Boxen und Bier bis zum Umfallen

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Die Prager Compagnie „Spitfire“ gastiert im Staatstheater Darmstadt mit zwei Produktionen.

Aus dem klassischen Ballett mit Tütü und Spitzentanz hat sich im Laufe der letzten Dekaden das moderne TanzTheater entwickelt, das mehr auf unmittelbare Körpersprache als auch schönen Tanz setzt. Avantgardistische Choreographen wie William Forsythe haben diese Entwicklung konsequent weiter getrieben hin zu einer Körpersprache, die den eigentlichen Tanz ganz ausschaltet und Befindlichkeiten durch Körpersprache aller Art sowie durch zusätzliche Requisiten und Theaterelemente zum Ausdruck bringt. Zu dieser neuen Schule gehört auch die Prager Compagnie namens „Spitfire“, was im Deutschen am ehesten dem Begriff „Hitzkopf“ entspricht. Und „hitzköpfig“ sind die Choreographien von Petr Bohác tatsächlich, da sie ein vorgegebenes Thema konsequent bis zum Ende durchspielen und dabei kaum Tabus kennen. In Darmstadt zeigt „Spitfire“ zwei Produktionen, die derzeit in Prag und anderen Orten sehr gut aufgenommen werden: „One Step before the Fall“ mit der Tänzerin Markéta Vacovská sowie „Antiwords“ mit den Tänzerinnen Jindriska Krivánková und Tereza Havlicková.

Markéta Vacovská in "One Step before the Rall"

Markéta Vacovská in „One Step before the Rall“

In „One Step before the Fall“ geht es um einen Kampf im Boxring. Dieser Kampf gilt jedoch nicht einem boxerischen Gegner, sondern einer Krankheit, nämlich Parkinson, an der Boxweltmeister Muhammad Ali alias Cassius Clay nach seiner Karriere erkrankte. Markéta Vacovská zeigt in einer konvulsiven Körpershow, die nichts mit herkömmlichem TanzTheater zu tun hat, den letztlich vergeblichen Kampf gegen die Auswirkungen dieser Krankheit. Fünfzig Minuten lang baut sie ihre eigene Choreographie systematisch auf, wobei ihr Petr Bohác und Lenka Dusilová assistieren. Petr Bohac spielt eine Art Zeitnehmer, der in bestimmten Zeitabständen den Rundengong mit einer hängenden Eisenstange nachspielt, während Lenka Dusilová eine fulminante Sound-Untermalung dazu liefert, die aus Publikumslärm und zusammengeschnittenen Box-Reportagen, eingespielten elektronischen Rhythmen und grellen eigenen Gesangseinlagen bestehen, die zusammen die Erregung und die Not im Kopf des einsamen Kämpfers spiegeln.

Markéta Vacovská beginnt eher verhalten und selbstsicher, bewegt spielerisch ihre Muskeln in einfachen akrobatischen Übungen, wie es ein Boxer vor dem Kampf tun mag. Spielort ist ein erhöhtes Quadrat, das wie bei einem Boxering von Zuschauerrängen umgeben ist. Dann jedoch beginnt sie, Ringseile zu spannen, die sich jedoch nicht auf das Symbolische beschränken sondern offensichtlich aus dem Profiladen stammen. In diesem Ring beginnt sie dann ihren einsamen Kampf gegen die Krankheit, die sich mit zunehmender Spieldauer immer deutlicher in Zitteranfällen zeigt. Sie ballt die Fäus vor dem Gesicht wie ein Boxer, geht auf einen imaginären Gegner zu, ersteckt das Zittern mit eigenen Umarmungen, wälzt sich auf dem Boden, kämpft einen endlosen Kampf mit dem Mundschutz und kann doch nicht das Zittern besiegen. Dazu steigern sich die grellen Töne von Lenka Dusilovás Sound zu einem nervtönenden Crescendo innerer Schreie und Misstöne bis zu einem Punkt, an dem die Kämpferin wider aufgibt und dem Schicksal seinen lauf lässt. Ende der Performance.

Jindriska Krivánková und Tereza Havlicková in "Antiwords"

Jindriska Krivánková und Tereza Havlicková in „Antiwords“

„Antiwords“ ist ein Gemeinschaftswerk von Petr Bohác und Mirenka Cechová und verlässt den üblichen Rahmen eines Tanztheaters vollständig. Eher ist es als Pantomime zu verstehen. Die beiden Darstellerinnen betreten die nur mit einem Tisch, zwei Stühlen sowie einem Kasten Bier (Pilsner Urquell) ausgestattete Bühne mit einem verschwörerischen Lächeln auf den Lippen, das man im ersten Augenblick für ein unfreiwilliges Kichern über die Absurdität des nun Folgenden hält, das aber als wohlkalkuliertes darstellerisches Mittel gemeint ist. Wie zwei Raumfahrer ihre Helme tragen die beiden jungen Frauen zwei übergroße Männerköpfe unter dem Arm, die sie sich überstülpen, bevor sie sich wie zwei Stammtischbrüder an den Tisch setzen. Die Szene ist einem Stück von Vavlav Havel nachempfunden, bei dem ein Schriftsteller und ein Brauereibesitzer sich bei einem Bierabend treffen. Mit wenigen Gesten und männertypischer Körpersprache schaffen es die beiden Frauen sofort, die typische Stammtischatmosphäre zu verbreiten. Während sie mit beschwörenden, auftrumpfenden oder belehrenden Gesten eine lautlose Diskussion beginnen, erfolgt der erste – und nicht der letzte – Griff zur Bierflasche. Mit viel Schwung und großer Geste wird eingegossen, übergeschwappt und „ex“ getrunken, wozu die Darstellerinnen den Männerkopf wie ein Visier lüften. Dabei spielt beide abwechseln den zum Biergenuss drängenden und den eher enthaltsamen Partner. Da die Positionen nach jedem – unvermeidlichen – Gang in die Kulissen wechseln, muss jede beide Rollen spielen. Dazu erklingen aus dem Off tschechische Wortfetzen, die auf einer Leinwand auf Deutsche erscheinen: typisches Wirtshausgeschwätz, das von Bierflasche zu Bierflasche rudimentärer, bruchstückhafter und schlichter wird, bis es sich am Schluss in weltschmerzlichen Kraftausdrücken erschöpft. Mit zunehmender Spielzeit findet immer weniger Bier  seinen Weg aus der Flasche in die Gläser, sondern landet daneben, auf dem Tisch oder auf der Kleidung der beiden. Dazu die beiden starren, seriös wirkenden und übrigens identischen Männerköpfe, die dem blöden Geschwätz eine optische Absurdität verleihen. Aus den Wortfetzen kann man entnehmen, dass der Brauereibesitzer von „oben“ die Aufgabe erhalten hat, den Schriftsteller zu bespitzeln, was jedoch angesichts des Bierkonsums misslingt.

Am Schluss versinken die beiden bei abnehmender Bühnenbeleuchtung in biergesättigter Schwermut, und die Bühne ringsum ist voller leerer Bierflaschen, Kronkorken und Bierflecken. Das Ganze lässt sich als Satire auf typische Männerstammtische und vor allem auf die starke Neigung tschechischer Männer zum Bier deuten. Doch auch die politische Vergangenheit spielt in Ansätzen eine Rolle. Doch im Ganzen überwiegt hier der eher deftige Humor, was die Zuschauer auch durchaus durch kräftige Lacher würdigten. Allerdings dürften die meisten von ihnen diesen Theaterabend nicht mit einem Bier sondern mit einem Wein beendet haben.

Frank Raudszus

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