Die barocke und klassisch-romantische Oper handelte viel von Mythen und Mächten, wohl auch, um das adlige Publikum nicht zu erzürnen. Mit dem Einzug des Bürgertums in die Opernsäle änderte sich das jedoch, und der italienische „Verismo“ des ausgehenden 19. Jahrhunderts brachte zum ersten Mal – wie sein literarischer Vetter, der Naturalismus – das reale Leben des einfachen Volkes auf die Bühne. Dass das Publikum auch diese Variante wieder in einer exotischen Fiktionalität verortete, ist ein anderes Thema, aber der Versuch galt auf jeden Fall der nackten Realität.
Typische Vertreter des Verismo waren Petro Mascagni und Ruggero Leoncavallo, deren Kurzopern „Cavalleria rusticana“ bzw. „Pagliacci“ daher auch gerne als Duo aufgeführt werden. Am Staatstheater Darmstadt hat sich Intendant Karsten Wiegand höchstpersönlich dieser Aufgaben angenommen und verantwortet sowohl die Regie als auch das Bühnenbild.
In beiden Stücken geht es in erster Linie um die zerstörerischen Folgen der Eifersucht und um ein übersteigertes Ehr- und Besitzdenken als deren tiefer liegende Ursache. Dabei haben beide Kurzopern gemeinsam, dass sie wie eine Novelle strukturiert sind, die ein „besonders Ereignis“ in den Mittelpunkt stellt, anhand dessen sie ein gesellschaftliches Problem abhandelt.
Der Titel „Cavalleria rusticana“ lässt sich bereits als Motto verstehen, denn er lässt sich mit „Ländliche Ritterlichkeit“ übersetzen und bringt in ironischer Form die falschen Ehrbegriffe vor allem der ländlichen Regionen auf den Punkt. Vor dem österlichen Kirchgang wartet die junge Santa (Réka Kristòf) auf Turridu (Matthew Vickers), der ihr die Ehe versprochen hat. Vor seiner Militärzeit hat er Lola (Lena Sutor-Wernich) geliebt, die sich dann jedoch für Alfio (Rafal Pawnuk) entschieden hat. Da Turridu vor Lolas Haus gesehen wurde, geht Santa von einer Erneuerung der alten Liebe auf ihre Kosten aus. In einem leidenschaftlichen Duett fordert sie von Turridu Rechenschaft, der sie jedoch entnervt abblitzen lässt. Daraufhin informiert sie den ebenfalls den Gottesdienst besuchenden Alfio über die verbotene Liebschaft. Nach der Kirche geraten die beiden Männer aneinander und verabreden sich zum Duell. Das Stück endet mit Turridus aufgebahrter Leiche.
Für den Zuschauer bleibt offen, ob Turridu Santa wirklich untreu geworden ist, oder ob diese sich in die Eifersucht hineingesteigert hat. Lolas kurzer Auftritt lässt auf keinerlei erotische Beziehung zu Turridu schließen, und offensichtlich lässt das Libretto diese Frage bewusst offen, um die Schattenseite der Eifersucht umso stärker wirken zu lassen. Santa bereut denn auch ihren Verrat an Alfio, doch die Ehrbegriffe auf dem sizilianischen Land sind derart verkrustet, dass die Tragödie ihren Lauf nimmt. Da kann auch Turridus Mutter Lucia (Katrin Gerstenberger) keine Hilfe bieten, da sie derart fest in diesem klerikal-patriarchalischen System verankert ist, dass sie sowohl Santas verzweifelten Hilferufe als auch Turridus emotionale Abschiedsgesten ignoriert, nur um nicht der Ehrlosigkeit geziehen zu werden.
Karsten Wiegand hat die Bühne zu diesem Einakter streng an dieses strenge Weltbild angelehnt. Sie besteht aus einer sandfarbenen Wand mit einem schmalen Durchgang, der in dem darüber gelegten Stadtbild-Foto den Eingang zur zentralen Kathedrale bildet, um die herum einige alte, heruntergekommene Häuser gruppiert sind. Das trostlose Bild einer in alten Kodices erstarrten Stadt. Der Chor tritt in einförmigen Masken auf und unterstreicht damit die gleichgeschaltete Dorfgesellschaft, und die paarweise oder einzeln eintreffenden Kirchenbesucher machen einen kleinen aber unübersehbaren Bogen um Santa oder schauen ihr neugierig und ein wenig voyeuristisch hinterher. Zu Beginn sitzt der Chor in den ersten Reihen des Zuschauerraums und starrt das „echte“ Publikum mit den nach hinten gedrehten Masken emotionslos an. Eine treffende Metapher.
Als Regisseur konturiert Wiegand die einzelnen Charaktere deutlich heraus. Santa ist das entehrte Mädchen, das in dieser Gesellschaft mit der vermeintlichen Untreue ihres angehenden Ehemannes dem sozialen Tod entgegengeht und verzweifelt um ihre gesellschaftliche „Ehre“ kämpft. Turridu ist eine gebrochene Figur, da er genau um die soziale Bedeutung einer auch nur erträumten Untreue weiß. Wenn er seiner Mutter offen gesteht, einen Fehler gemacht zu haben, dann meint er diesen stillen Wunsch und wahrscheinlich keine faktische Untreue. Er nimmt seinen Tod wissend auf sich. Alfio und Lola dagegen sind die oben schwimmenden Gewinner in diesem System. In der kurzen Szene des gemeinsamen Auftretens vor der Kirche lässt Lola ihren ehemaligen Geliebten ihre soziale Überlegenheit durch blankes Ignorieren spüren, und Alphatier Alfio betrachtet schon das bloße Gerücht eines erotischen Abenteuers seiner Frau als Beleidigung, die nur mit dem Tode des Konkurrenten wiedergutzumachen ist. Die vier Ensemblemitglieder setzen diese Charaktervorgaben treffgenau um und liefern damit ein scharfgestelltes Bild der Gesellschaftsordnung dieser Zeit und Region.
