Ein virtuelles Wesen erwacht zum Leben

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Dass wir heute im „digitalen Zeitalter“ leben, hat sich nicht nur in der Wirtschaft in Schlagworten wie „Industrie 4.0“ verdichtet, sondern ist auch längst zu den Künstlern vorgedrungen. Computergrafik und Animation haben sich dort mittlerweile als anerkannte Techniken etabliert, und Filme wie „Matrix“ haben die Möglichkeit der totalen Virtualisierung und Simulierung der Realität thematisiert. Jetzt haben auch die bildenden Künste sich dieses Themas angenommen, und einen Vertreter dieser Richtung, den Engländer Ed Atkins“, kann man jetzt im Frankfurter „Museum für Moderne Kunst“ kennenlernen. Aufgrund seines Geburtsjahrgangs – 1982 – kann man Atkins zweifellos als „digital native“ bezeichnen, als einen Menschen also, der die Digitalisierung sozusagen mit der Muttermilch aufgesogen hat. Doch Atkins gehört nicht zu den jungen Leuten, die den ganzen Tag an dem Smartphone hängen wie ein Junkie an der Droge, sondern er betrachtet die Digitalisierung und deren Konsequenzen aus einer kritischen Perspektive.

Virtualisierter Darsteller

Heute lassen sich alle Objekte der Realität einschließlich menschlicher Wesen mit hoher Realitätstreue künstlich per Software generieren und auf entsprechenden optischen Medien anzeigen. Die hohe Leistung heutiger Computer ermöglicht dabei auch naturgetreue Bewegungen sowie die Wiedergabe kleinster Details wie Barthaare und Hautunreinheiten in einer Auflösung, die es schwierig bis unmöglich macht, sie von Filmaufnahmen zu unterscheiden. So gibt es in Japan bereits virtuelle Schauspieler, denen man die Physiognomie jedes beliebigen Filmstars verleihen kann. Nur Persönlichkeitsrechte und ein paar letzte Skrupel haben bisher verhindert, die teuren und eitlen menschlichen Filmstars durch ihre virtuellen Doppelgänger zu ersetzen.

Ed Atkins hat all das wahrscheinlich im Hinterkopf gehabt, als er seine zwei digitalen Installationen entwarf, die das Museum für Moderne Kunst derzeit zeigt. In „Hisser“, das im Erdgeschoss in mehreren Räumen auf synchronisierten Leinwänden abläuft, hat er eine tatsächliche Begebenheit verarbeitet: in den USA verschwand ein junger Mann mit seinem ganzen Schlafraum plötzlich in einem Erdloch. Ob er dabei zu  Schaden kam, bleibt offen, doch darum geht es nicht. Atkins sieht darin das Bild des vereinsamten Menschen, der plötzlich im Nichts verschwindet. Dieses Ereignis stellt er in einer perfekten digitalen Simulation nach. Der einfache Schlafraum zu Beginn könnte tatsächlich abgefilmt sein, denn sogar die feinen Vorhänge bewegen sich leicht im Wind, und das einfallende Tageslicht wirft wechselnde Schatten auf die Gegenstände. Nur wer ganz genau hinschaut, stellt fest, dass einige Materialien vielleicht eine Idee zu glatt sind, um real zu sein. Dann lässt Atkins das Schlafzimmer erst durch den nachgebenden Boden erschüttern, wobei die aus den Regalen fliegenden Bücher streng den Gesetzen der Schwerkraft folgen und je nach Größe und Dicke unterschiedlich fallen. Wenn das Zimmer im Boden versinkt, setzen künstlerische Überhöhungen ein, die ein wenig an Stanley Kubricks „Odyssee 2001“ erinnern. Der Bewohner dieses Raum liegt dabei im Bett, führt Selbstgespräche und zeigt deutliche Zeichen totaler Vereinsamung. Die Großaufnahmen seines Gesichts zeigen eine zerstörte Psyche, die sich symbolisch in den bis ins Feinste nachgebildeten Hautunreinheiten verdichtet. Dieses Gesicht wirkt eher wie das eines hervorragenden Schauspielers, der sich in der Darstellung existenzieller Ausnahmezustände auskennt, denn wie ein computergeneriertes Objekt. Hinter diesem Gesicht steckt jedoch kein – bekannter oder unbekannter – Schauspieler, sondern nur ein Team von Programmierern.

