Roberto Simanowski: „Sprachmaschinen“

Der Untertitel dieses Buches lautet „Eine Philosophie der Künstlichen Intelligenz“ und steht schon damit stellvertretend für den Inhalt: einerseits verzichtet er auf das Aufmerksamkeit heischende „KI“-Kürzel, andererseits hebt er das Buch von einer tagesaktuellen auf eine grundsätzliche Ebene. In letzter Zeit sind viele Bücher über dieses neue Thema erscheinen, von denen viele mehr oder minder den Aufmerksamkeitsmarkt bedienen, indem sie entweder die fachlich-technische Seite betrachten und damit meist einen unterschwelligen Optimismus verbinden, oder einen kritischen, oftmals moralistischen Ton bis hin zum apokalyptischen Raunen anschlagen. Damit wollen wir diese Bücher nicht pauschal abwerten, jedoch darauf hinweisen, dass sie meist gängige Hoffnungen oder Ängste bedienen, seien diese nun berechtigt oder nicht.

Robert Simanowski jedoch nähert sich dem Thema von vornherein auf einer höheren, nämlich der philosophischen Ebene, ohne deswegen den Sinn für die technisch-pragmatischen Aspekte der KI zu verlieren oder sie gar als philosophisch belanglos abzutun.

Nach einer längeren Einleitung, die in gewissem Sinne den Inhalt des Buches zusammenfasst, aber auch kurze Ausflüge in die gesellschaftliche und intellektuelle Umgebung der digitalen Medien beinhaltet, geht Simanowski auf zentrale Aspekte ein, deren erster die Autorenschaft der KI darstellt. Dabei zitiert er Roland Barthes´ frühere Feststellung, der Autor sei tot, da er ja sein Werk aus Gedanken, Reden und Büchern seiner Mitmenschen zusammengestellt habe. Diese damals noch etwas gewagte und auch umstrittene Aussage belebt er jetzt neu angesichts der Tatsache, dass die KI ihr Texte nicht aus einem – nicht vorhandenen! – eigenen Bewusstsein erstelle, sondern aus Myriaden existierender Texte anderer Autoren. Aber während Barthes seine Behauptung eher als intellektuelle Provokation gemeint haben dürfte, spiegelt sie jetzt die nackte Realität wider. Simanowski sieht damit die Weltliteratur sich in einen Welttext verwandeln, da der Begriff „Literatur“ zu stark an die Individualität eines menschlichen Autors gebunden sei.

Doch diese Ausführungen stellen nur den Aufgalopp dar. Mit der Erstellung von Texten durch die KI findet eine Mathematisierung von „Literatur“ statt, das genaue Gegenteil der vom menschlichen Geist beschworenen Kreativität. Simanowski ist hier bewusst in den Maschinenraum der KI hinabgestiegen, um deren Vorgehensweise zu verstehen. Für jedes in einer Sprache verwendete Wort ermittelten die Sprachmaschinen – der Nukleus der KI! – die wahrscheinlichsten Nachbarwörter, abhängig von sprachlichen Strukturen (Grammatik) und den Texten der Welt- und Trivialliteratur sowie der aktuellen Netzkommunikation. Doch die Tatsache, dass Texte aus Statistik entstehen, stellt für Simanowski noch nicht das eigentliche Problem dar. Vielmehr wird mit wachsendem Erfolg der KI ein immer größerer Anteil des Datenfutters aus KI-Texten bestehen. Das bedeutet, dass sich die Sprachmaschinen mittelfristig zunehmend an eigenen Texten und denen der Konkurrenzprodukte „bilden“ werden. Angesichts der drohenden Monopolbildung könnte das am Ende dazu führen, dass sich schließlich der Gewinner nur noch aus den eigenen Texten bedient. Was diese rekursive Selbstreferenz für die Inhalte bedeutet, lässt sich heute noch gar nicht erfassen, aber das von Simanowski aufgerufen Bild der sich selbst verschlingenden Schlange trifft die Situation recht gut und könnte für einen nicht nur intellektuell weltweiten Kollaps führen. Am Ende droht der große Leerlauf.

