Die Macht der Musik

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Wolfgang Amadeus Mozarts Requiem gilt als eines der bedeutendsten Werke der musikalischen Weltliteratur: einerseits wegen seines unbestrittenen künstlerischen Wertes, andererseits wegen des Entstehungskontextes. Nicht nur ist es Mozarts letzte Komposition und damit in gewissem Sinne der Höhepunkt seiner Laufbahn, sondern die Tatsache, dass es wegen seines Todes ein Fragment blieb, macht es ungewollt zu seinem eigenen Requiem. Angeblich hat der von Todesahnungen geplagte Mozart diese Vermutung auch selbst geäußert. All diese Umstände haben das Werk in einen geradezu mythischen Rang erhoben.

In Darmstadt hat GMD Will Humburg für das 5. Sinfoniekonzert zusammen mit der Sängerin Ines Krome Mozarts Requiem als wesentlichen Teil und Rahmen einer besonderen musikalischen Inszenierung verwendet. Dabei hat sich Will Humburg konsequent auf die ausschließlich von Mozart selbst komponierte Musik beschränkt und auf die Bearbeitung durch dessen Schüler Süßmaier verzichtet. Die zweite Komponente und gleichzeitig das Zentrum des Konzerts bildet die Oper „Il Prigioniero“ des Italieners Luigi Dallapiccola, die dieser nach dem Ende des faschistischen Regimes komponierte. Man kann diese Oper selbst als eine Art Requiem auf die Opfer des Faschismus verstehen.

Das Autograph des „Dies irae“ aus Mozarts Reqiem (Quelle: Wikimedia)

Im Mittelpunkt steht ein Gefangener der Inquisition, der kurz vor seiner Hinrichtung auf dem Scheiterhaufen die Chance zur Flucht erhält, als der Wärter ihn erst „Bruder“ nennt und dann die Tür offen stehen lässt. Der Gefangene flieht aus dem Gefängnis in die sonnige Freiheit eines Frühlingsmorgens, nur um dort dem Großinquisitor selbst gegenüberzustehen, der sich diese Freiheitshoffnung als letzte Folter vor dem Tod ausgedacht hat.

Dieses zutiefst pessimistische Werk kommt im Darmstädter Sinfoniekonzert trotz des Konzertformats in szenischer Form auf die Bühne. Dazu steigen noch während des „Tuba, mirum“ des Requiems ein Drahtzaun und ein Podest mit einer verhüllten Figur aus dem Orchestergraben, und aus dem Bühnenhimmel senkt sich eine trübe Lampe auf das trostlose Kerker-Ambiente nieder. Das „Rex tremendae“ geht dann nahtlos in die scharfen Streicherklänge der Musik Dallapiccolas über und eröffnet damit die Handlung auf der Bühne, die sich weitgehend auf den Orchestergraben und das schmale Band vor dem Orchester beschränkt. Der Sprung über eineinhalb Jahrhunderte von der Hochklassik zur Zwölftonmusik wirkt dabei in keiner Weise als Bruch sondern fast organisch. Denn Mozarts Musik überschreitet in ihrer Ausdruckskraft ohne Verletzung der klassischen Tonalität selbst schon die gewohnten Grenzen der Rezeption, und Dallapiccolas düster-pessimistischen Streicherpassagen scheinen diese Stimmung aufzunehmen und weiterzuentwickeln. In der Folge werden die gesungenen Monologe des Gefangenen (Thomas Gazheli) und seiner Mutter (Natalie Carl) von den Streichern und den Zwölfton-Figuren einzelner Bläser begleitet. Doch im Vordergrund stehen die sängerischen Passagen. Vor allem der lange, von aufkeimender Hoffnung geprägte Monolog des Gefangenen und der darauf folgende Fluchtversuch prägen die Szenen. Dabei gibt es keine Handlung im üblichen Sinne, sondern die einzelnen Handlungselemente erschließen sich ganz allein aus dem gesungenen Text. Daher sind in dieser Oper die Übertitel notwendig, weil sich sonst die Entwicklung der tunnelartigen Handlung nicht erschließt. Ist schon der Auftritt der Mutter von tiefem Leid geprägt, enthält der lange Monolog des Gefangenen alle Schrecken vor allem der letzten Jahre des faschistischen Regimes. Die Verlegung der Handlung in die Zeit der Inquisition ist nur eine oberflächliche Verfremdung des eigentlichen Themas.

