Hänsel und Gretel als Produkt von Brüderchen und Schwesterchen

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Das Landestheater Detmold präsentiert die Märchenoper von Engelbert Humperdinck und Adelheid Wette.

Wer glaubt, er oder sie kenne das eine Libretto von Hänsel und Gretel, wird schon bald eines Besseren belehrt. Wo das Grimmsche Original, namentlich „Brüderchen und Schwesterchen“, noch von der wirklich bösen Mutter spricht, die ihre Kinder mutwillig im Wald aussetzt, sieht das Libretto von Wette eine mildere Mutter vor. Adelheid Wette beschreibt die Mutter als eine leidgeprüfte Frau, die durch das vorlaute Lachen ihres Sohnes die Nerven verliert und die Kinder aus spontaner Wut heraus zum Beerenpflücken schickt. Dass die erfahrenen Waldkinder sich dabei tatsächlich im Wald verirren würden, wäre ihr nicht in den dunkelsten Gedanken erschienen.

Hänsel und Gretel im Wald

Interessanterweise spielt Adelheid Wette selbst das Schwesterchen in der Komposition dieser Oper, denn ihr „Brüderchen“ ist Engelbert Humperdinck, und gemeinsam heben sie das Werk 1890 aus der Taufe. Den initialen Ansatz bildet eine Komposition aus vier Liedern für zwei Kinderstimmen und Klavier, die auf einer privaten Geburtstagsfeier zu einem großen Erfolg avanciert. Es folgt der Ausbau zu einer Oper, denn die Geschwister erhofften sich einen schönen Nebenverdienst im Rahmen einer Weihnachtsaufführung an einem öffentlichen Theater. Drei Jahre später, zum Jahreswechsel 1893/1894, kommt es in Weimar zur Uraufführung unter der Leitung des damals schon berühmten Richard Strauss. Die Oper „Hänsel und Gretel“ wird und bleibt die mit Abstand erfolgreichste Oper des Komponisten Humperdinck, der sich mittels der verdienten Tantiemen aus seinem Meisterwerk eine ansehnliche Villa in Boppard am Rhein leistet.

Die Hexe Rosine Leckermaul mit Gretel und Hänsel

Am Landestheater Detmold wird die Inszenierung durch Guta G. N. Rau verantwortet. Der Grundtenor und im Besonderen das erste und zweite Bild sind dabei unaufgeregt klar und harmonisch zur intuitiven Erwartung gehalten. Erst im dritten Bild rückt Rau vom wunderbaren, konventionell inspirierten Ablauf ab und wagt sich in eine spektakuläre und aufreizende Szenerie. Im Fokus steht hier fraglos die Knusperhexe Rosine Leckermaul, besetzt durch den scharf akzentuierenden Nando Zickgraf. Die Kinder Hänsel (Dara Savinova) und Gretel (Simone Krampe) sind der Hexe dabei lange erlegen aber musikalisch bei weitem nicht unterlegen. Das symphonische Orchester des Landestheater Detmold unter der Leitung von György Mészáros präsentiert einen ausgefeilten Klangteppich auf sehr hohem Niveau, der es den Sängerinnen und Sängern ermöglicht, ihre Potenziale voll auszuschöpfen.

Wer weihnachtliche oder auch nur winterliche Romantik sucht, der hat sie mit Humperdincks Hänsel und Gretel in einer milden und liebevollen Art gefunden. Und eben deshalb eignet sich die Oper auch so sehr für die kleinen Gäste an den Händen ihrer Eltern und Großeltern. Mit seltener Gewissheit gelingt ein wundervolles Familienerlebnis.        

Malte Raudszus

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