Paul Auster: „4 3 2 1“

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In unserer schnelllebigen Zeit der Kurznachrichten wirkt Paul Austers neuer Roman „4 3 2 1“ mit seinen 1.258 Seiten papier- und wortmächtig, fast so, als wolle er den Leser erschlagen. Allein das Gewicht des Buches lässt sich nicht so ohne weiteres handhaben. Man braucht eine stabile Ablage und sehr viel Zeit. Das sind die ersten Gedanken, die den Leser anspringen, bevor er auch nur eine Seite von Austers Roman gelesen hat.

Sieben lange Jahre hat der Autor an diesem „opus magnum“ gearbeitet und all seine Lebenserfahrung von siebzig Jahren hineingeschüttet. Sein Protagonist Archie Ferguson durchläuft vier verschiedene Lebenswege, die der Autor kunstvoll ineinander verschachtelt, so dass nie ein Strang neben dem anderen steht, sondern alles ineinander zu fließen scheint. Das eine Leben könnte sich in einem Seitenarm Bahn brechen, und wie der Hase im Zickzack durch das Gelände hetzt, so könnte Archie Ferguson einmal rechts oder links ausscheren, und schon wäre sein Weg ein völlig anderer.

Warum Archie das nicht tut, sondern ein stringentes, nahezu vorgezeichnetes Leben führt, darüber denkt Auster nach. Sicherlich hat das Leben seines Protagonisten mit Austers eigenem Lebensweg zu tun. Jetzt, mit siebzig Jahren, leistet er sich mit dieser „great american novel“ die Freiheit des Gedankenspiels „Was hätte sein können, wenn…..“ und skizziert drei weitere Möglichkeiten – eigentlich drei zusätzliche Romane von jeweils 300 Seiten – über drei andere Archie Fergusons, deren Leben anders verlaufen sind. Damit wirft Auster die Frage auf, ob dieses Leben, das wir führen, das einzig mögliche war. Eine interessante Frage, die wir „reiferen“ Leser uns sicher auch schon gestellt haben, und ein herrliches Gedankenspiel, da es unendliche Möglichkeiten eröffnet. Hier versteht man Paul Austers Erzählfreude, die sich bei dieser Fragestellung Bahn gebrochen hat und der er auf fast 1.300 Seiten nachgegeben hat. Er muss mit großer Euphorie in seine vielen Lebenswelten abgetaucht sein.

„4 3 2 1“ erzählt vier Leben und beschreibt die sozialen und politischen Zustände der amerikanischen Gesellschaft der 50er und 60er Jahre. Wie fanden sich junge Menschen damals zurecht, wogegen opponierten sie? Es geht um J. F. Kennedy als Hoffnungsträger, um Martin Luther King, der für die Rechte der Schwarzen kämpfte, um den Vietnamkrieg und die Studentenunruhen an der Columbia University 1968. Auch um Woodstock, Flower Power und Andy Warhol – alles Strömungen, die Amerika damals geprägt haben. Bei alledem aber geht es immer um das Heranwachsen und Erwachsenwerden sowie darum, welches die bestimmenden Faktoren im Leben sind.

Ein großartiger Roman, der nie langweilig wird und so viele Facetten bietet, dass man sogar 1.300 Seiten mit Lesegenuss bewältigt.

Das Buch ist im Rowohlt-Verlag erschienen, umfasst 1.258 Seiten und kostet 29,95 Euro.

Barbara Raudszus

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