Tastengewitter im Odenwald

Nach der langen Hitzeperiode ziehen überall Blitz und Donner durch das Land, deren akustische und optische Eindrücke sich tief in die menschliche Seele einprägen. Doch es gibt ähnliche akustische Ereignisse, die uns zwar nicht ängstigen, doch ebenfalls derartig beeindrucken, dass wir sie noch für Stunden im Kopf behalten. So ein Ereignis fand am 23. August in der Odenwälder Hofreite Zipfen in Gestalt eines Klaviernachmittags statt. Der Wiener Pianist und Hochschulprofessor Klaus Sticken interpretierte Werke von Mozart, Beethoven, Berg sowie Schubert und bewies an diesem Nachmittag nicht nur seine technischen Fähigkeiten, sondern vor allem seine interpretatorische Kraft, mit der er die verschiedenen Werke geradezu aus dem Flügel herausmeißelte.

Der Pianist Klaus Sticker

Er begann seinen Vortrag mit der noch ganz dem späten Rokoko verhafteten Klaviersonate C-Dur KV 330 von Wolfgang Amadeus Mozart. Eingängige, dem Wohlklang verpflichtete Themen, raffinierte harmonische und motivische Verarbeitung sowie kunstvolle Verzierungen stehen im Mittelpunkt, und man merkt diesem Werk an, dass es an der Schnittstelle zwischen höfischer Auftragsmusik und eigenem Ausdruckswillen des Komponisten entstand. Sticken verlieh seiner Interpretation einen Hauch von historischer Spielweise, indem er weitestgehend auf Legato verzichtete und auch den Anschlag eher markant denn bewusst gefühlvoll ansetzte. Dadurch vermittelte er dem Publikum eine Ahnung davon, wie diese Musik bei Mozart selbst geklungen haben mag, der ja statt des heutigen Steinway-Flügels nur ein sehr begrenztes Instrument vor sich hatte. Dennoch verzichtete Sticker nicht auf die Möglichkeiten des Flügels, sondern nutzte sie dort, wo es sich anbot. Eins wurde bei seinem Spiel jedoch klar: die Zeit der „perlend und lieblich-unschuldig“ gespielten Mozart-Sonaten ist endgültig vorbei.

Der Sprung zu Beethovens „Eroica-Variationen“ zeigte deutlich, wie sich die Musik in zwanzig Jahren verändert hatte. Bei diesem Werk steht der kompositorische Wille vollständig im Mittelpunkt, und die Rezeptionsfähigkeit des Publikums spielt eine untergeordnete Rolle. In fünfzehn Variationen und eine Fuge verarbeitet Beethoven das vorgegebene Thema und zieht dabei alle harmonischen, dynamischen und rhythmischen Register. Dabei geht er an die Grenzen der Spielbarkeit, und zu seinen Zeiten dürfte so mancher Pianist daran gescheitert sein. Klaus Sticker präsentierte diese Variationenfolge mit typisch Beethoven´schem Impetus, der keine Kompromisse hinsichtlich musikalischer Unterhaltung eingeht und die aktive Rezeption des Publikums einfordert. Wie in vielen seiner Sonaten spielen „schöne Melodien“ keine Rolle, sondern die emotionale Wirkung ausgefallener Metrik und Harmonik steht im Vordergrund. Das stellt natürlich hohe Anforderungen an ein Gelegenheitspublikum, das eventuell einen angenehmen musikalischen Nachmittag erwartet hat. Sticker lebte diese Kompromisslosigkeit des Komponisten buchstäblich an den Tasten aus und konfrontierte die Zuhörer nicht nur mit einem ausgesprochen komplexen musikalischen Werk, sondern vor allem mit einer die Grenzen der Rezeption fordernden Dynamik, die nicht zuletzt auf einer stupenden Technik beruhte. Das Publikum zeigte sich beeindruckt und verabschiedete ihn mit kräftigem Applaus in die Pause.