Für die Kombination mit Mozarts Requiem bietet die historische Ansiedlung der Handlung jedoch bessere Anknüpfungspunkte, weil die vorgegebene Liturgie des Requiems direkt auf die katholische Kirche rückverweist. Dadurch erhält die gesamte Inszenierung eine unerhörte Dichte und dramatische Wucht. Der Zuschauer sieht in erster Linie den Gefangenen der Inquisition und nicht die faschistischen Schrecken. Letztere erschließen sich erst aus dem Kontextwissen. Die Düsternis des Bühnenbildes spiegelt sich in Dallapiccolas Musik, die trotz modernster (A-)Tonalität eine unmittelbar zur Bühnenhandlung passende Wirkung ausübt. Keinen Moment hat man das Gefühl, hier eine Aufführung avantgardistischer Musik des 20. Jahrhunderts zu erleben, sondern Musik und Handlung ergeben eine homogenes und eindrucksvolles Gesamtkunstwerk, das den Zuhörer von Anfang bis Ende seinen Bann schlägt. Dieser Eindruck steigert sich am Schluss zu einer Endzeitlichkeit, wenn der Gefangene, aller Hoffnung beraubt, mit gesenktem Kopf vor dem mit einem roten Rechteck für den Delinquenten markierten Schaffott steht. Da erscheint es geradezu zwingend, wenn nach den letzten Tönen der Opernmusik Mozarts Requiem mit dem „Recordare“ einsetzt.

Während des „Recordarde“, des „Confutatis“ und des abschließenden „Lacrymosa“ bleibt der Gefangene in dieser anklagend-demütigen Haltung stehen und unterstreicht damit noch die düstere Wirkung dieser Teile des Reqiems. Nach dem achten Takt des „Lacrymosa“, der den Endpunkt einer dramatisch aufsteigenden Sequenz – Auferstehung! – darstellt, endet die Musik abrupt, und das Licht erlischt. Dieser Abschluss dürfte an dramatischer Wucht kaum noch zu übertreffen sein, spiegelt sich doch in diesen letzten Takten die Legende wider, dass dem todgeweihten Mozart in diesem Moment buchstäblich die Feder aus der Hand gefallen ist. Man könnte das aufsteigende Crescendo der letzten beiden Takte geradezu als Protestschrei gegen den nahenden Tod deuten. Dieser Ablauf ist zwar historisch in keiner Weise belegt, doch der Abschluss des von  Mozart selbst geschriebenen Teils des Requiems übt genau diese Wirkung aus.

Das Orchester und die beiden Chöre – der Opernchor des Staatstheaters und der Chor des Musikvereins – zeigten sich an diesem Morgen in Hochform. Präzision und Eindringlichkeit sind die beiden Haupttugenden des Ensembles, die das Publikum bis zum Schluss buchstäblich gefangen hielten. Dirigent Will Humburg hielt den Spannungsbogen trotz der Verschiedenartigkeit der Musik Mozarts und Dallapiccola bis zum Schluss aufrecht, und das Ensemble folgte ihm darin mit hoher Konzerntration und Präsenz. Die Solisten – allen voran Thomas Gazheli als Gefangener, aber auch Natalie Carl als Mutter – glänzten mit stimmlichen und auch darstellerischen Leistungen, die man ja einem Sinfoniekonzert normalerweise nicht unbedingt erwartet. Dieser Morgen hatte nicht nur sinfonisches sondern ebenso musiktheatralisches Format und kam Richard Wagners Vorstellung vom Gesamtkunstwerk sehr nahe.

So herrschte denn nach diesem abrupten Ende denn auch etwa zehn Sekunden Stille, ehe sich nach Wiedereinschalten des Lichts erst verhaltener, dann begeisterter Beifall Bahn brach. Das Publikum zeigte sich von der Macht dieses musikalischen Werks in jeder Hinsicht fasziniert und geizte auch mit Bravo-Rufen nicht. Man hatte jedoch das Gefühl, dass der Beifall ein wenig durch die außerordentliche psychische Wirkung dieser Kombination zweier Werke gedämpft war. Wer im Inneren betroffen ist, kann nicht freudig aufspringen und freudigen Beifall spenden. Man darf jedoch annehmen, dass diese musikalische Matinée die Besucher noch während des gesamten Sonntags beschäftigt hat. Da spielte der technische Defekt zu Beginn, der einen Neubeginn beim „Dies irae“ erforderte, keine größere Rolle mehr, sondern ging als eine der unvermeidlichen Pannen in die Annalen ein.

Frank Raudszus

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