten bzw. eines Souveräns beschreibt. Sloterdijk legt mit diesem schmalen Band keine weitere Interpretation des Renaissance-Buches vor, sondern benutzt letzteres lediglich als Bezugspunkt für seine Reflexionen über das aktuelle Phänomen autoritärer Figuren an der Spitze von Republiken oberhalb des „Bananen“-Niveaus.

Als einen zentralen Punkt in Machiavellis Buch zieht Sloterdijk die Aussage heran, das „ein Fürst nicht gut sein können müsse“ in dem Sinne, dass er die Fähigkeit haben müsse, allgemeine moralische Standards zu ignorieren. In einer Welt, in der selbst Diktatoren sich schon immer für die „Guten“ gehalten haben, ist diese nüchterne Sicht tatsächlich ungewöhnlich, und so schiebt Sloterdijk auch noch lakonisch hinterher, dass die im christlichen Sinne Guten – „halte die andere Wange hin“ – nach allen Erfahrungen dem Untergang geweiht seien.

Sloterdijk geht bei seinen Betrachtungen bis zum Paradies von Adam und Eva zurück und definiert den ersten Sündenfall als den Versuch früher Anarchisten, ihre Umgebung zu verstehen. Dabei verweist er auf die Unstimmigkeit eines Verbots im Paradies- der Apfel! Wo es kein Wissen von Gut und Böse gebe, sei auch ein Verbot und damit die Strafe der Vertreibung sinnlos. Dieser ersten, eigentlich „falschen“ Sünde sei dann die zweite gefolgt, nämlich der „Rückfall“ in den Staat, der die vertriebenen Anarchisten wieder in die Abhängigkeit von höheren Mächten geführt habe.

Die Herrscher haben laut Sloterdijk schon immer versucht, ihrer Führungsposition die Protektion transzendentaler Instanzen angedeihen zu lassen. Schon Aeneas habe laut Vergil die göttliche Weisung zur Gründung Roms erhalten, und Caesar habe den Rubicon erst überschritten, als ein mächtiger Krieger an eben diesem Fluss auf der Flöte eine betörende, sprich: ermunternde Melodie gespielt habe. So sei es nur konsequent gewesen, dass sich die Kirche und die Fürsten schließlich in einem „Win-Win“-Akt darauf einigten, für die Kaiser und Könige das Gottesgnadentum einzuführen. Die weltlichen Führer waren endlich von – damals – höchster Stelle legitimiert, und die Kirche konnte weiterhin ihre soziale und geistige Herrschaft über das Volk ausüben.

Neben Machiavelli zitiert Sloterdijk auch Carl Schmitt, vor allem mit dem Ausspruch, dass Souverän sei, wer über den Ausnahmezustand verfüge. Diese Aussage variiert Sloterdijk je nachdem, womit real existierende Souveräne ihre Macht bewiesen haben, und deckt dabei die ganze Palette von Machtpraktiken ab. Eine erste, schwächere Paradoxie legt er offen, wenn er sagt, dass überall, wo ein Souverän auftritt, auch eine Mindestmenge von Untergebenen existieren müsse, die sozusagen per Existenz die Macht des Souveräns bestätigen und erdulden müssen. In frühen Zeiten sei das durch Austausch von Schutz gegen Ausbeutung geschehen, während in jüngeren Zeiten der Schutz durch Repression ersetzt worden sei. Die wirkliche Paradoxie entdeckt Sloterdijk jedoch in der Definition des Volks als Souverän, die sich – wenn auch nur implizit – sogar im Grundgesetz der Bundesrepublik niedergeschlagen hat. Diese Souveränität beruht auf und spiegelt sich im „Volkswillen“. Da der Wille laut – philosophischer – Definition eine Eigenschaft des Subjekts sei, lasse er sich nicht ungeschmälert auf eine aus vielen unabhängigen (!) Subjekten bestehende Gesellschaft übertragen. Sloterdijk schließt daraus auf seine unnachahmlich lakonische Art, dass selbsternannte Eliten wie die Jakobiner oder das ZK bzw. Politbüro real existierender sozialistischer Staaten diese Paradoxie erkannt und sie durch Übernahme der einförmigen Willensbildung „im Sinne des Volkes“ gelöst hätten. Nichtsozialistische Autokratien haben es dabei einfacher, da sie erst gar keine Volkssouveränität und damit den einheitlichen Willen definieren (müssen).

