Peter Sasse: „Die Angst vor der Frohen Botschaft“

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Eine Anklage gegen das Christentum aus eigener Betroffenheit.

Die Bibel berichtet eindringlich über die Wandlung des römischen Saulus zum christlichen Paulus und stellt ihn als den Archetypus des Bekehrten vor. Dieses Buch schildert die gegensätzliche Bewegung: die Wandlung eines gläubigen katholischen Lehrers im bischöflichen Dienst zum überzeugten, aber deshalb nicht weniger menschlich denkenden Atheisten.

1605_botschaftPeter Sasse hat die typische Entwicklung eines katholisch erzogenen Jugendlichen – Messdiener und andere kirchliche Dienste – durchgemacht sowie später Pädagogik, Philosophie und Alte Geschichte studiert. Er verfügt also sowohl über theoretische Kenntnisse als auch über praktische Lebenserfahrung im klerikalen Umfeld.

Schon während seiner aktiven Zeit als katholischer Lehrer begann er an den Dogmen, der kirchlichen Lehre und der Geschichte vor allem der katholischen Kirche zu zweifeln. Der Auslöser für seine Trennung von der (katholischen) Kirche und für das vorliegende Buch war jedoch die Reaktion der Kirche auf seine persönlichen Lebensumstände, die eine Scheidung unumgänglich machten.

Sasse geht bei seiner Kritik chronologisch vor, und so gelten seine ersten Ausführungen den Grausamkeiten des Alten Testaments, das nichts mit einem liebenden Gott zu tun habe. Dieser Gott ermordet alle, die nicht zu den Auserwählten gehören, und befiehlt sogar seinem Volk, nach dem Auszug aus Ägypten die Bewohner der zukünftigen mosaischen Siedlungsgebiete auszurotten. Die zehn Gebote entlarvt Sasse als Plagiat aus alten nahöstlichen Religionen und Moses als eine Kunstfigur, die ebenfalls aus bestehenden Mythen entlehnt wurde. Das ganze Alte Testament ist für ihn nur ein Zugeständnis an archaische Riten, die für den Zusammenhalt des jüdischen Volkes unerlässlich waren.

Da das Alte Testamant selbst von Klerikern gerne als „überholt“ und daher als ungeeignet für eine prinzipielle Kritik hingestellt wird, setzt Sasse seine Kritik am Neuen Testament fort. Er sieht darin eine einzige Verfälschung des Urchristentums, das für ihn noch ursprüngliche menschliche Ziele und Werte vertrat. Dazu gehört für ihn die historische Verfälschung mit dem Stall in Bethlehem ebenso wie die angebliche „unbefleckte Empfängnis“ und vor allem die völlig unverständliche und in sich widersprüchliche Dreifaltigkeit von Vater, Sohn und Heiligem Geist. Jesu Geburt musste nach Bethlehem verlegt werden, da nur so die Abstammung von David zu behaupten war, und die unbefleckte Empfängnis, die sich übrigens nicht auf Jesu, sondern auf Marias Geburt bezog, war notwendig, um Jesus von der laut Dogma allen Menschen inhärenten Erbsünde zu befreien. So zieht eine Lüge zwangsläufig die nächste nach sich, und das durch 2000 Jahre Kirchengeschichte.

Die Erbsünde ist ein zentrales Thema des Autors, ist sie doch seiner durchaus nachvollziehbaren – weil anhand von Quellen belegten – Ansicht nach von der Kirche – und nicht von Jesus! – erst später erfunden worden, um damit ein ausreichendes Machtmittel und Drohpotential gegenüber der Masse der potentiellen Gläubigen in der Hand zu haben. Dass diese Erbsünde im Widerspruch zu anderen Aussagen der Bibel über Sippenhaft stand, spielte dabei offensichtlich keine Rolle. Da die einfache Bevölkerung von der Kirche bewusst dumm gehalten wurde, war auch keine Kritik zu befürchten.

So geht Sasse Stück für Stück durch die Dogmengeschichte der katholischen Kirche, beleuchtet dabei die Angst einflößende Hölle, deren Qualen keine zeitliche Begrenzung kannten, die zynischen Ablassbriefe zwecks Bereicherung der Priesterkaste, die Frauen- und Sexualfeindlichkeit sowie den Judenhass und findet sogar Beispiele für die Verabscheuung allen „missgebildeten“ Lebens. Einziges Ziel und Zweck war die Mehrung der Macht der katholischen Kirche und ihrer Würdenträger.

