Serienende mit Rundumschlag

Wenn Fußballer zu verlieren drohen, häufen sich die Fouls, und bei Boxern schlägt der kühl kalkulierende Faustkampf in wildes Prügeln der Verzweiflung um. Eben diesen Eindruck gewinnt man auch bei der Inszenierung von Joe Ortons im Jahr 1964 verfassten Theaterstück „Beute“, das die Kammerspiele des Staatstheaters Darmstadt derzeit als letztes Stück der „Orton-Trilogie“ aufführen. Bot das erste – zuletzt entstandene! – Stück „Was der Butler sah“ noch eine als solche zu bezeichnende Handlung, änderte sich das bereits mit „Seit nett zu Mr. Sloane“, das noch vor „Beute“ entstand. Man kann in dieser nicht eindeutigen zeitlichen Tendenz eine gewisse Reifung des Autors sehen, muss es aber nicht.

Maria Varga, Stefan Schuster und Nico Ehrenteit

Das aktuelle Stück verzichtet auf eine klassische Schauspielhandlung in dem Sinne, dass ein politisches, gesellschaftliches oder psychologisches Problem thematisiert und einer wie immer gearteten Lösung zugeführt wird. Die Handlung dient hier nur als grobe Leitlinie für eine Folge von Slapstick-Elementen, die jedoch nicht dem Ziel der Publikumserheiterung dienen, sondern dieses eher verschrecken sollen. Orton betrachtete die – englische – Gesellschaft als einen moralisch heruntergekommenen Haufen von habgierigen Individuen, die als „Menschen“ zu bezeichnen eine Herabwürdigung dieses Begriffs wäre. Bei den in herkömmlicher Komödienmanier arrangierten Slapstick-Nummern bleibt dem Betrachter jedoch das Lachen im Halse stecken, da Objekte und Art dieser Nummern bewusst die Grenzen selbst des Makabren sprengen. Im Gegensatz zur klassischen Komödie gibt es hier auch keine „Guten“, die dem „Bösen“ Paroli bieten, sondern selbst die anfangs scheinbar integren Figuren erweisen sich später als korrupt.

Mr. McLeavy (Frank Wiegard) betrauert seine gerade verstorbene und im Wohnzimmer aufgebahrte Frau, während die tatkräftige Pflegerin (Alexandra Kienitz) bereits um die eheliche Hand des Witwers buhlt. Parallel dazu huscht McLeavys Sohn Hal (Stefan Schuster) äußerst nervös durchs Haus. Schnell stellt sich heraus, dass er zusammen mit dem Bestatter (Nico Ehrenteit) eine Bank überfallen hat und die Beute vor der anrückenden Polizei verstecken muss. In einem günstigen Moment zerren die beiden die Leiche aus dem Sarg und stellen(?) sie hinter den Vorhang an die Wand, um den Beutel mit der Geldbeute im Sarg zu verstecken. Schon hier zeigt sich der völlige Verzicht auf Logik im Original und/oder der Inszenierung, da man diesen Beutel auch gut und gerne unter den Beinen der Leiche hätte verstecken können. Aber dann wäre der makabre Slapstick mit der Leiche nicht möglich gewesen….

Die nächsten achtzig Minuten vergehen mit den typischen Elementen der einschlägigen Komödien, da natürlich jeder der anderen Figuren aus irgend einem Grund noch einmal den Sarg öffnen möchte, was die beiden grenzdebilen Bankräuber hektisch zu verhindern wissen. Dazu erscheint noch ein angeblicher Mitarbeiter der Wasserwerke (Tilla Danaylow), der im Gegensatz zur Polizei auch ohne Durchsuchungsbeschluss ins Haus gelangt und in bester amerikanischer Krimimanier eine gnadenlose Befragung durchführt, da er die beiden Bankräuber zu Recht verdächtigt und die Beute sicherstellen will. In dieser Figur karikiert die Regisseurin Katharina Stoll den Krimi der Sechziger, der den Detektiv gerne als knallharten Vertreter von Recht und Ordnung mit einem Hang zur unerbittlichen Entlarvung alles Bösen darstellte. Dass sie diese Rolle mit einer Frau besetzt, ist durchaus verständlich, dass aber die anderen Figuren diese Frau als Mann ansprechen, wirkt unlogisch, wenn es nicht als eine bewusste, sozusagen auf höherer Ebene angesiedelte Provokation des Publikums gemeint ist.

