Zwei Komponisten, die man sich unterschiedlicher kaum denken könnte, allein schon von ihrer Epoche: Franz Schubert und Pierre Boulez. Sie füllten das Programm im ersten Sinfoniekonzert des Staatstheaters Darmstadt unter der Leitung von GMD Daniel Cohen. Und für beide stellte dieser Abend in mittel- oder unmittelbarer Art einen Nachruf dar. Im Fall von Pierre Boulez liegt es auf der Hand, da sich sein Tod in diesem Jahr zum zehnten Mal jährt; bei Schubert besteht der „Nachruf“ in dem gespielten Werk und ist eher subtilen Charakters. Wir kommen darauf zurück.
Pierre Boulez eröffnete den Abend mit einem musikalischen Nachruf auf den früh verstorbenen Bruno Maderna (+ 1973), mit dem zusammen er die moderne Musik in Darmstadt etabliert hatte. Das Stück mit dem Titel „Rituel in memoriam Bruno Maderna“ bezieht sich als Nachruf explizit auf den Freund und Kollegen, und somit beinhaltet diese Aufführung einen doppelten Nachruf auf Maderna und Boulez.
Das halbstündige Werk ist für seine Entstehungszeit erstaunlich tonal, wenn auch nicht im herkömmlichen Sinne mit harmonisch strukturierter Themenverarbeitung und klar voneinander abgegrenzten Sätzen. Es lebt vor allem von Klangwirkungen der unterschiedlichsten Art und hält den nachdenklichen Trauerduktus über die gesamte Zeit durch. Es gibt so gut wie keine emotionalen Aufwallungen, stattdessen überwiegen die langen Streicherbögen, oft nur über eine einzige Tonlage, die für intensive Trauer- und Erinnerungsarbeit stehen.
Boulez hat für dieses Stück das Orchester umorganisiert. Wo sonst der Konzertmeister und die ersten Geigen spielen, sitzen hier zwei Klarinetten und ein Perkussionist. Der warme, emotionale Klang der Klarinetten schien dem Komponisten wohl angemessener für die Erinnerung an den Verstorbenen. Die Flöten sitzen links und die Fagotte noch hinter den Blechbläsern. Ein umfangreiche Sammlung unterschiedlicher Gongs und Schlagwerke bildet das hintere Zentrum des Orchesters.
Das Stück beginnt mit einer ausgesprochen leisen Passage, so wie eine ferne Erinnerung. Dann fügen sich einzelne verhaltene Schläge der Gongs sowie des einzelnen Perkussionisten ein. Mit fortschreitender Spieldauer wechseln sich immer wieder lange, monophone Streicherpassagen mit einzelnen, langsam verhallenden Schlägen einzelner Gongs oder anderer Schlaginstrumente ab. Diese Schlagmomente wirken wie Mahnmale und Erinnerungsapelle, vor allem durch ihre bewusste Isolation zwischen den intensiven Streicherstrecken. Als dritte Gruppe reichern die Blech- und Holzbläser das Klanggefüge mit ihrem ganz eigenen Klangbild an, wobei vor allem die Klarinetten eine wichtige Rolle spielen. Sie bieten auch als einzige so etwas wie musikalische Motive im Sinne einer Melodie an. Ausgearbeitete Themen findet man jedoch in der gesamten Komposition nicht. Boulez waren die Klangwirkung sowie die Spannung zwischen den unterschiedlichen Instrumentengruppen und vor allem von den kunstvoll eingefügten kurzen Pausen zwischen den einzelnen Klangeffekten am wichtigsten.
Die Interpretation dieses Werks stellte für das Staatsorchester und seinen Dirigenten eine große Herausforderung dar, galt es doch, ohne eingängige Motive oder Themen den Spannungsbogen der trauernden Erinnerung nicht nur auszubauen, sondern über die gesamte Aufführungsdauer zu halten. Da kam es nicht nur auf die Intensität einzelner Instrumente und -gruppen, sondern vor allem auf die genaue Dosierung der Dynamik wie der zeitlichen Abstände an. Diese Gratwanderung gelang Daniel Cohen und dem Orchester auf beeindruckende Weise, bauten sie doch gemeinsam eine nie nachlassende Atmosphäre intensiver Erinnerungsarbeit auf, die weder in sentimentale Trauer noch in kalte Präzision abglitt. Aus Gesprächen in der Pause ergab sich, dass sich selbst weniger klassikaffine Gäste von dieser Musik beeindruckt zeigten.
Nach der Pause gab es dann noch Musik für das eher traditionelle Klassikpublikum: Franz Schuberts 9. Sinfonie in C-Dur – oder auch die 8., je nach Lage der aktuellen Forschung. Seine letzte war es allerdings auf jeden Fall, und daraus ergibt sich auch der angebliche Nachrufeffekt. Da die Sinfonie zu Schuberts Lebzeiten nicht (mehr) aufgeführt worden war, versank sie in irgendwelchen Archiven, und hätte Robert Schumann sie nicht zufällig gefunden und sofort ihre Qualität erkannt, wäre sie vielleicht wie viele andere Kompositionen des „Salonmusikers“ Schubert im 19. Jahrhundert ganz in Vergessenheit geraten. So sorgte Schumann mit seinem „Nachruf“ und Mendelssohn durch die engagierte Aufführung für das aktive Weiterleben dieses Werks.
Es beginnt mit einem satten Einsatz des einsamen Horns, dem sich die warmen Klarinetten anschließen. Das Tempo ist noch gemäßigt, wie es in der beginnenden Romantik üblich war, und schwingt sich erst im Laufe des ersten Satzes zu Beethovenscher Dynamik auf. Der zweite Satz lebt von seinem eindringlichen Beginn und dem dunklen, geheimnisvollen Duktus, der ebenfalls schon auf die Romantik verweist. Die Klarinetten tragen dazu ihren warmen Klang bei. Das Scherzo des dritten Satzes ist tatsächlich von beträchtlicher Länge – unüblich für dieses Satztyp – und bestätig die einzige Kritik der frühen Rezensenten im 19. Jahrhundert. Der Finalsatz präsentiert sich dagegen wie eine Fanfare, und man kann annehmen, dass Schubert mit diesem Satz noch einmal seine ganze Lebensverzweiflung in aufbegehrenden Optimismus umzuwandeln versuchte. Die musikalische Grundstimmung dieses Satzes fand seine Fortsetzung nicht zuletzt in Schumanns Sinfonien, die alle nach dessen Entdeckung von Schuberts „Neunter“ (oder „Achter“?) entstanden, und man dachte bei der Aufführung dieses letzten Satzes zwangsläufig an Schumanns „Frühlingssinfonie“ oder die „Rheinische“. Aber das ist ein anderes Thema.
Das Orchester konnte nach der interpretatorischen Schwerarbeit am Boulez-Werk hier wieder frei aufspielen und die Dynamik klassisch-romantischer Musik zum Ausdruck bringen. Daniel Cohen sorgte mit eindeutigen Armbewegungen immer wieder für Abstufungen der Dynamik und für die temporäre Hervorhebung bestimmter Instrumente, die für Transparenz und Struktur sorgte. Damit verlieh er Schuberts Sinfonie einen ausgesprochen lebendigen Charakter und ehrte einen Komponisten, der zu Lebzeiten für sein musikalisches Schaffen selten in angemessenem Maße gewürdigt worden war.
Langer Applaus des Publikums im leider nicht ausverkauften Großen Haus.
Frank Raudszus


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