Der Klangrausch des frühen 20. Jahrhunderts

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Den Ausklang der Konzertsaison 2017/2018 im Staatstheater Darmstadt beherrschte die Zahl „7“. Nachdem im 7. Sinfoniekonzert Beethovens 7. Sinfonie auf dem Programm gestanden hatte, setzte nun im 8. und letzten Sinfoniekonzert Gustav Mahlers 7. Sinfonie einen kontrastreichen Schlusspunkt. Zwei Sinfonien, die unterschiedlicher nicht sein können und im Abstand von wenigen Wochen die Entwicklung der sinfonischen Musik in gerade einmal einhundert Jahren aufzeigen. Während die Klassiker im Zuge der Aufklärung eine klare, zielgerichtete und einem fast triumphalen Schlussakkord zustrebende Musik entwickelten, zogen sich die Spätromantiker in eine schützende Innenwelt zurück und legten als Abwehr gegen eine rasant sich verändernde Welt den Panzer eines Klangrausches um sich, der möglichst nicht enden sollte. Die fast schon quälende Länge der spätromantischen Sinfonien – hier am Beispiel von Mahlers „Siebenter“ – lässt sich interpretieren als die Sehnsucht, diesen schützenden Klangmantel nie mehr ablegen zu müssen, um nicht mit der Realität konfrontiert zu werden.

Das Sinfonieorchester des Staatstheaters Darmstadt bei der Generalprobe

Der Darmstädter GMD Will Humburg hatte dieses letzte Sinfoniekonzert für Gustav Mahler reserviert. Die Dauer der 7. Sinfonie von nahezu eineinhalb Stunden erlaubte dabei nicht das zusätzliche Solokonzert, sondern – sozusagen als Einführung – nur ein kleineres Werk. Da boten sich Gustav Mahlers vier „Lieder eines fahrenden Gesellen“ gerade zu an, da sie nur eine knappe halbe Stunde in Anspruch nehmen. Außerdem konnte man damit bein homogenes (Mahler-)Programm zusammenstellen.

Die vier Lieder erinnern sowohl textlich als auch musikalisch an Franz Schuberts „Winterreise“. In beiden Fällen geht es um verschmähte Liebe und die daraus folgende Einsamkeit. Der Unterschied besteht darin, dass Mahler seine Lieder mit einer Orchesterbegleitung unterlegt hat. In Darmstadt sang der kroatische Bariton Miljenko Turk die vier Lieder und beeindruckte durch seine weiche, ausdrucksstarke Stimme. In seiner Interpretation wurde die hinter den Liedzeilen stehende emotionale Enttäuschung buchstäblich spürbar. Jedem Lied verlieh er eine individuelle Färbung, und das Orchester lieferte dazu eine zurückhaltende bis zarte Klangfläche, die dem Solisten ausreichend Freiraum ließ.

Das erste Lied „Wenn mein Schatz Hochzeit macht“ beginnt mit einem elegischen Bläsermotiv, das den pseudo-heiteren Duktus des Lieds in wenigen Tönen zusammenfasst. Dagegen blüht in „Ging heut´ Morgen über´s Feld“ eine Aufbruchstimmung auf, die sich bis ins Expressive steigert. „Ich hab ein glühend Messer“ beginnt mit einem geradezu eruptiven „O weh!“, und der innere Aufruhr wird sich bis zum Ende des Liedes nicht legen. Im letzten Lied – „Die zwei blauen Augen von meinem Schatz“ trauert der Sänger der verlorenen Liebe nach, und der Hinweis auf den Lindenbaum erinnert noch einmal an Schuberts „Winterreise“.

Die 7. Sinfonie in e-Moll sprengt in  mehrfacher Hinsicht den üblichen sinfonischen Rahmen. Außer der ungewöhnlichen Länge von gut 80 Minuten ist dabei vor allem die Struktur zu nennen, denn die Sinfonie besteht – im Gegensatz zur klassisch-romantischen „Norm“ – aus fünf Sätzen. Dabei ist eine gewisse Symmetrie festzustellen. Die beiden Ecksätze kann man durchaus als herkömmlich bezeichnen, wenn man einmal von der Länge absieht. Dazwischen liegen zwei langsame Sätze, jeweils als „Nachtmusiken“ übertitelt, die von einem Scherzo getrennt werden, das man in gewissem Sinne als Dreh- und Angelpunkt der Sinfonie betrachten könnte.

