Tödlicher Wettkampf zweier Egomanen

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Das 19. Jahrhundert war eine Epoche der großen geographischen Entdeckungen innerhalb der bekannten Kontinente. Nur die unwirtlichen Gegenden der Arktis und Antarktis hatten sich gegen eine eingehende Erkundung gesperrt. Doch gerade die beiden Pole übten wegen ihrer singulären Eigenschaften einen besonders hohen Reiz auf Entdecker und Forscher aus. Angesichts der schnell schrumpfenden Zahl spektakulärer Entdeckungsobjekte setzte daher um die vorletzte Jahrhundertwende ein Wettrennen um die beiden Pole ein. Die Härte dieses Wettkampfes war einerseits auf die Egomanie der Beteiligten zurückzuführen, denn damals wurden diese Entdeckungsreisen noch mit einem Männlichkeitsideal assoziiert, das sowohl Härte gegen sich und andere  als auch Durchsetzungskraft beinhaltete. Andererseits konnte man finanzielle Unterstützung von Staat und Wirtschaft vor allem durch spektakuläre Erfolge gewinnen. Auch politische Gründe spielten mit, denn England stellte als Groß- und Seemacht auf Entdeckungserfolge einen Anspruch und hätte auch auf politischen Wege Amundsens Vorhaben be- wenn nicht gar verhindert. Daher erklärt sich seine Geheimniskrämerei bei seiner Südpolexpedition.

Ensemble

Hätte ein Opernlibrettist die Handlung erfunden, würde man ihm heute tragischen Kitsch bzw. kitschige Tragik vorwerfen. Denn der Verlierer des Rennens kommt nicht nur als Zweiter ins Ziel sondern verliert auf dem Rückweg wie alle seine Teamgefährten das Leben. Doch die Realität ist oftmals unwahrscheinlicher und – ja! – „kitschiger“ als so manche Fiktion. Offensichtlich von der Dramatik dieses weltgeschichtlichen Ereignisses beflügelt, hat sich der tschechische Komponist Miroslav Srnka des Stoffen angenommen und 2016 zu der Oper „South Pole“ verdichtet. Der Untertitel „Doppeloper“ führt insofern in die Irre, als dieser Begriff üblicherweise für zwei eigenständige, von einander unabhängige Kurzopern gewählt wird – zum Beispiel „Lache Bajazzo“ und „Suor Angelica“ -, es sich hier aber um den Wettkampf zweier unabhängiger Gruppen um das selbe Ziel handelt. Srnka hat jedoch diesem Untertitel einen gewissen Sinn verliehen, indem er die Schwerpunkte der Handlung und die Anordnung auf der Bühne in den beiden Hälften deutlich variiert.

Aki Hashimoto als „Landlady“

In Darmstadt hat Intendant Karsten Wiegand selbst die Verantwortung für diese Inszenierung übernommen. Das Bühnenbild von Bärbl Hohmann (in Zusammenarbeit mit Karsten Wiegand) und die Video-Einspielungen von Roman Kuskowski spielen gleich zu Beginn auf den doppelten Charakter des Stückes an. Auf einer die gesamte Bühnenfront einnehmenden Gaze-Wand erscheint ein Video, das den Ausblick von einem Segelschiff über den Bugsprit auf das Meer in symmetrischer Doppelaufnahme zeigt. Zwei Konkurrenten streben per Schiff das selbe Ziel an! Dazu erklingen von den Seiten des Zuschauerraums gesungene Morsesignale, die dem Engländer Robert Falcon Scott Amundsens überraschenden Aufbruch zur Antarktis und zum Südpol mitteilen. Kennern der Materie sei dabei gesagt, dass die Interpretation der täuschend echt gesungenen Morsezeichen tatsächlich korrekt ist!

Wenn sich die Gaze-Wand hebt, sieht man beide Expeditionsteams bei den Vorbereitungen, die Engländer links in gelbgoldenen, die Norweger rechts in weißen Anzügen. Die Briten spielen Fußball, die Norweger besuchen das Sauna-Zelt. Der Gesang bewegt sich noch fast auf Gesprächsniveau, und die sparsame Musik aus dem Graben verbreitet eine zu diesem Zeitpunkt nur latente Spannung. Die Norweger mit Roald Amundsen (David Pichlmaier) besetzen die Bühnenrampe, die Engländer um Robert Falcon Scott (Michael Pegher) halten sich im Hintergrund. Im Folgenden zeigt die Amundsens-Gruppe die minutiösen Vorbereitungen, bei  denen an fast alles gedacht wird: der Ausbau der Zwischenlager mit Nahrungsmitteln, erste Ausfahrten und Umkehr wegen schlechten Wetters und vor allem die aufkommenden Reibereien und Animositäten. Letztere kommen zwar in jeder Gruppe unter Erfolgsdruck vor, doch bei Amundsens Expedition entwickeln sie sich wegen charakterlicher Schwächen und gefühlter Kränkungen noch wesentlich heftiger. So verstoßen einzelne Mitglieder gegen Amundsens ausdrücklichen Befehl eigenständiger schriftlicher Aufzeichnungen, was dieser mit dem Zerreißen der Briefe beantwortet. Zur guten Stimmung tragen diese Aktionen natürlich nicht bei.

