Der Schächer von Flémalle

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Der „Meister von Flémalle“ ist ein von der Kunstgeschichte bewusst gewähltes Pseudonym für eine Künstlerwerkstatt aus dem 15. Jahrhundert, deren Mitglieder im Dunkel der Geschichte bleiben. Man kann dieser Werkstatt jedoch hochkarätige Kunstwerke zuschreiben. Eines davon ist das Tryptichon „Kreuzabnahme Christi“, das leider den Bilderstürmern des frühen 16. Jahrhunderts zum Opfer fiel. Nur ein Flügel dieses dreiteiligen Altar-Retabels überstand die Wirren der Zeit und landete schließlich im Jahre 1840 in stark ramponiertem Zustand beim Städel-Museum in Frankfurt. Nur noch die obere Hälfte des Flügels, der einen der Schächer am Kreuz und zwei Betrachter zeigt, war vorhanden, und ein Riss ging der Länge nach durch das unterliegende Brett. Da die Rückseite schwarz bemalt war, hobelte man dort die Farbe ab und stabilisierte das gerissene Altarbild mit einer breiten Leiste.

Der „Schächer“ vor der Restaurierung…

Die Vorderseite zeigt die drei Personen vor einem goldfarbenen Hintergrund, der aufwendig auf einer speziellen Brokat-Unterlage hergestellt worden war und dem Bild Glanz und Tiefe verleihen sollte. Im Laufe der Zeit hatte man diesen Hintergrund jedoch mit Firnis überzogen – wahrscheinlich zu seinem vermeintlichen Schutz -, der dem Gold und damit dem Bild Glanz und Tiefe nahmen. Im Jahr 2014 entschloss sich das Städel-Museum, das Altarbild in Zusammenarbeit mit dem Liebieg-Haus sowie externen Experten zu restaurieren. Das Ergebnis lässt sich jetzt in der Ausstellung „In neuem Glanz. Das restaurierte Schächer-Fragment des Meisters von Flémalle im Kontext“ bewundern, denn diese Art der Betrachtung hat das Werk in jeder Hinsicht verdient.

… und danach.

Bei der Restaurierung traten sowohl technische Schwierigkeiten als auch Überraschungen auf. Man kann unsachgemäße Nachbehandlungen – der erwähnte Firnisbelag – und dilettantische oder zumindest unpassende Überarbeitungen nicht einfach mit Chemie beseitigen, da man mit solchen Verfahren leicht das ursprüngliche Bild unwiderruflich beschädigen würde. Hier kam die moderne Technik in Gestalt der Universität Köln zur Hilfe, die es ermöglichte, die Restaurierung weitgehend nicht-invasiv mit Lasern durchzuführen. Nach drei Jahren strahlt jetzt der Hintergrund wieder in einem warmen, eindringlichen Goldton, der dem Bild die ehemals vorhandene Tiefe zurückgibt. Auch die Figuren sind soweit restauriert, dass sie wie frisch gemalt wirken, ohne dass jedoch die Authentizität darunter leidet.

Bei der Restaurierung hat man jedoch festgestellt, dass sich unter der schwarzen Farbschicht der Rückseite ebenfalls ein altes Bild befand, nämlich die Außenseite des Altarflügels, der bei geschlossenem Altar eine simulierte Skulptur Johannes des Täufers zeigte. Dieses Bild wurde leider durch die schwarze Übermalung und vor allem durch die spätere Anbringung der bereits erwähnten Leiste weitgehend zerstört. Die Restauratoren entschieden sich nach langen internen Diskussionen, das Bild lediglich – soweit möglich – freizulegen, jedoch nicht zu restaurieren. Dazu wären zu viele ungesicherte Annahmen bezüglich der Bildausführung nötig gewesen, die eine authentische Darstellung unmöglich gemacht hätten. So lässt sich die Außenseite des Altars heute nur „in statu delendi“ betrachten.

Die Kopie des Altarretabels. Rechts der Schächer dieser Ausstellung

Der Altarflügel steht in dem Ausstellungsraum nicht allein, sondern zwischen einer Reihe anderen Werke der Zeit, die – wie es auch der Ausstellungstitel ausdrückt – den Kontext dieses Werkes zur Verfügung stellen. Dazu gehört unter anderem eine kleine Kopie des gesamten Altars aus dem späten 15. Jahrhundert, die den Besuchern einen Eindruck des ursprünglichen Altar-Retabels vermittelt. Weiterhin sind die „Flémaller Tafeln“  der „Trinität“ und der  „Heiligen Veronika mit dem Schweißtuch“ zu sehen. Ersteres fasziniert vor allem durch die optische Vortäuschung einer Skulptur. Wer das Grau in Grau gemalte Bild zum ersten Mal aus der Entfernung sieht, meint, eine echte Skulptur zu sehen. Kurator Dr. Jochen Sander verwies in der Pressekonferenz auf die mythisch-religiöse Bedeutung dieser Grau-in-Grau-Darstellung. Damals waren Skulpturen – wie in der Antike – grundsätzlich farbig bemalt, und erst der spätere bildungsbürgerliche Blick auf witterungsbedingt verblasste Skulpturen hat daraus eine anachronistische „edle Schlichtheit“ gemacht. Doch die grauen Bilder solcher Skulpturen sollen gerade auf den unfertigen und vorläufigen Zustand des Menschen und der Welt verweisen.

Auch Skulpturen des Liebieg-Museums und aus Privatbesitz zum Thema Kreuzigung ergänzen die Ausstellung, hier vor allem Darstellungen der Schächer sowie Madonnenskulpturen.

Das Liebieg-Haus und das Städel-Museum geben mit dieser Ausstellung nicht nur einen Überblick über Werke zu dem Thema aus dem eigenen Besitz und aus Fremdsammlungen, sie präsentieren sich hier vor allem als Experten für die Restaurierung alter und wegen vielfältiger Schäden problematischer Kunstwerke. Das Ergebnis zeigt den hohen Qualitätsstandard, den die Restauratoren hierbei erreicht und umgesetzt haben. Es lohnt sich in jedem Falle, für diese Ausstellung einige Zeit einzuplanen. Näheres ist auf der Webseite des Liebieg-Hauses zu erfahren.

Frank Raudszus

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