Frank Schirrmacher: „Ungeheuerliche Neuigkeiten“

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Der journalistische Nachlass eines zu früh Verstorbenen.

Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, verstarb unerwartet im Juni 2014 im Alter von 54 Jahren. Auf das deutsche Feuilleton und die intellektuelle Welt wirkte dieser plötzliche Tod wie ein Schock, war Schirrmacher doch einer der großen, stets aufrechten und nie polemischen Mahnern auf den verschiedensten gesellschaftlichen Gebieten. Nun hat der Blessing-Verlag ausgewählte Artikel Schirrmachers aus der Zeit zwischen 1990 und 2014 in einem Sammelband herausgebracht.

1601_schirrmacherWelch breites intellektuelles Feld der studierte Germanist und Literaturwissenschaftler abdeckte, lässt sich an dem Inhaltsverzeichnis des Buches ablesen. Da geht es um die Mondlandung, um die intelligente Warnung vor Atomabfällen an kommende Generationen, um die Folgen der demographischen Krise, die Finanzkrise von 2008 oder die technische Kommunikation im Ersten Weltkrieg. Ein eigenes Kapitel hat der Verlag Schirrmachers Beiträgen zu den „Groß-Literaten“ Günther Grass, Martin Walser und Marcel Reich-Ranicki gewidmet. Zu den ersten beiden stand Schirrmacher in einem kritischen Spannungsverhältnis, das sich in seinen „Verrissen“ von Werken wie Grass´ Gedicht gegen Israel oder Walsers Buch „Tod eines Kritikers“ niederschlägt. Mit Reich-Ranicki, seinem Vorgänger bei der F.A.Z., verband ihn eine fast an Ehrfurcht grenzende Freundschaft, die nicht zuletzt auf dessen Herkunft und Biographie beruhte. Da er selbst ursprünglich Literaturkritiker war, darf natürlich die Literaturkritik jenseits der drei genannten Größen nicht fehlen. Zu diesem Kapitel gehört unter anderen eine höchst intelligente und tief schürfende Abrechnung mit Theodor W. Adorno.

Alle Essays und Artikel Schirrmachers zeichnen sich durch bestechende intellektuelle Schärfe aus. Dabei hinterfragt er scheinbar unverfängliche Buchplots oder Aussagen und entlockt ihnen geradezu skandalöse Hintergründe, die von den jeweiligen Autoren vielleicht nicht so gemeint und gesehen waren, aber in Schirrmachers Augen diesen Sinn erhalten. Dabei muss man ihm bei Analyse dieser Texte nicht unbedingt folgen, doch wenn man die Basis akzeptiert, kann man sich der unbestechlichen Logik seiner Argumentation nicht mehr entziehen. Es ist wie mit Poppers „Basissätzen“: wenn man diese akzeptiert, muss man auch die Konsequenzen akzeptieren. Als Beispiel dafür mag Martin Walsers Buch „Der Tod eines Kritikers“ stehen, in dem Walser einen – unschwer als Reich-Ranicki zu erkennenden – Kritiker einem Mord zum Opfer fallen lässt. Am Ende stellt sich zwar – fast wie bei einer Kriminalkomödie – heraus, dass der vermeintlich Tote nur mit einer Geliebten verschwunden war, doch Schirrmacher sieht allein darin einen Skandal, dass Walser den Juden Reich-Ranicki mit einem gewaltsamen Tod in Verbindung bringt und dabei auch auf den Juden-Hinweis nicht verzichtet. Man kann dieses Buch als eher zweitrangigen aber harmlosen literarischen Ausfall gegen eine konkrete Person betrachten, man kann aber auch die unerhörten Querverbindungen zum Holocaust darin sehen. In ähnlicher Weise entlarvt Schirrmacher Günther Grass – unabhängig von dem oben erwähnten Gedicht – als einen intellektuell und moralisch Größenwahnsinnigen, wobei er äußerst subtile und biographisch-psychologische Gedankenstränge entwickelt. Billige Polemik war Schirrmachers Sache nicht, er ging in jedem Beitrag der Sache bis auf den tiefsten Grund. Das war auch der Grund, warum sich seine Kritiker so schwer taten: sie konnten ihm nie – oder selten – polemische oder gar ressentimentgeladene Argumentation vorwerfen unn mussten ihm schon tief in seine Gedankengänge folgen, um ihm Widersprüche oder gar Fehler vorzuwerfen. Und  wo dies gelang, drehte es sich meist um die richtige(?) Auslegung konkreter Fakten oder Aussagen.

Man versteht nach der Lektüre dieser Artikel, dass Schirrmacher als einer der führenden und profiliertesten Intellektuellen Deutschlands galt, der auch auf „sachfremden“ Gebieten ein sachkundiges Wort mitreden konnte. So wie sich viele Schriftsteller vor Reich-Ranickis Verrissen fürchteten, so mussten auch viele Intellektuelle, Politiker und Wirtschaftsgrößen vor den Leitartikeln Schirrmachers zittern. Das vorliegende Buch führt uns durch die letzten zwanzig Jahre der Republik und lässt uns dabei diese Zeit und ihre Probleme noch einmal nacherleben.

Das Buch ist im Blessing-Verlag erschienen, umfasst 335 Seiten und kostet 16,99 Euro.

Frank Raudszus

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