Und der Kaktus sticht doch noch

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Die „Comedian Harmonists“, eine Gruppe begeisterter Sänger, die in den zwanziger und frühen dreißiger Jahren das Publikum mit schmissigen Liedern begeisterten, erfreuen sich ungebrochener Beliebtheit, heute jedoch – außer in historischen Aufnahmen – in Gestalt verschiedener „Remakes“. Nachdem das Staatstheater Darmstadt den bekannten Film im Jahr 2007 in einer eigenen Inszenierung nachgestellt hatte, waren nun fünf Sänger des Wiener Staatsopernchors und ihr Pianist in Darmstadt zu Gast, um mit einer eigenen Interpretation der einschlägigen Lieder die Erinnerung an diese Gruppe wach zu halten.

Die "Comedian Harmonists Wien". V.l.n.r.: Oleg Zalytskiy (Tenor), György Handl (Pianist), Hermann Thyringer (Bass), Martin Thyringer (Bariton), Gerhard Reiterer (Tenor), Johannes Gisser (Bariton)

Die „Comedian Harmonists Wien“. V.l.n.r.: Oleg Zalytskiy (Tenor), György Handl (Pianist), Hermann Thyringer (Bass), Martin Thyringer (Bariton), Gerhard Reiterer (Tenor), Johannes Gisser (Bariton)

Von Anfang an geht es den Wiener Musikern nicht nur um eine technisch perfekte Intonation bekannter Lieder wie „Bel Ami“ oder „Das gibt´s nur einmal“, sondern auch um die schauspielerische Seite. Da ziehen die fünf Sänger zu jedem Stück ein kleines Drama oder eine Komödie auf, bieten viel Körpersprache, Mimik und Gestik auf, um den humoristischen, melancholischen oder weltzschmerzlichen Inhalt des jeweiligen Liedes auch optisch zu verdeutlichen. Darüber hinaus beschränkt sich die Gruppe eben nicht auf die bekannten Nummern, ja sie verzichten bewusst auf Renner wie den „grünen Kaktus“ oder „Veronika“ und präsentieren eher unbekanntere Lieder aus dem damaligen Repertoire wie den „Blumentopf“ oder „Tee bei Familie Kraus“. Da erklingt dann auch ein eher untypisches Lied wie „Day and Night“ mit deutschem Text und wehmütigem Ausdruck oder die deutsche Version von „You´re driving me crazy“ als „Hallo, was machst Du heute, Daisy?“. Auch das spanische Ambiente kommt in der zackigen „Isabella von Kastilien“ mit schwarzen Spanierhüten und schmelzender Anbetung zu seinem Recht. Durch die abwechslungsreiche und mimisch-gestisch angereicherte Interpretation sorgen die „Wiener Sängerknaben“ für viel Heiterkeit und Unterhaltung.

Den zweiten Teil leiten sie gleich mit der instrumentalen Simulation eines bekannten Marsches ein, bei dem die – fiktiven – Trompeten schmettern, Posaunen dröhnen, Saxophone sonor säuseln und die vor allem der Pfeifer vorn an der Rampe brilliert. Das Ganze wird mit viel pseudo-militärischem Gehabe parodiert. Auch die Operette kommt mit „Dein ist mein ganzes Herz“ zu Gehör, wobei vor allem die Tenöre brillieren. Dann wieder eine überraschende Wendung, wenn die Sänger zu fahlweißer Beleuchtung das Volkslied „Guter Mond, du gehst so stille“ ohne jeden aufgesetzten Witz, aber auch ohne falsche Sentimentalität berührend intonieren. Dann verleiht Bariton Johannes Gisser dem Abend eine völlig neue Färbung, wenn er – alleine auf der Bühne – zum eigenen Pianospiel das abgründig-komische Wiener Lied vom „Mann mit dem schwoarzn Boart“ vorträgt. Anschließend kommen die anderen Sänger und der Pianist mit Sonnenbrillen langsamen Schritts auf die Bühne und singen wie auf einer Beerdigung in New Orleans den Blues „St. James Infirmary“. Auch ein Evergreen der originalen „Comedians“ darf nicht fehlen, also schmettern die vier „Wochenend und Sonnenschein“ mit humoristischer Gestik und Mimik. Der Schluss führt dann wieder zurück auf die iberische Halbinsel, dieses Mal jedoch mit „Zauberhaftes Lissabon“ nach Portugal, das aber eher an feurigen Flamenco als an den traurigen Fado erinnert.

Natürlich war nach dieser unterhaltsamen und temperamentvollen „tour d´horizon“ durch das Liedgut der dreißiger Jahre und angrenzender Epochen noch nicht Schluss. Da legte das Publikum sein furioses Veto ein und forderte weitere Zugaben. Na ja, und nach dem unsterblichen „Ein Freund, ein guter Freund“ – stilles Gedenken an Heinz Rühmann – erklang dann mit spannungsgeladener Vorankündigung dann doch noch das Lied, auf das angeblich (oder tatsächlich?) alle gewartet hatten: der „grüne Kaktus“, und da sangen die meisten in Gedanken bereits mit. Doch auch das reichte den Zuschauern nicht. Also lieferten die fünf Sänger zum Schluss noch einen beinharten und skrupellosen Wettbewerb um die schönste Interpretation von „O sole mio“. Diesen rücksichtslosen Konkurrenzkampf gewann  —- natürlich der Tenor!

Frank Raudszus

 

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