Das liegt es natürlich nahe, dass Sasse auch die Geschichte der Päpste nicht vergisst und die Verbrechen vieler heilig und selig gesprochener Kirchenfürsten aufzählt, die bis heute nicht widerrufen worden sind. Dabei zitiert er auch die „Entschuldigungen“ jüngster Päpste über angeblich einzelne Entgleisungen von Kirchenvertretern in Südamerika und schildert parallel dazu den systematischen Genozid an der Indiobevölkerung durch die Spanier und unter tätiger Mithilfe der Kirche. Ähnlich gelagert sind die Reaktionen höchster Vatikan-Vertreter zur Zeit des Dritten Reiches zum Holocaust an den Juden, wobei in diesem Falle in den Kommentaren der Kleriker sogar noch eine gewisse „Eigenschuld“ der Juden an ihrer Vernichtung mitschwingt.

Die „Frohe Botschaft“ der Urchristen, d.h. die ersten Bibeln, mussten systematisch vernichtet oder gefälscht werden, um nicht den scharfen Kontrast zwischen menschlicher Urkirche und machtgetriebener Kirchenorganistion deutlich werden zu lassen. So wurden die meisten, vor allem die diskriminierenden und unterdrückenden Dogmen erst später definiert und Jesus nachträglich in den Mund gelegt. Da das einfache Volk in seinem Analphabetentum nicht widersprechen konnte, etablierten sich diese falschen Dogmen im Laufe der nächsten eineinhalb Jahrtausende und gewannen dadurch den Charakter absoluter Wahrheiten.

Ein gesondertes Kapitel gilt der Heiligen Mutter Teresa, die mittlerweile – außer von der katholischen Kirche – als verwirrte Anhängerin einer Leidenstheologie entlarvt wurde. Ihr Ziel war nicht, die Armen und Todkranken von Kalkutta zu heilen oder zumindest ihr Leiden zu lindern, sondern ihr grausames Leiden als Nähe zu Jesus zu interpretieren, ja: zu stilisieren. Die üppigen Spendengelder aus der ganzen Welt landeten nie bei den Armen von Kalkutta, sondern auf undurchsichtigen Vatikan-Konten. Die Verherrlicherin des Leidens starb selbst in einer kalifornischen Klinik mit der Gnade schmerzlindernden Mittel. Doch trotz dieser in den letzten Jahren vor und dann nach ihrem Tod gewonnenen Erkenntnisse beeilte sich der Vatikan mit der Heiligsprechung, weil sie diesen „Marketingerfolg“ dringend benötigte. Und die Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche vor allem in breiten Kreisen der einfachen Bevölkerung in Südamerika und anderen Weltreligionen ist immer noch so groß, dass die Menschen dem Leugnen der Kirche trotz eindeutiger Beweise glauben. Sie wollen daran glauben, weil sonst ihr Selbst- und Weltbild zerbrechen würde.

Peter Sasse hat mit diesem Buch ein kämpferisches Zeugnis wider die realitätsfremde und in sich widersprüchliche Lehre der (katholischen) Kirche sowie über die Gewaltexzesse und Diskriminierungen dieser Organisation abgelegt und alle seine Kritikpunkte mit Quellenangaben und vor allem Bibelstellen akribisch genau belegt. Vieles hat er von anderen Kirchen- und Religionskritikern wie Drewermann, Deschner und Dawkins übernommen – und natürlich ausgewiesen – und damit die Glaubwürdigkeit und Standfestigkeit seiner Argumentation gestützt. Wie bei diesen Kritikern ist jedoch zu befürchten, dass der weltweite Apparat der Kirche auch diese Kritik mit abwiegelnden und denunzierenden Kommentaren „entschärfen“ und sich die Glaubensbereitschaft ihrer weltweiten „Kundschaft“ zunutze machen wird.

Das Buch ist im Musketierverlag erschienen, umfasst 251 Seiten und kostet 14,90 Euro.

Frank Raudszus

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