„BLINDED by DELIGHT“ ist die aktuelle Show des Berliner Friedrichstadt-Palastes übertitelt. Dahinter kann die Kritik stecken, dass zuviele Glückshormone den Sinn für die Realität abstumpfen und den Konsumenten in einer virtuellen Blase vermeintlichen Glücks einsperren. Nun ist der Friedrichstadtpalst nicht unbedingt die Stätte von Gesellschafts- und vor allem Konsumkritik, doch ein wenig dringt diese Botschaft doch durch den dichten Dunst der wirbelnden Showelemente.
Die Handlung präsentiert sich – wie meist in solchen Shows – als Reifeprozess einer jungen Frau. Luci (Denise Lucia Aquino) hatte viele Träume von einem glücklichen Leben, für das der weite Sternenhimmel stand, doch der mühsame Alltag hat ihre Träume verdorren lassen. Da erscheint ihr der Traum selbst in Gestalt von Daniel Johnson und erinnert sie an ihren früheren gemeinsamen Weg. Zusammen gehen sie noch einmal durch die Galaxie des Glücks, und der „Traum(Mann)“ führt sie schließlich wieder zu den Pforten des Glücks.
Man könnte dieses Sujet jetzt mit den üblichen Vokabeln der Kulturkritik abbügeln, würde damit aber sowohl das Bedürfnis nach einem glücklichen Leben – was immer das ist – als auch das berechtigte Verlangen nach reiner Unterhaltung denunzieren. Und diese Show bietet tatsächlich eine ausgesprochen dichte und ja!: aufregende Mischung aus Glitzer, Glamour und Glücksmomenten. Dabei unterstützt die beiden Protagonisten ein vierköpfiges Ensemble mit den sprechenden Namen „1. Cover Traum“ (Markus Vetter), „Oxycotin“ (Julia Steingaß), „Endorphin“ (Katalin Rose) und „Serotonin“ (Antonio Calanna). Für akustische, visuelle und dynamische Anreicherung der Handlung sorgen das bestechende Damen-Ballett, die Showband sowie eine Reihe von Akrobatik-Ensembles unterschiedlicher Ausprägung.
Musik und Lichtgewitter sind natürlich die zentralen Momente dieser Show. Die Metapher der Galaxie weckt Assoziationen an den Himmel, und so mutieren die anfänglichen Sternpunkte schnell zu weißen Wolkenfelder vor blauem Himmel, die der Handlung ihren positive weil an Sommer und Sonne erinnernde Grundstimmung verleihen. Diese Wolken ändern sich dann im Laufe der Handlung farblich, und der Himmel hinter ihnen brilliert und explodiert in einer orangen und roten Farborgie. Dass sich daraus zwangsläufig Assoziationen an eine nukleare Apokalypse einstellen, war wohl nicht beabsichtigt, aber vielleicht hat sich das auch nur beim Verfasser dieser Zeilen so ergeben……
Die gesungene und instrumentale Musik bestimmt natürlich neben den optischen Elementen den Ablauf des Abends und schlägt das Publikum mit seiner emotionalen Wirkung in den Bann. Daneben aber sorgen die Akrobatik-Gruppen immer wieder für Abwechslung und kompensieren die unvermeidlichen Ermüdungserscheinungen der akustischen und visuellen Überreizung. Als erstes zeigt die siebenköpfige Teeterboard-Gruppe ihre Sprungkräfte auf zwei wie Kinderwippen anmutenden Sprungbrettern. Dabei fliegen die Mitglieder über den Brettern, landen auf bereitgestellten Podesten und passieren einander in beliebig kleinen Abständen und hohen Geschwindigkeiten ohne die geringsten Anzeichen einer drohenden Kollision.
Nach einem Zwischenspiel einer olivgrün gekleideten Tanzgruppe im Halbdunkel der Hinterbühne, das die diffusen Gefahren der realen Welt mit Krieg und Massenmigration heraufbeschwört, erinnert ein anderes Tanzensemble im traditionellen Stil – Tü-tü! – an vermeintlich gute alte Zeiten das „Schwanensee“-Balletts, allerdings zu aktueller Popmusik. Anschließend verdreht eine Artistin auf einem einsamen Podest ihren Körper auf derart extreme Weise, dass man als die Kontorsionen nachvollziehender Betrachter kaum noch hinschauen mag. Eine rustikale Wasserschlacht fremdländisch gekleideter Tänzer und Tänzerinnen setzt unter den harten Rhythmen aufgeheizter Popmusik die halbe Bühne unter Wasser.
Diesem Rausch des Tanzes und der Musik setzt eine sechsköpfige Bikergruppe auf einem höllischen Parcours aus mehreren Quarterpipes ein gewagtes Rennen mit Sprüngen und anderen freien Luftübungen entgegen, bei denen einem der Atem stehenzubleiben droht. Nicht nur das Drehen auf den Rädern in der Luft ist hier zu sehen, sondern eine ganze Reihe gewagter „Stunts“ in voller Bewegung und hoch über den Quarterpipes. Natürlich passiert diesen Profis nichts, aber man befürchtet es bis zum letzten Augenblick der Vorführung.
Zur Abwechslung gerät Luci bei ihrer vom „Traum“ geführten Wanderung durch die Glückswelt dann in eine kindgerechte Comic-Welt, in der lustig-farbige Kobolde in allen Größen auf den Leinwänden auf- und abspringen, und dann folgt die letzte Akrobatik-Nummer mit einem Künstlerpaar an den Ringen, das noch einmal die Ästhetik höchster Körperbeherrschung feiert.
Natürlich fallen sich Luci und ihr „Traum“ anschließend in die Arme, wobei letzterer zum realen Mann mutiert und ihr ewige Liebe schwört. Dieses (Happy) End(e) gehört zu einer solchen Show, und das meinen wir ganz ohne jegliche Ironie. Auch die Beschwörung individuellen Glücks mit allen dazu gehörenden Klischees gehört zum Kanon der gesellschaftlichen Unterhaltung und darf mit Recht gefeiert werden. Diese Show des Friedrichstadt-Palastes tut das mit höchster Professionalität und zieht dabei alle Register des visuellen und akustischen Rausches. Und aus diesem erwacht man nicht mit einem Kater!
Das Publikum sah es auch so und verabschiedete das Ensemble mit begeistertem Beifall.
Frank Raudszus



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