Francois Lelord: “ Hector und die Kunst der Zuversicht“

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Wir haben an diesem Ort schon mehrere Hörbücher des französischen Psychiaters François Lelord besprochen. Alle seine Bücher hat er um seinen Protagonisten Hector herum aufgebaut und ihn dabei durch sein ganzes Leben begleitet. Das erste Buch beschreibt die Probleme des Schulanfängers Hector, und das neue Buch beschreibt ihn als erfolgreichen Psychiater in den Fünfzigern.

Hector hat in seiner Praxis die verschiedensten Problemfälle zu betreuen. Da ist der erfolgreiche Vertriebsmann, der alles durch eine rosa Brille sieht, sich als den talentiertesten und erfolgreichsten Menschen und die anderen als Neider und Versager betrachtet; da ist die junge Frau, die nur an sich zweifelt und keinen Lebensmut fassen kann. Hector versucht, sie über die Art ihrer jeweiligen „Brille“ – die rosarote, die schwarze – aufzuklären und sie zu einer objektiven oder zumindest moderaten Selbstwahrnehmung zu bringen. Da ist jedoch noch ein Patient – er selber. Seine Frau hat einen Job in den USA übernommen, und ihre Kommunikation via Skype wird von Mal zu Mal kühler. So entschließt er sich, alte Freunde an verschiedenen Orten der Welt aufzusuchen und sie unter anderem nach ihren Ansicht über ihn und sein Leben zu befragen.

Doch vor der Abreise „überfällt“ ihn gegen Praxisschluss noch eine temperamentvolle Journalistin, um ihm den Vorschlag zu unterbreiten, gemeinsam ein Buch zu schreiben. Und gleichzeitig hat sie noch typische Patientenfragen an Ihn. Er kann sie zwar freundlich abwimmeln, doch nach seiner Abreise zu seinem ersten Studienfreund in einem kleinen asiatischen Land trifft er sie plötzlich in seinem Hotel wieder, wohin sie ihm gefolgt ist. Doch hier geht es nicht um eine platte Liebesgeschichte, sondern um seelische Befindlichkeiten.

Sein Freund arbeitet an einem Krankenhaus in dem armen Land nebenan – Nepal, Myanmar? -, und die junge Journalistin ist sofort Feuer und Flamme, darüber zu schreiben. Dann lernen sie an dem Krankenhaus eine junge Schwester kennen, die gerne mehr für ihr Land und sich tun möchte. Alle diese Menschen haben einen bestimmten Lebenslauf hinter sich und schauen durch eine bestimmte Brille – die optimistische, die pessimistische, die klare und die vernebelte – auf ihr Leben, und Hector alias François Lelord leitet aus diesen jeweiligen Lebenssituationen und -sichtweisen bestimmte psychologische Muster ab. Diese Muster fasst Hector in bestimmten situationsspezifischen „Brillen“ zusammen, die seine Protagonisten tragen oder tragen sollten.

Nach dem Besuch des ersten Freundes folgen noch zwei weitere Besuche bei anderen Freunden, die ähnliche Karrieren in Entwicklungsländern durchlaufen haben und Hector über ihre Erfahrungen berichten. Dabei identifiziert er auch ihre Brillen und ordnet sie in die Brillenliste ein, die mittlerweile die mitreisende Journalistin verwaltet. Da sie währenddessen von ihrem Liebhaber verlassen wird, trägt auch sie je nach Situation und Befindlichkeit verschiedene Brillen. Da ist etwa die „Lupen“-Brille, mit der man alle eigenen Schwächen ins Monströse vergrößert, oder da ist das umgekehrte Fernglas, mit dem man alle eigenen Stärken beliebig verkleinert.

Am Ende meint Hector zu erkennen, dass er sein eigenes Leben verpfuscht hat, da er nicht einmal eine glückliche Ehe führen kann, muss sich jedoch ausgerechnet von seinen informellen Patienten den berechtigten Vorwurf der falschen Brille gefallen lassen. Einer seiner besten Freunde rät ihm, statt zu grübeln einfach seine Frau direkt zu fragen, wie sie zu ihm stehe. Doch Hector traut sich nicht, weil er an dem Erfolg zweifelt. Als er dann unerwartet seinen ersten Freund begraben muss, steht seine Frau am Grab…..

François Lelord hat dieses Mal keine aufwendige „Story“ um seine psychologischen Studien gewickelt, sondern passt sie knapp und sparsam seinen inhaltlichen Zielen an. Das wirkt angemessen und überzeugend, und man hat nicht das Gefühl, durch eine spannende Geschichte mit „Sex & Crime“ eingefangen werden zu sollen.  Der bekannte Schauspieler August Zirner liest das Hörbuch mit einer angenehmen Distanz, ohne deswegen unbeteiligt zu wirken.

Das Hörbuch ist im Verlag Hörbuch Hamburg erschienen, umfasst fünf CDs mit einer Gesamtlaufzeit von 389 Minuten und kostet 15,79 Euro.

Frank Raudszus

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