Das sind jedoch nur die feineren Elemente dieser humorfreien Orton-Komödie. Ansonsten geht es hier um Mord und Totschlag, wobei besonders die vom Klischee als moralisch integer geführten Figuren entlarvt werden. Ausgerechnet die scheinbar sich aufopfernde Pflegerin entpuppt sich als Serienmörderin, was hier nicht als „Spoilern“ missverstanden werden soll, denn dieser Verdacht beschleicht die Zuschauer bereits in den ersten Szenen. Und Nico Ehrenteit muss sich als Hals Komplize dermaßen dämlich anstellen, dass man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, dies sei eine Einladung der Regie zum freudigen Schenkelklopfen auch an die schlichtesten Zuschauer. Und sollte die Regisseurin die Rolle des Inspectors Truscott aus feministischen Gründen mit einer Frau besetzt haben, dann wird diese Maßnahme am Ende mit der moralischen Entlarvung dieser Figur zum Bumerang.

Stefan Schuster, Alexandra Kienitz und Nico Ehrenteit

Auch das Programmheft ist an dieser Stelle in diese Kritik mit einzubeziehen. Da Joe Ortons Homosexualität und die englische Rechtsprechung in den Sechzigern dazu bekannt sind, bot es sich an, einen längeren Beitrag über die Repression dieser sexuellen Variante einzuflechten. So weit so verständlich – aber die Homosexualität spielt in diesem Stück überhaupt keine Rolle. Zwar will Hals Komplize ihn immer wieder küssen, doch erfolgt das jedes Mal ohne Handlungszusammenhang und wirkt daher bewusst konstruiert, um auch dieses Thema noch unterzubringen. Dass die Sechziger lange vorbei sind, Schwule und Lesben heute sogar Minister und Parteichefs werden können, hat man bei dieser Inszenierung offensichtlich nicht wahrhaben wollen. Zu deftig – und willkommen – ist der Aufstand Ortons gegen Schwulenphobie, als dass man auf ihn verzichten könnte.

Auch die neue Bühnenanordnung in den Kammerspiel ist nicht problemfrei. Die Rundumtribüne erfordert, dass man die Handlung zwei gegenüber liegenden Seiten serviert, wobei die abgewandte Seite den Fortgang nur akustisch erlebt. Das verlangt von dem Ensemble wesentlich höhere räumliche Flexibilität und Aufwand, was wiederum zwangsläufig zu Einbußen bei der Szenenfolge, der Logik und der dramatischen Entwicklung führt. Vieles muss wegen der allseitigen Verständlichkeit redundant gespielt werden und führt damit auch zu Längen oder Inkonsistenz. Dafür spricht aber im Falle dieses Stücks, dass die Logik der Handlung sowieso keine Rolle spielt und man mit diversen deftigen Slapsticks beide Tribünenseiten nahezu gleichzeitig bedienen kann.

Die Regie hat für diese Inszenierung einige uralte Patentrezept für den Erfolg aus den Archiven entlehnt. So spielt in mehreren Szenen der unmittelbare Ekelfaktor eine wichtige Rolle, der ja gerade bei pubertären Jugendlichen nie aus der Mode kommt, und für das etwas ältere Publikum hat man dem Inspektor Truscott – Tilla Danaylow! – einen sächsischen Dialekt verpasst, eine außergewöhnlich originelle Idee, die im deutschen Westen stets genüssliches Lachen garantiert.

Man stellt sich nach dem Fall des nicht vorhandenen Vorhangs die offenbleibende Frage, auf welche Zielgruppe diese Inszenierung eines Proteststücks aus den Sechzigern eigentlich abzielt. Die älteren Zuschauer werden daraus nichts Neues entnehmen, und für die junge Generation ist außer viel „action um nichts“ auch nichts zu gewinnen. Wie dem auch sei, die Trilogie geht mit dieser „Beute“ im Säckl endgültig zurück in die Archive.

Freundlicher Beifall für das Ensemble, das wenigstens versucht hat, diesem Stück noch etwas Leben einzuhauchen.

Frank Raudszus

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