Sayaka Murata, Die Ladenhüterin, Roman

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In ihrem Roman „Die Ladenhüterin“ lässt Sayaka Murata das Leben einer scheinbar bedeutungslosen, von der Umwelt als nicht normal angesehenen Außenseiterin Revue passieren.

„Aufgewachsen bin ich in einem Vorort, in einer ganz normalen, liebevollen Familie. Dennoch war ich ein sonderbares, etwas verhaltensauffälliges Kind.“

So beschreibt Keiko, die Ich-Erzählerin , sich selbst als Kind. Sie fällt auf durch ihre Emotionslosigkeit in Situationen, die Mitschülerinnen zu Tränen rühren. Sie dagegen handelt, und zwar so rational, dass es auf andere bestürzend wirkt, etwa wenn sie einen toten Vogel nicht beerdigen, sondern für den Vater braten will, der doch so gerne Vögel isst. Ein anderes Mal beendet sie die Prügelei zweier Mitschüler dadurch, dass sie einem der beiden mit einer Schaufel auf den Kopf schlägt.
Nach mehreren ähnlichen Vorkommnisse, die stets dazu führen, dass ihre Eltern in die Schule beordert werden, beschließt sie, sich außerhalb von zu Hause still zu verhalten, nur noch das Nötigste zu tun und allen Anweisungen zu folgen, im Wesentlichen zu schweigen.

Auch das gilt für ihre Umwelt als auffälliges Verhalten, aber ein Therapeut kann den Eltern nur raten, sie liebevoll und fürsorglich zu begleiten. So übersteht sie trotz andauernden Schweigens die Schule und beginnt ein Studium. Auch hier bleibt sie ohne Freundschaften.

Durch Zufall trifft sie im ersten Semester auf ein Stellenangebot als Ladenhilfe in einem Convenience-Store. Sie bewirbt sich, nimmt an der Schulung teil, die feste Rituale und Verhaltensweisen, eine bestimmte Art zu sprechen und zu lächeln einübt. An ihrem ersten richtigen Arbeitstag erlebt sie sich zum ersten Mal als normales Mitglied der Gesellschaft.

Sie bleibt 18 Jahre lang als Ladenhilfe, auch nach dem Studienabschluss findet sie nichts anderes. Nur in der ritualisierten Welt der gewohnten Arbeitsabläufe kann sie ihr Leben bewältigen. Auch ihren Status als Ladenhilfe ändert sie nicht, obwohl sie mittlerweile alle wichtigen Funktonen übernimmt. Um den Anschein von Normalität aufrechtzuerhalten, imitiert sie Sprechweise und Verhalten von Kolleginnen.

Nur einmal kommt Unruhe in ihr Leben, als sie einem gefeuerten Mitarbeiter einen Platz in ihrer Wohnung anbietet. Die Außenwelt interpretiert ihr Zusammenleben – das in Wirklichkeit gar keines ist – als Zeichen von Normalität. Von dem neuen Mitbewohner gedrängt, zu sich etwas anderes zu suchen und mehr Geld zu verdienen, kündigt sie nach 18 Jahren.

Damit aber bricht ihr Alltagsgerüst zusammen, das durch die Vernunft der Abläufe im Laden bestimmt war. Alles, was jetzt für die Außenwelt erleichtert als Zeichen von Normalität gesehen wir – das angebliche Zusammenleben mit einem Mann, die geplante berufliche Neuorientierung -, bleibt ihr fremd. Ein Leben ohne die außengeleitete Ordnung ihres Lebens ist ihr nicht möglich.

Der Roman zeigt die Fragwürdigkeit von sogenannter Normalität und des damit verbundenen Anpassungsdrucks, der offenbar in der japanischen Gesellschaft besonders groß ist. Was sich dem nicht fügt, wird als fremd, irritierend, unnütz verstanden. Niemand fragt nach der inneren Notwendigkeit eines Lebens, das nach unüblichen Kriterien gelebt wird.

Dem Leser bleibt zum Schuss die Frage, wer eigentlich freier lebt: Die angeblich Normalen oder die Außenseiter? Ist sie die Hüterin des Ladens und als solche wertvoll? Oder ist sie eine „Ladenhüterin“ wie eine übrig gebliebene Ware, die keiner haben will und die nutzlos ist? Diese Doppeldeutigkeit des Titels bildet das durchgängige Motiv der Erzählung.

Sayaka Murata glückt insbesondere der Zusammenhang von Inhalt und sprachlicher Form: Die Sprache ist so emotionslos wie die Erzählerin selbst. Wenn andere sie wütend beschimpfen und sie zu provozieren versuchen, entnimmt sie dem nur das, was ihr als vernünftiger Hinweis erscheint. So bleibt sie in ihrer Individualität unantastbar, die aus der Sicht der sogenannten Normalen in der Hingabe ihres ganzen Lebens an das Geschäft nicht zu existieren scheint.

Das Buch ist im Aufbau-Verlag erschienen, hat 145 Seiten und kostet 18 Euro.

Elke Trost

 

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