Eine NIGHT der Rätsel

„NIGHT“ – also „Nacht“ – nennt sich die Ausstellung des italienischen Künstlers Maurizio Cattelan (*1960) in der Berliner Neuen Nationalgalerie. Mit diesem Titel will der Künstler zum Ausdruck bringen, dass viele Dinge und Verhältnisse einen ganz anderen Eindruck vermitteln, wenn sie sich nicht im hellen Licht des aufgeklärten Tages, sondern unter ganz anderen Sichtverhältnissen präsentieren. NIGHT ist also ein metaphorisches Motto, das die Besucher dazu auffordern will, die Exponate aus einem anderen Blickwinkel als dem rationalen zu betrachten.

„Novecento“

Das ist insofern nicht einfach, als die ausgestellten Werke vordergründig selbsterklärende Alltagsdinge darstellen, die sich für eine schnelle – und simple! – Einordnung anbieten. Aber hinter jedem dieser scheinbar offenkundigen Installationen lauert eine eigene Welt von Bedeutungen, die sich der schnellen Kategorisierung entziehen. Das Programmheft versucht, diese offenen Interpretationsräume durch Hinweise begehbar zu machen, unterliegt dabei jedoch auch der Gefahr, dem Betrachter eine fertige, bisweilen moralistische, Sicht anzubieten – oder gar zu oktroyieren? -, die den freien Reflexionsprozess abzuschneiden droht.

Das beginnt bereits mit dem Kanaldeckel vor dem Eingang, den man wegen seiner scheinbaren Trivialität gerne übersieht, der jedoch wie eine Ausstellungsliste die Namen aller Exponate trägt. Dabei steht dieser Deckel bereits für die Mehrschichtigkeit und Ambivalenz der ganzen Ausstellung, denn er will mehr sein als nur eine Liste der Exponate. Er ist sozusagen aufgeladen mit deren Bedeutungen.

Der Eingang zur großen Glashalle ist – fast unbemerkt vom bereits den Katalog studierenden Besucher! – in ein Modell des Brandenburger Tores umgewandelt worden. Sein Titel – „Purgatory“ – verweist sowohl auf das christilche Fegefeuer, durch das alle Verstorbenen gehen müssen, wie auf Dantes „Göttliche Komödie“ mit ihrer Anweisung, beim Eintritt alle Hoffnungen fahren zu lassen. Hier könnte es bedeuten, alle festen Vorstellungen über die zu erwartenden Exponate aufzugeben und sich einem freien Reflexionsstrom hinzugeben.

In der großen, Glashalle im Erdgeschoss sind die Exponate außerordentlich großzügig angeordnet und atmen damit Raum und Luft. Links hängt ein lebensgroßes, ausgestopftes Pferd von der Decke, das in seiner Hilflosigkeit für diese selbst steht und sich leicht auf die Situation allen Lebens beziehen lässt. Wir wollen uns hier bewusst auf Andeutungen beschränken und nicht dem Programmheft folgen, dass bereits fertige Interpretationen liefert, die sich jedoch nicht rational dem Exponat selbst entnehmen lassen. Eine andere Installation besteht aus einem Kind mit Kapuze an einem kleinen Schreibtisch, dessen Hände mit Bleistiften an die Tischplatte genagelt sind. Dieses auf den ersten Blick friedliche Bild schockiert und weckt Gedanken an repressive Erziehung und Kindsmissbrauch, ohne diese Begriffe plakativ in den Vordergrund zu stellen. Die Figur stellt gibt dem Betrachter keine – aktivistischen! – Interpretationswege vor.

Eine sehr aufwändige Installation zeigt einen schwer beladenen Karren in Originalgröße, dessen Last offensichtlich nach hinten gerutscht ist und die Deichsel samt ziehendem Esel in die Luft gehoben hat. Auch hier steht wieder die Hilflosigkeit der – tierischen – Kreatur im Vordergrund, und dahinter steht unsichtbar der für die Last auf dem Karren verantwortliche Mensch.

Eine andere ebenfalls enigmatische Installation besteht aus neun lebensgroßen Körpern, die, von weißen Leinentüchern bedeckt, auf dem Boden liegen, und sofort die Assoziationen an ein großes Unglück oder gar Verbrechen wecken. Bei näherem Hinsehen zeigt sich, dass die neun Figuren aus Marmor bestehen und der Faltenwurf täuschend ähnlich nachgebildet wurden. Auch hier sol man wieder alle vorgefertigten Vorstellungen aufgeben und das Nachdenken von Neuem einüben.

Der zentrale und geradezu unheimliche Punkt dieser Ausstellung liegt allein mitten in der Halle und besteht in einer knieenden Knabenfigur im grauen Anzug, die dem sich nähernden Betrachter den Rücken zuwendet. Wenn man die Figur umrundet und ihr in die Augen schaut, erkennt man den fragenden Blick von Adolf Hitler – und ist geschockt. Diese negative Ikone des 20. Jahrhunderts scheint den Betrachter zu fragen: „Was hättest Du getan?“ und lässt ihn dann mit der Frage allein. Denn Cattelan gibt keine wortreichenden Erklärungen, sondern lässt seine Installationen lediglich Fragen stellen, die jeder Besucher erneut für sich beantworten muss.

Diese Art der Präsentation von Kunstwerken hallt noch lange nach dem Besuch der Ausstellung im Kopf nach, und das war wohl wohl auch beabsichtigt.

Frank Raudszus

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