Haruki Murakami: „Die Ermordung des Commendatore II“

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Der Portraitmaler, den wir aus dem ersten Commandatore-Band kennen, hat auch im zweiten Band dieses Romans einiges an Abenteuern zu bestehen. Die Trennung von seiner Frau hat er nicht verarbeitet, sondern eher verdrängt. Aber langsam stabilisiert er sich und hat Freude daran, das Portrait von Marie weiter zu entwickeln. Da verschwindet das junge Mädchen plötzlich. Sie kommt nicht in der Schule an, obwohl sie morgens zu regulärer Zeit aus dem Haus gegangen ist.

Das wirft den Portraitmaler völlig aus der Bahn. Hat er doch als väterlicher Freund großes Interesse an Maries Entwicklung. Wieder einmal wirft er sein altes Leben komplett über Bord und steigt sogar in die Unterwelt hinab, um Marie zu suchen und womöglich zu retten. Wie der Prinz im Märchen, der die Königstochter erringen will, muss er harte Bewährungsproben bestehen. Die Prüfungen bedrohen sogar seine eigene Existenz. Ein enger Gang in einem Höhlensystem scheint ihn schier zu erdrücken, doch dann wird er – im metaphorischen Sinne wie neugeboren – ausgeschieden. Er muss ein anderer werden, und das ist hier im Roman als schmerzhafter Prozess dargestellt. Tatsächlich gelingt ihm die Rettung Maries, die sich ebenfalls in den drei Tagen der Abwesenheit von zu Hause neu erfinden musste.

Doch was hat das alles mit der „Ermordung des Commendatore“ zu tun? Die Konfrontation des Portraitmalers mit einem Gemälde dieses Titels ist Auslöser für die Wandlung des Künstlers. Die Idee hinter dem Sujet des Gemäldes hat sich in seinem Kopf festgesetzt. Ständig kreisen seine Gedanken um das Geschehen auf dem Bild. Kontinuierlich schiebt die Idee seine eigene Gedankenwelt voran und trägt zu seiner eigenen Veränderung bei.

Der zweibändige Roman von Haruki Murakami ist wieder einmal ein großartiges Lesevergnügen abseits der üblichen Erzählformen. Was ist Leben? Was wirft uns aus der Bahn? Was belebt und bewegt uns? Wie schmerzhaft sind Einschnitte in unsere gemütlich eingerichtete Existenz? Häufig wollen wir nichts verändern und werden dennoch brutal dazu gezwungen. Personifizierte Ideen und Metaphern tragen ein Übriges zu der Wirkung dieses ungewöhnlichen Romans bei.

Das Buch ist im Dumont-Verlag erschienen, umfasst 489 Seiten und kostet 26 Euro.

Barbara Raudszus

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