Doch das ist nur ein theoretisches Problem, das sich vielleicht durch entsprechende Maßnahmen – welche? – in den Griff bekommen ließe. Dagegen stellt der „Werte“-Aspekt ein größeres und technisch nicht lösbares Problem dar. Als die ersten KI-Produkte rassistische Textelemente produzierten, stellte man schnell fest, dass sich diese Entwicklung zwangsläufig aus der statistischen Auswertung der weltweiten „Social Media“-Datenbasis ergeben hatte. Also muss(te) man die Sprachmaschinen explizit in Richtung einer korrekten Sprachwahl „erziehen“. Doch diese anscheinend selbstverständliche und ethisch-politisch korrekte Maßnahme erweist sich nach genauer Überlegung als unlösbares Dilemma. Zwar wurde der Vorwurf einer neuen westlichen Kolonialisierung mit angeblich „universalen Werten“, unter anderem aus dem globalen Süden, mit pflichtschuldigem Schuldbewusstsein aufgenommen und mit entsprechender Vielfalt der Texte beantwortet, doch Simanowski zeigt schnell die Grenzen dieser Wertevielfalt auf. Wer auf universalen Werten besteht, darf sie in den eigenen Erzeugnissen nicht durch Relativierung entgegengesetzten Werteauffassungen opfern. Simanowski verzichtet auf handfeste Beispiele, wohl wissend, dass er damit die falschen Geister wecken würde, doch die wichtigsten Beispiele „nicht universaler Werte“ liegen auf der Hand. Dieses Werteproblem steht einer weltweiten Akzeptanz der KI als massive Hürde im Weg, ist jedoch den meisten Akteuren in seinem ganzen Ausmaß noch gar nicht klar geworden. Simanowski sieht hierfür noch keine Lösung, im Raum steht jedoch – wie der berühmte Elefant! – die Antwort, dass der Westen seine Werte in seinen Sprachmaschinen verankert und dass andere Weltgegenden eigene Systeme entwickeln müssten. China tut das sowieso, doch ob der globale Süden angesichts des rasanten Entwicklungstempos auch nur ansatzweise dazu in der Lage ist, darf bezweifelt werden. Was Simanowskis bewusst nicht ausspricht, liegt auf der Hand: die größten Technologie-Imperien werden den Rest der Welt mit ihren „Werten“ erneut kolonialisieren, ob bewusst oder unbewusst.

Doch noch ein weiteres Dilemma brennt Simanowski auf den Nägeln: die schleichende(?) Selbstentmündigung des Menschen durch zunehmende Nutzung der Sprachmaschinen. Mit weiter wachsender Mächtigkeit dieser Technologie kann schnell der Kipppunkt erreicht werden, von dem an die Menschen auf das Wissen der KI angewiesen sind und in totale Abhängigkeit geraten. Was das letztendlich bedeuten kann, lässt Simanowski offen, da er sich nicht an den gruseligen Horrorgeschichten einer KI mit „bösem Bewusstsein“ beteiligen will. Leider ist dieser Zweig der KI-Kritik bereits in das Thriller-Genre abgedriftet, so dass eine ernsthafte Beschäftigung damit nur noch schwer zu gestalten ist. Simanowski verweist jedoch eindeutig auf die Probleme einer Gesellchaft, die letztlich existenziell auf die selbst geschaffenen Produkte angewiesen ist. Zwar wurde die apokalyptische Vision bereits beim Buchdruck und der Eisenbahn aufgerufen, doch aus heutiger Sicht waren das alles beherrschbare Technologie. Ob das spätere Generationen über die KI auch sagen können, steht dahin, doch aus heutiger Sicht stehen die Chancen nicht gut. Simanowski fasst diese Situation in ein unterschwelliges Motto, das die zukünftige Nutzung der KI dominieren könnte. „Beschütze mich vor dem, was ich will!“ – eine offene Kapitulation, die nichts Gutes verheißt.

Über die hier beschriebenen Themen und Probleme hinaus geht Simanowski noch auf viele anderen Aspekte der KI ein, die jedoch implizit – oder explizit – mit den beschriebenen Dilemmata in Verbindung stehen. Dazu gehört die Zukunft der Kultur ebenso wie die Einbettung und Deutung von Kants „selbstverschuldeter Unmündigkeit“ des Menschen sowie Hegels „Weltgeist“, beide jedoch nicht nur als wohlfeile Verweise, sondern mit direktem Bezug zu dem Thema dieses Buches. Am Ende fordert er sogar in einer Art Epilog eine „philosophische Medienkompetenz“, die er gerade in dieser bisweilen abgehobenen Branche vermisst, aber dort – und nicht nur dort! – für dringend erforderlich hält. Damit fordert er seine Philosophiekollegen fast schon ultimativ auf, sich endlich grundsätzlich und nicht nur tagespolitisch mit dieser neuen, bahnbrechenden Technologie und ihren Auswirkungen zu beschäftigen.

Das Buch ist im Verlag C. H. Beck erschienen, umfasst 288 Seiten und kostet 23 Euro.

Frank Raudszus

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