Collage der Entwurzelung

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Der Titel „Gottes Sieg“ dieses Theaterstückes, das im Staatstheater Darmstadt am 16. März 2018 seine Welturaufführung feierte, lässt sich nur als – bittere – Ironie verstehen, denn Gott siegt in diesem Stück sicher nicht, sondern eine sehr ohnmächtige Realität.

Ein junger Mann wächst in Afghanistan zur Zeit der sowjetischen Besetzung auf, erlebt nacheinander den Krieg gegen die Sowjets, den Bürgerkrieg und den Sieg der Taliban und flüchtet schließlich über den Iran, die Türkei und Griechenland nach Deutschland. Soweit die durchaus nicht ungewöhnliche, durch das persönliche, literarisch „ungeordnete“ Tagebuch eines Flüchtlings dokumentierte Geschichte. Aus diesem Tagebuch haben Katharina Raffalt, Moritz Schönecker, der auch Regie führt, und Hassan Siami ein Stück entwickelt, das weniger auf eine stringente Handlung als auf eine Kette von traumatischen Bildern setzt. So wie die Erinnerung eines von Krieg und Elend traumatisierten jungen Mannes notwendigerweise verzerrte und widersprüchliche Formen annimmt, so präsentiert sich ganz bewusst auch dieses Stück. Die Zuschauer dieser Uraufführung sollen ein Stück weit die Traumatisierung selbst miterleben, und das erreicht man am besten, indem man die Szenen nicht unbedingt in einer logischen, den Handlungsablauf vollständig erklärenden Folge zeigt. Insofern ist das Stück selbst schon das Abbild eines Albtraums mit eindringlichen, verstörenden und nie restlos verständlichen Szenen.

Mehdi Moinzadeh, Ensemble

Regisseur Moritz Schönecker hat zwecks Verstärkung dieser Wirkung personell auf (Laien-)Schauspieler mit afghanischem oder iranischem Hintergrund zurückgegriffen, die einerseits selbst die Zustände aus ihrer Vergangenheit und andererseits die Landessprache kennen. Da sie wegen mittlerweile langjähriger Integration auch Deutsch fließend beherrschen, kann Schönecker die Texte zu etwa gleichen Teilen auf Deutsch und Farsi (der in Afghanistan gesprochenen Sprache) sprechen lassen. Die deutschen Schauspieler (Anabel Möbius, Mathias Znidarec, Stefan Schuster und Hans-Christian Hegewald) müssen sich dabei allerdings aufs Deutsche beschränken. Die afghanischen Texte werden – wie bei der Oper – auf einem Schriftdisplay übersetzt, ebenso die deutschen in Farsi. Man ging wohl bei der Konzeption davon aus, dass sich auch afghanische Migranten – zumindest Angehörige und Freunde der Darsteller – dieses Stück anschauen.

Stefan Schuster, Mehdi Moinzadeh, Shahram Rahmani, Sahel Nazari

Zu Beginn sieht man ein fast nomadisches Ambiente mit einem die Bühne überspannenden schwarzen Zeltdach, unter dem ein kleiner Blumengarten und das übliche Innere einer einfachen Behausung Platz finden. Außerdem sitzen hier afghanische Musiker (keine deutschen Schauspieler!), die auf afghanischen Instrumenten authentische Musik spielen. Ein junger Mann (Fazel Jaqubi) – offensichtlich das „alter ego“ des Hauptdarstellers in jungen Jahren, wandelt friedlich summend durch den Blumengarten, trinkt einen Tee – eine Idylle aus frühen Tagen…

Mehdi Moinzadeh, selbst Migrant aus dem Iran und seit Jahrzehnten in Deutschland, spielt den entwurzelten Nasrullah, der nach Jahren der Flucht schließlich in einem Container einer deutschen Flüchtlingsunterkunft landet und sich nach einem Überfall dreier fremdenfeindlicher Männer in gebrochenem Deutsch hilflos einer desinteressierten deutschen Polizei gegenüber sieht. Doch es geht in diesem Stück nicht um die Situation in Deutschland einschließlich Integrationsproblemen und Fremdenhass, sondern um die Zeit davor und Nasrullahs Befindlichkeit. Die Containerszene ist sozusagen der Auslöser für eine Rückblende. Diese führt zurück ins Afghanistan der blühenden Blumen und in Nasrullas weit gefächerten Familienclan. In diesen frühen Szenen begleitet ihn Fazil Jaqubi stets als der Schatten seiner Jugend und als seine eigene Erinnerung.

