Maxim Biller: „Sechs Koffer“

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Maxim Biller setzt auf ungewöhnliche Art ein Familientrauma in Szene. Der Tate, Großvater einer russisch-jüdischen Großfamilie, wurde in den sechziger Jahren in Moskau an den KGB verraten und ermordet. Damit beginnt das Familiendrama und rollt über die Elterngeneration und ihre fünf Kinder gnadenlos hinweg. Jeder Einzelne ist auf der Suche nach dem Verräter in den eigenen Reihen. Gegenseitige Verdächtigungen, Neid, Missgunst – all diese hässlichen Eigenschaften bestimmen von nun an das Verhältnis der Familienmitglieder untereinander.

Das ist durchaus spannend zu lesen. Allerdings wird der Leser immer wieder verunsichert und verwirrt, da der Roman zwischen den einzelnen Protagonisten hin- und herspringt und viele Perspektivwechsel beinhaltet. Immer dann, wenn man glaubt, der Lösung nahe zu sein, schweift die Handlung ab in sehr persönliche Problemfelder der einzelnen Figuren. Dann geht es um das Verhältnis der Geschwister untereinander, um die unglückliche Beziehung der Eltern und um die angebliche Geliebte. Außerdem begleiten die Leser eine Familie auf der Flucht von Moskau über Prag nach Hamburg und Zürich. Bar ihrer Wurzeln versuchen sie verzweifelt, Fuß zu fassen und wieder Bodenhaftung zu gewinnen.

Biller gelingt es, in der Form einer Familiengeschichte eine Metapher für unsere zerrissene, von Krieg, Flucht und Vertreibung geprägte Zeit zu finden.

Das Buch ist im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen, umfasst 198 Seiten und kostet 19 Euro.

Barbara Raudszus

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