Christiane Hoffmann ist den meisten wohl als stellvertretende Regierungssprecherin der Ampel-Regierung von 2022 bis 2025 bekannt. Dass sie auch eine renommierte Journalistin ist, die jahrelang für die F.A.Z. und später für den Spiegel als Auslandskorrespondentin gearbeitet hat, wissen interessierte Zeitungsleserinnen sicher auch. Christiane Hoffmann ist studierte Slawistin und Historikerin. Sie hat schon als Studentin ein Jahr an der Universität von Leningrad verbracht und später als Journalistin mehrere Jahre in Russland gelebt. Sie ist eine intime Kennerin russischer Literatur und Kultur, insbesondere aber der politischen Entwicklungen unter Gorbatschow und nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion.
Wie sie die Jahre von 1989 bis 2025 meist unmittelbar vor Ort wahrgenommen hat, das legt sie nun in ihrem neuen Buch „Die Träume, die wir hatten“ nieder. In dieses politische Buch integriert sie ein zweites, sehr persönliches, in dem es um den psychischen Niedergang ihrer Freundin, auch Slawistin und Russlandkennerin, geht.
Ihre unmittelbaren Erfahrungen in Russland ermöglichten es ihr, die historisch bedeutsamen Umwälzungen auch in ihrer Wirkung auf die Bevölkerung zu erfassen. Mit genauem analytischem Blick verfolgt sie den politischen Wandel in Russland und das sich ebenfalls wandelnde Verhältnis zum Westen.
Sie erlebt die unter Gorbatschow beginnende Perestroika als ein Aufblühen der kritischen politischen und kulturellen Szene in Leningrad (bzw. Petersburg) als Befreiung, die schon früh den bevorstehenden Zusammenbruch des Systems der UDSSR erahnen lässt.
Christiane Hoffmann gibt insgesamt einen Überblick über die rivalisierenden Kräfte, insbesondere die alten Seilschaften, die Gorbatschow scheitern lassen. Die 90er Jahre unter Jelzin lassen die Hoffnungen auf eine stabile Demokratie wachsen. Hier setzt der kritische Blick von Christiane Hoffmann an. Der Westen habe an Jelzin festgehalten, auch seine Wiederwahl unterstützt, obwohl unverkennbar war, dass Jelzin alkoholabhängig und dazu schwer krank war, sodass mit ihm eine stabile Entwicklung nicht möglich sein würde.
Der große Fehler des Westens sei die Nato-Ost-Erweiterung gewesen, die trotz gegenteiliger mündlicher Versicherungen an Gorbatschow vorangetrieben wurde. Hier verweist Hoffmann auch auf die Blauäugigkeit von Gorbatschow, der nicht auf einer schriftlichen Verankerung bestanden habe. In ihrer Analyse sieht sie in dieser Nato-Ost-Erweiterung den Urgrund für Putins imperialistische Bestrebungen. Sie erinnert uns an den frühen Putin, der zunächst an einer Annäherung an den Westen interessiert gewesen sei. Der Tschetschenien-Krieg, die Annexion der Krim und schließlich der Überfall auf die Ukraine sei damit eine Folge verfehlter westlicher, insbesondere US-amerikanischer Politik.
Mit großem Detailwissen zeigt Hoffmann die Entwicklungslinien auf, wie sie sich u.a. auf verschiedenen Konferenzen gezeigt haben.
Das liest sich alles hoch interessant und fasst noch einmal die vergangenen 36 Jahre zusammen. Dabei geht es ihr nicht darum, als „Russland-Versteherin“ ihre Liebe für dieses Land zu verklären, vielmehr will sie aufklären und politische Zusammenhänge bewusst macht, damit die Leserinnen und Leser auch die gegenwärtige Situation besser verstehen können.
Christiane Hoffmann stellt die weltpolitischen Ereignisse auch aus der Sicht der persönlichen Betroffenheit dar. Von daher ergibt sich für sie die Verknüpfung mit der individuellen Lebensgeschichte der Freundin, mit der sie die Begeisterung für russische Literatur und Kultur teilt. Die Freundin hat über die russische Lyrikerin Anna Achmatowa (1889 – 1966) promoviert, auf deren Leben und Werk Christiane Hoffmann immer wieder Bezug nimmt, weil sie Parallelen zu Lebenseinstellung der Freundin sieht. Sie verfolgt den Lebensweg der Freundin, die sie in jungen Jahren als starke und begeisterungsfähige Persönlichkeit erlebt und die sie bewundert für ihre Kraft und ihren scharfen analytischen Verstand. Für Christiane Hoffmann ist es immer noch unfassbar, dass gerade dieser Mensch sich selbst überfordert und schließlich in tiefer Depression versinkt. Die Freundin ist 58 Jahre alt, als sie sich am Tag des Überfalls Russlands auf die Ukraine das Leben nimmt.
Diese Koinzidenz der Ereignisse ist es wohl, die Christiane Hoffmann auf das Konzept der Verquickung der beiden Darstellungsstränge gebracht hat. Was sie umtreibt, sind die Versäumnisse: die des Westens im Umgang mit Russland und ihre persönlichen in Bezug auf die Leidensgeschichte der Freundin. Hätte man die Katastrophen durch klügere und weitsichtigere Politik einerseits und durch größeres persönliches Engagement verhindern können? Das ist die Frage, die sie umtreibt.
Ich habe beide „Geschichten“ mit großem Interesse verfolgt. Dennoch hat mich diese Verknüpfung von politischer und individueller Geschichte zunehmend irritiert, zumal Christiane Hoffmann bisweilen Parallelen zieht, die etwas weit hergeholt erscheinen. Ich hätte mir gewünscht, dass sie daraus zwei Bücher gemacht hätte. Mich hat die Unterbrechung der politischen Darstellungen gestört, ich wollte in diesen Zusammenhängen bleiben. Gleichzeitig hätte ich gerne mehr über die Persönlichkeit dieser Freundin erfahren, um deren Scheitern besser zu verstehen.
Das ist aber auch die einzige Einschränkung, die ich zu diesem Buch mache, das mich insgesamt sehr fasziniert hat und mein Verständnis für die Entwicklung von der UDSSR bis zum heutigen Putin-Staat erweitert hat.
Und ich habe mir einen Gedichtband von Anna Achmatowa gekauft. Auch das lohnt sich!
Christiane Hoffmann, Die Träume, die wir hatten – Meine Freundin, Russland, die Ukraine und ich. C.H.Beck Verlag 2026, 300 Seiten, 26 Euro.
Elke Trost

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