Das Lied ist ein Eckpunkt gerade des deutschen Musikrepertoires, stammen doch die meisten Werke dieser Gattung – zumindest in Europa – aus dem deutschsprachigen Raum, wobei vor allem das 19. Jahrhundert eine zentrale Rolle spielte. Namen wie Franz Schubert und Robert Schumann stehen dabei stellvertretend für eine breite Palette einschlägiger Komponisten. Das 1. Kammerkonzert des Staatstheaters Darmstadt widmete dieser Gattung einen ganzen Abend mit dem englischen Tenor Kieran Carrel und seinem Begleiter Jonathan Ware am Klavier.
Auf dem Programm stand vor allem Franz Schubert, umrahmt von Franz Liszt und Benjamin Britten. Dabei kamen dieses Mal bei Schubert aber nicht die bekannten Zyklen – „Die schöne Müllerin“ und „Die Winterreise“ – zum Zuge, sondern eher unbekanntere Lieder, die in Schuberts Liedwerk von 700 Titeln die Mehrheit darstellen. Dabei bildeten die zehn Lieder nach Gedichten des Schubert-Zeitgenossen Ernst Schulze den Schwerpunkt dieses Abends. Schulze war in gewisser Weise das poetische Pendant zum musizierenden Schubert. Der krankheitsbedingte frühe Tod im Alter von 28 Jahren sowie die beruflichen wie erotischen Enttäuschungen prägten seine Gedichte in ähnlichem Maße wie bei Schubert dessen Kompositionen. Da lag es nahe, dass Schubert den poetischen „Schwager“ auf Anhieb verstand und seine Gedichte vertonte.
Der erste Block des Abends bestand aus fünf Schulze-Gedichten: „Auf der Bruck“ verbreitet frohgemute Aufbruchsstimmung, „Der liebliche Stern“ endlose Sehnsucht, „Im Walde“ umarmt die Natur mit raunenden, chromatisch aufsteigenden Figuren, „Um Mitternacht“ spiegelt das gedankenverlorene Innere wieder, und „Lebensmut“ schließlich wagt noch einmal so etwas wie Aufbegehren gegen die Unbill des Lebens.
Stand dieser Teil noch ganz im Bann des typischen Schubert-Lieds mit seiner Sehnsuchtsverzweiflung, so setzten die sieben Lieder von Franz Liszt nach Gedichten von Heinrich Heine, Victor Hugo und Goethe vor allem musikalisch einen Gegenpol. Liszts Kompositionen zeichnen sich dabei durch eine freiere Metrik sowie größere Dynamik und Kontraste aus, wie sie in der aufkommenden Romantik zur Regel wurden. Victor Hugos „Oh! Quant je dors“ kam fast wie eine Opernarie daher, das Pendant „Comment, Disaient-ils“ dagegen geradezu aufgeregt, und Goethes „Freudvoll und leidvoll“ strahlte vor Verinnerlichung. „Die Loreley“ dagegen setzt sich deutlich von der landläufig-gängigen Liedversion ab und betont das Schwermütige und Geheimnisvolle in fast schon expressionistischer Weise.
Der zweite Teil nach der Pause war dann wieder Schubert mit Liedern verschiedener Autoren, darunter auch wieder Ernst Schulze, gewidmet, und den Abschluss bildeten fünf Lieder von Benjamin Britten. Während die Schubert-Lieder noch einmal typische Themen wie Einsamkeit oder Jahreszeiten – „Winterabend“, „Herbst“ und „Im Frühling“ mit all ihren emotionalen Assoziationen aufnahmen, lieferten die Britten-Lieder ein expressionistisches Gegenstück, das sich natürlich auch aus der anderen Epoche – 20. Jahrhundert! – ergab. Expressivität sowie harmonische wie metrische Freiheiten stehen hier im Vordergrund.
Kieran Carrel überzeugte vor allem durch seine Innerlichkeit, die er meisterhaft zum Ausdruck brachte. Er ist kein Sänger der lauten Töne und geht mit expressiven Passagen fast schon vorsichtig um. Stellenweise – vor allem zu Beginn – litten seine introvertierten Interpretationen etwas unter der durchaus markanten Klavierbegleitung Jonathan Wares, doch im Laufe des Abends wurde er auch in den aufbegehrenden oder expressiven Liedern deutlich stärker und konnte sich dann gut gegen seinen Partner behaupten. Für den war es jedoch nicht immer einfach, Carrels teilweise sehr zurückgenommene Stimme noch zu unterbieten.Vor allem bei Liszt und Britten wird das Klavier akustisch durchaus ausgereizt, und die Akkordketten lassen sich halt selten im Pianissimo spielen, ganz abgesehen von den Vorgaben des Komponisten. Doch vor allem in den leiseren Liedern zeigten beide eine sehr gute Abstimmung, die besonders den Schubert-Liedern zum Segen gereichte.
Das Publikum zeigte sich von diesem Abend angetan und spendete kräftigen Beifall.
Frank Raudszus


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