Das englische Team mit Minseok Kim, David Zimmer, Michael Pegher und Andreas Karasiak

Die erste Hälfte steigert sich langsam aber stetig bis zur Erreichung des Südpols durch Amundsen. Dabei setzt Karsten Wiegand das Mittel des Videos sparsam und punktuell ein. Die direkten Aktivitäten der beiden Teams stehen durchweg im Mittelpunkt, und dabei kommen die Strapazen und die äußerst unwirtlichen Bedingungen dank der hervorragenden darstellerischen Leistungen und der spannungsgeladenen Musik auch ohne äußere technische Hilfsmittel überzeugend zum Ausdruck. Die stellenweise leichte Längen zeigende Handlung löst die Regie dabei mit Traumdarstellungen auf, in denen die beiden Expeditionsführer mit ihren Frauen reden. Dazu postieren sich Katrin Gerstenberger als Scotts Frau Kathleen und Aki Hashimoto als Amundsens Geliebte „Landlady“ an beiden vorderen Bühnenecken an der Rampe und beschwören ihre Männer auf ihre je eigene Weise. Scotts Frau lässt dabei deutliche Befürchtungen über den Ausgang des Unternehmens spüren, während die“Landlady“ Amundsen in dessen Traum mit Erinnerungen an frühere Liebe quält. Karsten Wiegand setzt diese Konstellation auch im zweiten Teil ein, wenn sich die Dramatik deutlich steigert.

Kammersängerin Katrin Gerstenberger als Kathleen Scott

Eben dieser zweite Teil beginnt mit der Ankunft der Scott-Expedition in dichtem Bühnennebel am bereits von Amundsen markierten Südpol. Die fürchterliche Enttäuschung spiegelt sich sowohl in der Körpersprache der fünf Männer, in ihren plötzlich von allen Träumen entleerten Stimmen und in dem plötzlichen Stimmungswandel der Musik wider. Diese verliert für Minuten alle Spannung und gibt der Leere Raum, die von den Männern Besitz ergreift. Fast parallel dazu spielt sich auf der anderen Seite der Bühne der Triumph der Norweger ab, in den jedoch der herbe Wermutstropfen der Ausgrenzung eines Mitglieds fällt. Der eigensinnige Johansen (Jonathan Beyer) hatte von vornherein gegen einige Anweisungen und Maßnahmen Amundsens protestiert und erhält dafür jetzt eine unverhältnismäßige Strafe. Während hier „nur“ der Haussegen schief hängt, geht es bei Scotts Männern stetig abwärts. Hungrig, erschöpft und unterkühlt, müssen sie erst den Tod Evans´ verkraften, dann verlässt der ebenfalls kranke Oates im nächtlichen Schneesturm das Zelt, um die anderen von sich zu entlasten. Doch auch das hilft diesen nicht; in einem quälend langsamen Prozess sterben sie einzeln und einsam in letzten Zuckungen auf der Bühne. Dabei gelingt es der Regie und den Darstellern, dieser Todesszene jeglichen Anschein unfreiwilliger Komik zu nehmen. Die Musik tut ein Übriges, in dem sie die langsam verklingenden Stimmen der Sterbenden mit einer zwar düsteren, aber nie pathetischen Musik unterlegt.

Am Ende steigen die Norweger ins Publikum und funken von dort – in echten Morsezeichen! – die Nachricht von Scotts Tod in die Welt.

Miroslav Srnka ist das Kunststück gelungen, aus diesem Stoff eine moderne Oper zu formen, die trotz der offenkundigen Atonalität der Musik keinen Augenblick den Zugang versperrt. Die auf reine Klangwirkung konzipierte Musik verzichtet auf jegliche herkömmliche Motive oder gar Themen und erzeugt gerade damit eine der jeweiligen Situation angepasste Atmosphäre. Die über weite Strecken vorherrschenden klirrenden Klangflächen lassen die eisige, menschenfeindliche Kälte geradezu physisch werden, und die anderen Klangfarben spiegeln die Interpretation der jeweiligen seelischen Befindlichkeit der Protagonisten wider. Die deutlichen Differenzen innerhalb der beiden Gruppen – stärker bei den Norwegern – entladen sich auch musikalisch in entsprechenden schroffen Passagen, und Ängste, Hoffnungen und Enttäuschungen finden sich ebenfalls in den verschiedenen Klangfärbungen wieder. Obwohl in dieser Oper in herkömmlichem Sinne nicht viel geschieht, bleibt die hohe psychische Spannung sowohl darstellerisch als auch musikalisch bis zum Schluss erhalten.

Das tote englsiche Team mit Michael Pegher, David Zimmer und Minseok Kim

Die Bühnendarsteller glänzen durchweg durch starke stimmliche Leistungen, allen vorweg David Pichlmaier und Michael Pegher sowie Katrin Gerstenberger und Aki Hashimoto. Doch auch die anderen Sänger – Andreas Karasiak (Oates), Erik Biegel(Wilson), Minseok Kim(Evans), David Zimmer(Bowers), John Carpenter(Wisting), Gunnar Frietsch(Hanssen) und Tomas Möwes(Bjaaland) – verleihen ihrer jeweiligen Figur unverwechselbares Profil und schaffen damit das Abbild zweier durchaus heterogener Gruppen mit einer sensiblen inneren Dynamik. Immer wieder tritt eine andere Figur in den Vordergrund und besingt die je eigenen Hoffnungen und Ängste, ohne das dies in ein langweiliges Lamento mündet. In dieser existenziellen Situation behalten alle Figuren ihre Individualität und sinken nicht zum Klischee herab.

Das Orchester unter der Leitung von Johannes Harnett intonierte die facettenreiche Musik mit ihren feinen Abstufungen des Klanges und der Dynamik mit hoher Präsenz, ohne der Gefahr pathetischer Übertreibung zu verfallen.

Es hat sich wirklich gelohnt, diesen sommerlichen Abend in der Oper zu verbringen, und das Premierenpublikum verlieh dieser Einsicht durch kräftigen Beifall Ausdruck.

Frank Raudszus

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