Der erste Satz  beginnt mit einem tiefen, fast düsteren Streichermotiv, aus dem sich langsam erst die Hörner und dann die Klarinetten entwickeln. Der getragene Duktus des Satzes wird von sich übereinander auftürmenden Motiven geprägt, bei denen die Blechbläser eine tragende Rolle spielen.Mit fortschreitender Dauer setzt sich ein gemäßigter Marschrhythmus durch, der wie eine Metapher auf ein unentrinnbares Schicksal wirkt. Zum Schluss hin steigert sich der Satz zu einem mächtigen Crescendo, das schließlich befreit in einen triumphalen Dur-Schlussakkord mündet.

Am Anfang der ersten „Nachtmusik“ steht ein Horn-Solo, in das ein zweites Horn als Echo einfällt. Die danach einsetzenden Holzbläser schaffen eine warme, wohltuende Atmosphäre, und schließlich sind sogar tänzerische Elemente zu hören. Das stetig aufsteigende und in wenigen Synkopen absteigende Hauptmotiv dieses Satzes bewegt sich in einem langsamen Marschrhythmus und vielfältigen Abwandlungen durch den ganzen Satz.

Der dritte Satz beginnt mit drei kurzen Motiven, aus dem sich langsam die skurrilen Figuren eines ungewohnten Scherzos herausschälen. Kurze musikalische Eruptionen mit deutlichen Generalpausen und kreise(l)nde Motive prägen diesen Satz voller rhythmischer und motivischer Überraschungen, wobei die Streicher weitgehend das Feld beherrschen. Dabei erhebt sich der 6/8-Takt immer wieder zu tänzerischen Figuren, die man fast leichtfüßig nennen könnte.

Der vierte Satz – die zweite „Nachtmusik“ – mutet anfangs fast wie Wiener Kaffeehaus-Musik an. Die eingängigen Motive werden dabei zusätzlich von Mandoline und Gitarre vorgetragen und tauchen immer wieder schattenhaft auf. Dieser Satz verströmt eine geradezu intime Atmosphäre.

Die schlägt dann im Finalsatz abrupt um. Ein Paukenwirbel und anschließende Bläserfanfaren verbreiten von Beginn an Volksfeststimmung. Die bewusst schlicht gehaltenen melodischen und rhythmischen Motive wirken wie eine Eruption ausgelassener Heiterkeit, die bewusst auf komplexe Strukturen verzichtet. Dieser Satz  hat nach den teilweise düsteren und abgründigen Passagen der vorangegangenen Sätze geradezu befreiende Wirkung. Ein wenig erinnert er an einen Mann, der nach einem schweren und erschöpfenden Arbeitstag abends beim Bier „Fünfe gerade sein lässt“ und nur noch zu schlichten Vergnügungen fähig ist. Gegen Ende kommt noch Glockengeläut, bevor der Satz nach etlichen „Scheinschlüssen“, Ritardandi, Tempowechseln und vorgetäuschten Schlussakkorden mit einem letzten, scharfen Akkord endet.

Ein solch komplexes Werk, das statt klarer, vorwärts drängender Strukturen eine Fülle unterschiedlichster Klangräume und -räusche erzeugt, bis zum Schluss transparent und mit einem durchgehenden Spannungsbogen zu interpretieren, ist eine ganz besondere Herausforderung. Das Orchester des Staatstheaters verfügt jedoch über die Fähigkeiten dazu und bewies dies auf bravouröse Weise. Alle Instrumentengruppen – und hier sind vor allem die Blechbläser zu nennen – meisterten ihren jeweiligen Part hervorragend, so dass diese klanglich so differenzierte wie reiche Sinfonie keinen Augenblick lang schwammig oder gar breiig wirkte. Scharfe Akzente wurden ebenso herausgearbeitet wie die langen Bögen der Streicher, wie sie für Mahler typisch sind. Dirigent und Dirigent wirkten vom ersten bis zum letzten Takt voll konzentriert und gestalteten dieses Werk zu einem beeindruckenden musikalischen Erlebnis.

Frank Raudszus

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