Der zweite Teil begann mit Alban Bergs 1911 entstandenen Klaviersonate Nr. 1 und führte damit in eine völlig neue musikalische Welt. Erkennbare Motive oder gar Themen wie bei Mozart und Beethoven sind hier kaum noch zu erkennen, stattdessen beherrschen Akkordfolgen an der Grenze der Tonalität – und darüber hinaus – sowie weitgehend freie Metrik und ephemere Motive das musikalische Feld. Wer sich auf diese Musik einlässt, erhält nach und nach Zugang zu der geistig-seelischen Verfassung der kulturellen Welt des frühen 20. Jahrhunderts, das unter dem Verlust Jahrhunderte langer Gewissheiten litt und unter Zukunftsängsten litt. An dieser Musik lässt sich in gewissem Sinne nachvollziehen, wie eine desorientierte europäische Kulturlandschaft dem Krieg entgegentrieb. Klaus Sticker präsentierte dieses auf jede Gefälligkeit verzichtende Stück mit hoher Intensität, aber auch mit dem fragenden, ja fast resignierenden Gestus des frühen Moderne.

Der Höhepunkt kommt bei einem guten Konzert stets zum Schluss, und bei diesem Konzert kam er in Gestalt von Franz Schuberts Wanderer-Fantasie, dessen Tonart C-Dur nur scheinbar Klarheit und Zuversicht verspricht. Schubert hat in diesem eher frei konzipierte Werk – daher die Bezeichnung „Fantasie“ – seine ganze Verzweiflung über seine vermeintlich verpfuschte musikalische Existenz gelegt und sich dabei in einen musikalischen Exzess gesteigert, der ihn selbst zu der späteren Aussage führte, dieses Stück könne eigentlich keiner spielen. Das haben nach ihm auch einige Pianisten bestätigt, doch wie so oft war es dann für irgendwen und dann für die restliche pianistische Welt spielbar und hat sich zu einem wichtigen Pfeiler des pianistischen Repertoires entwickelt. Heute kann man es zum Pflichtkanon für jeden anspruchsvollen Pianisten zählen. Allerdings fordert es alle technischen und interpretatorischen Fähigkeiten des Pianisten, angefangen mit den weitgespannten Akkordfolgen, über die ausgeprägten Läufe bis hin zu den streckenweise abenteuerlich schnellen und komplizierten Wechsel der Hände. Klaus Sticker meisterte diese technischen Herausforderungen nicht nur souverän, sondern mit großer interpretatorischer Kraft, die den musikalischen Gehalt des Werkes förmlich aus der Tastatur herausmeißelte. Für das Publikum gab es keinen Augenblick der beschaulichen Ruhe und des bloßen Genusses, sondern die Rezeption dieses Vortrages forderte den Willen und die Fähigkeit zu hoher Konzentration und Verfolgen der musikalischen Entwicklung.

Dass Klaus Sticker alle Werke auswendig vortrug, ist heute zwar Standard und zwecks Konzentration auf die Gestaltung auch Vorbedingung, dennoch sollte man die geistige Leistung dieses freien Vortrags explizit würdigen, die darin besteht, ein so umfangreiches und vielfältiges Stück vollständig und in all seinen Nuancen im Kopf zu haben. Dabei wirkte der Solist, immerhin mit dem Titel eines Professors versehen, bei der Entgegennahme des begeisterten Schlussapplauses ausgesprochen bescheiden, als sei er sogar ein wenig erstaunt über die Beifallskundgebungen. Vielleicht liegt das auch daran, dass der Kreis der Interessenten für derartige musikalische Darbietungen in den letzten Jahrzehnten wegen der veränderten Aufmerksamkeitsökonomie leider stetig abnimmt.

Wir haben diesen Nachmittag in höchstem Maße genossen und wünschen uns mehr solcher Solovorstellungen.

Frank Raudszus

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