Das Gegenstück zu dieser bitterbösen Moralsatire ist in Leoncavvalos „Pagliacci“ die nur scheinbar humorige Farce einer Schauspielertruppe, die ein Eifersuchtsstück aufführt. Zu Beginn trägt eine nicht näher zu bestimmende Figur eine Arie vor, die eher als Prolog zu verstehen ist und eine Art Einführung in die Handlung gibt, doch diese Arie war wohl ein Zugeständnis des Komponisten an den die Hauptrolle spielenden Sänger, der auf einer Arie bestand. Hier sitzt der Sänger vor einem Arbeitstisch und nimmt sich selbst vor dem Spiegel mit einer Kamera-Brille auf.
Der selbsternannte Star Canio (Matthiew Vickers) spielt den großspurigen Pagliaccio, dessen Frau Colombina, gespielt von seiner eigene Frau Nedda (Megan Marie Hart), mit Arlecchino alias Beppe (Rafael Helbig -Kostka) durchbrennen will. In der Schaustellerkomödie liebt der Schaupieler Taddeo seine Kollegin Colombina und wird gespielt von Tonio (Rafal Pawnuk), der seinerseits wieder unglücklich in Nedda verliebt ist. Sind schon die erotischen Verhältnisse der Darsteller in beiden Ebenen gedoppelt, so auch die Handlungen. Denn Tonio erhält von Nedda eine deutliche Abfuhr und verrät ihre Liaison an Canio, der sich eben noch damit gebrüstet hat, dass ihm so etwas wie seiner Figur Pagliaccio nicht passieren könne. So verwirren sich die fiktionale und die reale Ebene während der Aufführung vollständig und steigern sich in einen mentalen Rausch bis hin zum Mordversuch aus Eifersucht.
Karsten Wiegand hat für diese buchstäblich doppelbödige Groteske ein fulminantes Bühnenbild entwickelt. Die Vorderansicht bietet das Interieur eines TV-Studios, das neben den diversen Schminktischen für das Ensemble zwei große Bildschirm enthält, auf dem sowohl die Metaebene mit Darstellern und Abläufen als auch die Komödie selbst dargestellt wird. Die Groteske selbst findet dann im inneren Halbrund des Bühnenbilds vor der Kulisse eines südlichen Strandes mit Bandung, Bergen und Bühne auf der Bühne statt. Dazu spielt der Chor wiederum das fiktive Publikum in bunten Kostümen und aufgeregter Stimmung. Als Zuschauer fühlt man sich in der dritten oder vierten Meta-Ebene des Theaters und verliert bisweilen die Übersicht über die verschiedenen fiktionalen Ebenen. Natürlich ist genau das beabsichtigt, um dem Publikum die Sicherheit des abgetrennten Zuschauerraums zu nehmen. So wie Canio sich sicher vor den Katastrophen seines Stücks fühlt und plötzlich in eben dessen Wirbel hineingezogen wird, will Wiegand auch sein Publikum aus der sicheren Distanz des Frontaltheaters reißen. Das gelingt ihm auch hervorragend, jedoch erleichtert er seinem Publikum diese Ambivalenz durch einen deftigen Humor, der schließlich das Leben selbst frei nach Shakespeare zur Bühne werden lässt.
Musik gibt es natürlich auch, und gesungen wird auch hier kräftig im Sinne der Commedia dell´arte. Das Ensemble glänzt durch Spielfreude und zeigt auch stimmlich ansprechende Leistungen. Doch geht es in diesen beiden Kurzopern nicht um die großen Arien und die Feinheiten des Ausdrucks oder um gesangliche Grenzleistungen, sondern um die Darstellung ganz elementarer menschlicher Emotionen wie der Eifersucht und enttäuschter Liebe. Dazu gehören neben hoher Agilität der Darsteller – auf allen fiktionalen Ebenen! – die glaubhafte Darstellung eben dieser Emotionen sowie das überzeugende Zusammenspiel. Wo in der „Cavalleria“ vor allem das Innere nach außen gekehrt und die Verzweiflung zum Ausdruck gebracht wird, ist es bei „Pagliacci“ das Äußere, das plötzlich als Fassade entlarvt wird und in sich zusammenstürzt. Die Musik aus dem Graben, geleitet von Alessandro Palumbo – ein Italiener, wie es sich gehört! -, verleiht diesen beiden Stücken ihre jeweils ganz eigene musikalische Färbung. Während in der „Cavalleria“ die klerikal-frömmelnde Aspekt auch in der Musik eine zentrale Rolle spielt, tritt in „Pagliacci“ das Burleske der „Opera buffa“ in den Vordergrund. Die Bühnenhandlung und die Musik aus dem Graben gehen in beiden Stücken eine je eigene enge Bindung ein, die dem jeweiligen Stück zugute kommt und letztlich auch die Komplementarität beider Stücke überzeugend zum Ausdruck bringt. Gut, dass die Burleske am Schluss steht, denn so bleibt am Ende nicht die drückende Stimmung einer in klerikaler Moral erstarrten Gesellschaft samt tragischem Tode, sondern die Erkenntnis, dass die menschliche Gemeinschaft eher einer burlesken Groteske gleicht.
Das Publikum zeigte sich angetan und spendete kräftigen Beifall.
Frank Raudszus




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