Ein Fenster zur chinesischen Kunst

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Mit chinesischer Kunst assoziiert man heute spontan Ai Weiwei, den rebellischen Künstler, der nach mehreren Prozessen und einem Gefängnisaufenthalt nach Europa ausreisen durfte. Dass die zeitgenössische chinesische Kunst jedoch neben diesem Meister der Selbstvermarktung ein breites Spektrum an Talenten und Stilrichtungen aufweist, ist bisher nur Kennern der Szene bekannt. Die Kunsthalle Darmstadt hat daher zusammen mit der Hochschule der Künste Sichuan („Sichuan Fine Arts Institute“) eine Ausstellung von Ölgemälden zeitgenössischer Studenten und Lehrer dieser Hochschule unter dem Titel „Zoom-In Chongqing. Malerei und Video an der Hochschule der Künste Sichuan„zusammengestellt, die einen Überblick geben soll über Vielfalt und Kreativität chinesischer darstellender Künstler. Neben hundert Gemälden findet man in den Räumen der Kunsthalle am Steubenplatz auch Arbeiten im Bereich gemischter Medien sowie sechs Video-Arbeiten. Dazu haben fünfzig Künstler und Künstlerinnen ihre Werke zur Verfügung gestellt.

Blume mit Pandabär

Unübersehbar sollen hier nicht einzelne, herausragende Künstler geehrt werden, sondern die Breite der künstlerischen Betätigung steht im Vordergrund. Damit lassen sich – wenn auch mit einiger Vorsicht – Rückschlüsse auf die Entwicklung der chinesischen Kunst sowohl aus künstlerisch-technischer als auch aus gesellschaftlicher Sicht treffen. Letzterer Aspekt bricht sich zwar nicht plakativ Bahn, denn das geben die Verhältnisse in China (noch) nicht her, doch manches Werk enthält ironische bis kritische Züge, die sicher nicht den Vorstellungen der obersten Parteigremien entsprechen. Doch herrscht an der Hochschule Sichuan, wie bei dem Interview mit den Vertretern der chinesischen Hochschule zwischen den Zeilen zu vernehmen war, eine „freigeistige“ Atmosphäre, was nicht zuletzt daran liegt, das Sichuan im Westen Chinas liegt und damit fast zweitausend Kilometer von Peking entfernt ist. Das spielt offensichtlich auch im Internet-Zeitalter noch eine Rolle…

Landschaftsbild nach alter Tradition

In der großen Ausstellungshalle hängen vor allem großformatige Ölgemälde. Da sind Landschaftsbilder, die von starker Anlehnung an die traditionelle, von starker Linearität geprägten Darstellung über Farbcollagen mit kritischen Inhalten bis hin zu puristischen monochromen Motiven á la Gerhard Richter reichen. Auf der anderen Seite hängen Darstellungen des gesellschaftlichen Alltags, die entweder einen ausgeprägten Individualismus mit kritischen Zügen oder aber ironisch-kritische Kommentare zur Ökonomie Chinas enthalten. Ein anderes Bild weckt kritische Assoziationen an die Werbelandschaft. Dann wiederum findet man ein fotorealistisches Bild einer roten Blumen, an deren Stengel ein Pandabär in Bienengröße heraufkriecht. Allein diese Verfremdung von Größenverhältnissen negiert die – zumindest implizit – vorgeschriebene Kunstrichtung des „sozialistischen Realismus“. Man kennt das aus Sowjetzeiten, wo jegliche Überschreitung des realistisch-naturgetreuen Rahmen als „westliche Dekadenz“ denunziert wurde.

Ironisch-surreale Verfremdung der Landwirtschaft

In den Nebenräumen sieht man dann kleinere Formate, die jedoch ebenfalls das realistische Feld verlassen. Da wird ein Kopf in die Länge gezerrt wie bei Video-Bearbeitungen; dann wieder jongliert ein kopfloser Mensch zwei grellgelbe Zitronen mit seinen gichtigen Händen. Dem Mantra des sozialistischen Realismus sprechen diese Bilder Hohn, ohne dass man die Kritik konkret benennen könnte. Ähnliches gilt für die Reihe von Öl-Miniaturen, die man im ersten Augenblick und ohne Kontextwissen als eindrucksvolle Farbspielereien in der Nachfolge der holländischen kleinformatigen Landschaftsbilder deuten kann. Erst die Erklärung verdeutlicht, dass es sich hier um verschiedene ökologische und andere Missstände handelt – Waldbrände, verdreckte Seen, abgestorbene Bäume -, die der Maler im Bild festgehalten hat. Auch hier kann sich der Künstler jederzeit auf das Argument harmloser Farbspielereien zurückziehen; wer jedoch den Kontext kennt, kann die gesellschaftliche  Kritik deuten.

Ein Video zeigt einen Aufmarsch junger Mädchen in weißen Kleidern und mit großen roten Fahnen, die sie beim Vor- und Zurückschreiten durch die Luft schwingen. Diese Aufmärsche sind ein immer noch übliches Relikt der nie grundlegend kritisierten Kulturrevolution. Die Kritik bei dieser Arbeit besteht darin, dass die Musik dazu (für einen Chinesen) unverkennbar ein altes Volkslied über Liebe und Treue zitiert, das während der Kulturrevolution verboten war.

Gegensätze

So bietet jedes Bild andere Ansichten über die Kunst, die Landschaft und die Gesellschaft, und selbst die wenigen rein abstrakten Bilder beinhalten bisweilen eine subversive Botschaft, die sich jedoch – aus guten Gründen – nie vordergründig fassen lässt. Beeindruckend ist die hohe technische Qualität aller Bilder, wobei das figurative Element eindeutig überwiegt. Man hat das Gefühl, dass die Künstler in ihren Bildern eine auf den ersten Blick leicht erkennbare Botschaft aus ihrem Alltag und der Gesellschaft verpacken. Das Figurative verweist dabei auf eine nachvollziehbare Geschichte, die streckenweise sogar naiv-realistisch anmutet, dann aber ihren ironisch-kritischen Gehalt durch surreale Verfremdungen offenlegt. Dabei bewegen sich die Künstler stets auf dem schmalen Grat zwischen der „politisch korrekten“ Wiedergabe einfacher Alltagsszenen und der kritisch-satirischen Ausdeutung, die sie schnell in Misskredit bringen kann. Siehe Ai Weiwei.

Wer sich einen ersten Überblick über neuere Strömungen in der chinesischen Kunst informieren möchte und dabei gut gemachte Ölmalerei sehen will, sollte diese Ausstellung in der Kunsthalle Darmstadt nicht verpassen.

Näheres ist auf der Webseite der Kunsthalle Darmstadt zu erfahren.

Frank Raudszus

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