Objekt aus „Safe Conduct“

Die irritierend realitätsnahe Nachbildung von Mensch und Objekten wird nur in kurzen Momenten durchbrochen: das eine Mal, wenn Atkins symbolisch-künstlerische Abläufe einführt, die es so in der Realität nicht gibt – das Zimmer verschwindet unter stroboskopischen Blitzen ein einem endlosen schwarzen Loch (kein „Schwarzes Loch“), an dessen Ende ein blaues Meer erscheint -, oder es treten kleine technische Probleme auf, die plötzlich auf die Ebene der Simulation verweisen. Man fühlt sich dann kurz an Stanislaw Lems „Simulacron“ erinnert, das ebenfalls immer wieder die höhere Simulationsebene durchschimmern lässt. Atkins setzt beide Mittel natürlich bewusst ein, um die technische Perfektion der Digitalisierung kritisch zu hinterfragen. „Es ist alles nur Fake“ – lautet die Botschaft dahinter. Der Ausstellungstitel „Corpsing“ verweist genau auf diese Tatsache. Er stammt aus der Schauspielerei und bezeichnet das plötzliche Herausfallen eines Darstellers aus seiner Rolle, entweder durch Texthänger oder bewusste selbstreferentielle Äußerungen, etwa wenn er den Mitspieler nicht mit seinem echten statt mit seinem Rollennamen anspricht.

Der virtuelle Mensch auf dem Durchleuchtungsband

Die zweite Installation mit dem Titel „Safe Conduct“ läuft in nur einem Raum im ersten Stock auf mehreren rundum aufgestellten Bildschirmen. Ein junger Mann, sehr ähnlich dem aus „Hisser“ (wahrscheinlich hat man die selben Programme benutzt) durchläuft die Sicherheitskontrollen eines Flughafens. Doch legt er nicht nur Tasche, Gürtel und Schuhe ab, sondern sogar Gliedmaßen und Innereien. Da fließt dann Blut in die Schalen auf dem Rollband, ein Herz plumpst hinein, dann eine Leber. Dann fallen gleich mehrere Kopien des jungen Manns im Kleinformat übereinander in die Schale, einzelne Hände folgen wie in einem Schlachthaus, und schließlich fährt sein Kopf alleine in der Schale über die Rollbänder. Die Brutalität dieser Schlachthaus- Show wird durch die offensichtliche Virtualisierung aller Körperteile – wenn auch gut gemacht – sowie durch den Slapstick-Charakter des Ganzen gemildert und ins Groteske gewendet. Streckenweise mutet diese Schau der Innereien eher wie ein medizinischer Lehrfilm denn wie ein Horrorfilm an. Ed Atkins´Absicht ist natürlich auch hier deutlich zu erkennen: er kritisiert die Offenlegung des Menschen im digitalen Zeitalter, wie wir sie – weniger martialisch – von der freiwilligen Selbstentblößung der Facebook-Nutzer kennen. Atkins steigert diese Selbstentblößung konsequent zur Selbstauflösung, bei der noch jede Innerei bis hin zum Inhalt des Darms virtuell auf das Laufband gelegt wird, das hier durchaus den Charakter eines Laufstegs annimmt, auf dem das Individuum sein Innerstes zur Schau stellt.

Die Ausstellung „Ed Atkins. Corpsing“ ist vom 3. Februar bis zum 14. Mai 2017 geöffnet. Näheres ist auf der Webseite des Museums für Moderne Kunst zu erfahren.

Frank Raudszus

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