Sloterdijk greift auch seinen aus früheren Arbeiten bekannten Begriff der „Vertikalität“ wieder auf. Demnach ist der Gattung Mensch der Drang „nach oben“ – also Vertikalität – eingepflanzt, sei es nun im Transzendentalen – Gottheit – oder Säkularen – Fürst. Damit hat Sloterdijk auch den Wettbewerb als einen der grundlegenden Eigenschaften des Menschen definiert, was ihn schließlich auch der Linken entfremdet und diese zu seinem Gegner gemacht hat. Diese Vertikalität spiegelt sich sowohl im frühen Raubrittertum – eher hemdsärmelig – als auch im späteren Gottesgnadentum oder in der nur noch mit dem eigenen Ego begründeten Machtposition heutiger Autokraten.

Folgten die Fürsten – unter die auch Könige und Kaiser fallen – noch einem bestimmten Kodex des „guten Fürsten“ – siehe Gottesgnadentum -, so konstatiert Sloterdijk seit dem 20. Jahrhundert eine „Verwilderung der Vertikalen“. Hitler wie Stalin – und später auch Mao – führten das Volk nur noch als propagandistisches Ziel in ihren Reden, ignorierten es jedoch weitgehend in ihren Aktionen und sahen es gegen Ende ihrer Herrschaft teilweise als Gegner. Sloterdijk verzichtet auf eine philosophische Ursachenforschung für diese Entwicklung, vielleicht, weil die Gründe viel einfacher sind als gedacht: letztlich nur der Machtrausch des Egos. Und diese Entwicklung war kein Betriebsunfall in der prinzipiell erfolgreichen Epoche der Aufklärung, sondern setzt sich im 21. Jahrhundert ungebrochen fort. Die Namen liegen offen auf dem Tisch.

Diese falschen Hoffnungen der Aufklärung greift Sloterdijk auf, indem er den republikanischen Hoffnungen nach 1789 nur eine Scheinblüte attestiert. In Frankreich, dem Land der epochalen Revolution des Volkes, stimmte dieses widerspruchslos der Wiedererrichtung der autokratischen Monarchie von Napoléon III. im Jahre 1852 zu, als dieser ohne äußere Not und aus einem persönlichen Machtanspruch – Neffe des „großen“ Onkels´- sich selbst zum Kaiser erklärte. Sloterdijk belegt diese Art der Autokratie mit dem Begriff „Theaterstaat“, da hier ein politischer Niemand eine alte, vermeintlich goldene Zeit zurückgeholt habe, die jedoch lediglich seinem Ego gedient habe. Der Vergleich mit dem Theater stimmt insofern, als ja sowohl im Theater als auch im Film große Stücke sich oft mehr um den Hauptdarsteller als um den Inhalt drehen. Bei Sloterdijk spürt man jedoch auch eine philosophische, mit bitterer Ironie angereicherte Verzweiflung, wenn er den republikanischen Geist der Aufklärung vor einer so billigen Farce weichen sieht.

Das Beispiel des Napoléon III. stellt für Sloterdijk den Einstieg der Politik in das Absurde dar. Die Fallhöhe zwischen dem – europa- bis weltweit anerkannten – Anspruch der Aufklärung und den tatsächlichen Regierungsformen des 19. bis 21. Jahrhunderts lässt sich seiner Ansicht und der verschiedener zitierter Denker des letzten Jahrhunderts nach nicht mehr auf Schwächen der jeweiligen Verfassungen oder auf ökonomische Probleme zurückführen, sondern stellt eine grundlegende Ablehnung der per se komplexeren Randbedingungen republikanischer Systeme dar, die man auch als Ablehnung vernünftiger Maßstäbe auffassen kann. Warum ganze Gesellschaften – früher sagte man „Völker“ – sich diesem Absurden auslieferten, ist nicht Gegenstand dieses Buches, aber laut Sloterdijk spiegelt sich darin der bereits erwähnte „Rückfall in den Staat“, den die damaligen Jäger und Sammler zusammen mit der Sesshaftigkeit auch freiwillig – aber wohl nichtsahnend – vollzogen hätten.

In diesem Buch stellt Sloterdijk kein neues Gesellschaftsbild vor, sondern äußert lediglich eine Reihe von strukturierten Gedanken zum Begriff der Autokratie, die man eher als Fragestellungen denn als in sich geschlossene Theorie verstehen kann. Vieles erscheint logisch und – nach der Lektüre – nicht überraschend, ist aber so noch nicht zusammengefasst worden. Als Leser erhält man viele neue Anregungen über das Wesen menschlicher Gemeinschaften und den steten Versuch Einzelner, sich diese Gemeinschaften untertan zu machen. Dass sich daraus – zumindest implizit – auch deutliche Warnungen für die nähere Zukunft ergeben, versteht sich von selbst.

Das Buch ist bei Suhrkamp erschienen, umfasst 189 Seiten und kostet 22 Euro.

Frank Raudszus

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