Mehdi Moinzadeh, Anabel Möbius

Nasrullah sprengt schon früh den Rahmen familiärer Sitten und Gebräuche durch Drogen- und Alkoholmissbrauch und flieht – halb freiwillig, halb unter dem familiären Druck – in den Dunstkreis einer kriminellen Bande, die sich mit einschlägigen Delikten wie Drogenhandel befasst. Hier lernt er zum ersten Mal Gewalt kennen, unter anderem auch die afghanische Variante der „Knabenliebe“, hinter deren scheinbar sentimentalen Oberfläche sich ein System aus Gewalt, Unterdrückung und Demütigung verbirgt. Von dort gelangt er fast nahtlos zu den Warlords, die hinsichtlich Gewalt und Repression noch eine Stufe weitergehen, und schließlich auch zu religiösen Kämpfern. Dabei verschwimmen die Grenzen zwischen Kriminalität, politischen Machtkämpfen und Islamismus. Nasrullah wird zum Spielball der jeweiligen Interessen und kann sich der Situation immer wieder nur durch Flucht in den Iran entziehen.

Auf einer seiner kurzen, mal kämpferisch, mal kriminell bedingten Besuche in seiner alten Heimat lernt er eine junge Witwe mit Kind kennen, heiratet sie und bekommt ein Kind mit ihr, nur, um sie dann bei einem Bombenangriff – Taliban? Amerikaner? Warlords? – samt Kindern zu verlieren. In kurzen Szenen scheint blitzartig seine Flucht durch die Türkei, die Ausbeutung durch Schlepper, Kriminelle sowie griechische Obstbauern auf, und jedesmal steht die Gewalt im Mittelpunkt. Sie zieht sich wie ein Kometenschweif durch Nasrullahs gesamtes Leben, und er wittert sie geradezu, bevor sie sich handfest äußert. Sein Leben ist eins permanenter Furcht und Flucht, und daran kann die karge Container-Behausung am eingangs gezeigten Ende des Fluchtweges wenig ändern.

Mathias Znidarec, Mansur Ajang, Sahel Nazari, Shahram Rahmani, Elena Illing, Hans-Christian Hegewald

Mehdi Moinzadeh und seine afghanischen/iranischen Mitspieler tragen diese Inszenierung durch hohe Authentizität und Glaubwürdigkeit. Dabei hilft ihnen natürlich ihre Heimatsprache, deren Anwendung sie förmlich in ihre eigene Vergangenheit zurückversetzt. Da haben dann die deutschen Darsteller fast schon Schwierigkeiten, glaubwürdig mitzuhalten, und müssen ihre ganze Professionalität in die Waagschale werfen. Mehdi Moinzadeh spielt einen einerseits gehetzten, andererseits seine Hoffnung und seinen Lebenshunger nie aufgebenden Nasrullah, der aus jeder Situation noch das Beste zu machen versucht. Mansur Ajang – zwar Deutscher, aber mit iranischem Hintergrund – und Pouya Raufyan – Afghane und seit neun Jahren in Deutschland – unterstützen ihn und schaffen gemeinsam eine authentische Atmosphäre migrantischer Befindlichkeiten. Die iranischen und afghanischen Darsteller – zu denen noch Sahar Jaan gehört – stehen in erster Linie für die Erzeugung der beklemmenden Atmosphäre in einem von Krieg, Traditionalismus und religiösem Fanatismus gepeinigten Land. Die deutschen Darsteller halten zwar gut mit, ihnen fehlt aber die tief eingeprägte Erfahrung mit den elementaren Bedrohungen des eigenen Lebens; sie müssen etwas spielen, das andere im Spiel nacherleben.

Die Konzentration auf Nasrullahs Lebens- und Leidensgeschichte und der Verzicht auf wohlfeile Anklagen gegen Fremdenhass und Integrationsprobleme in Deutschland bekommen dieser Inszenierung ausgesprochen gut. Es entsteht ein so tiefgehendes wie in sich geschlossenes Bild einer tief verwundeten und entwurzelten Seele, die nicht mehr zur Ruhe kommt, und dieses Bild wird nicht überlagert von tagespolitischen Einwürfen und Ablenkungen. Bühnenbild und Musik verstärken diesen eindringlichen atmosphärischen Charakter noch, ohne dabei ins bloß Folkloristische abzusinken.

Dieses Stück und seine Inszenierung sind für das Staatstheater Darmstadt ein Glücksgriff, und man kann nur hoffen, dass es viele Zuschauer anzieht.

Frank Raudszus

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