Marion Poschmann: Die Kieferninseln. Roman

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In ihrem 2017 erschienenem Roman „Die Kieferninseln“ erzählt Marion Poschmann von der überraschenden Pilgerreise ihres Protagonisten Gilbert Silvester in den Norden Japans. Es ist Gilberts Weg der Abwendung von sich selbst, der ihn schließlich zu einer neuen Sicht auf sein Leben führt.

Gilbert Silvester, unscheinbarer Wissenschaftler, Privatdozent, irgendetwas zwischen 40 und 50, träumt, dass seine Frau Mathilda ihn betrügt. Im Gegensatz zu ihm ist sie beruflich erfolgreich und anerkannt, während er sich von Drittmittelprojekt zu Drittmittelprojekt hangelt. Diese Projekte sind von zum Teil zweifelhafter Wichtigkeit, dennoch vertieft er sich in die jeweilige Aufgabe, zur Zeit ist es ein Projekt zur Frage der Bedeutung des Bartes im Zusammenhang mit Gottesdarstellungen.

Nach dem Erwachen ist Gilbert überzeugt, dass der Traum ein Spiegel der Wirklichkeit ist, und stellt Mathilda zur Rede. Dass sie alles abstreitet, bestärkt ihn nur in seinem Verdacht, er ergeht sich in Fantasien, mit wem sie es treiben könnte. Jede ihrer Verhaltensweisen in der letzten Zeit nimmt er als Indiz dafür, dass sein Verdacht berechtigt ist, zumal er sich selbst als Versager und nicht liebenswert empfindet.

Völlig überstürzt flieht Gilbert aus der gewohnten Umgebung: Mit dem nötigsten Gepäck, das in seine alte Aktentasche passt, fährt er zum Flughafen und nimmt einen Flug nach Tokyo. Einfach nur weg, möglichst weit!
In Tokyo angekommen, nimmt er Kontakt zu Mathilda auf, die einigermaßen erbost ist, dass er ohne Abschied das Haus verlassen hat. Dass er tatsächlich in Tokyo sein will, hält sie für einen Scherz. Wieder ein Missverständnis, die Kommunikation bricht ab.

Gilbert kauft sich einen Reiseführer und einiges an japanischer Literatur, darunter die Werke des japanischen Haiku-Meisters Matsuo Basho, der im 17. Jahrhundert lebte. Gilbert beschließt, Bashos Pilgerreise in den Norden Japans zu den Kieferninseln zu folgen. Ziel dieser Reise bei Basho ist die Abwendung von sich selbst, von allem Luxus und allen überflüssigen Bedürfnissen, wichtig ist die Hinwendung zu den Dingen, zur Natur. Gerade in der Abwendung von sich selbst wird die äußere Reise zu einer mentalen Reise, die zu einer neuen Begegnung mit dem eigenen Ich führt. Symbol dieses Weges der Abwendung ist die Japanische Schwarzkiefer. Sie ist außerordentlich bedürfnislos, hält Meereswind und Salzwasser stand, wenn auch gekrümmt, aber immer bietet sie ein Dach, für jeden, der unter ihr Schutz sucht.

Auf dem Bahnsteig im Bahnhof von Tokyo läuft Gilbert der junge Yaso über den Weg, der im Begriff ist, sich am Ende des Bahnsteigs vor den nächsten Zug zu werfen. Gilbert kann ihn überzeugen, dass dieser Ort in seiner Banalität schon aus rein ästhetischen Gründen kein angemessener Ort für die heroische Tat eines Selbstmordes ist.
Gilbert beschließt, den jungen Japaner auf seine Pilgereise mitzunehmen, erklärt sich auch bereit, die im „Handbuch für Selbstmörder“ verzeichneten Idealorte für den Selbstmord aufzusuchen. Dabei ist Gilberts erstes Anliegen, den jungen, dekadenten Mann von seiner selbstverliebten Selbstmordfantasie abzubringen.

So begibt sich dieses ungleiche Paar auf den Weg. Die ersten Stationen im näheren Umkreis von Tokyo, die Basho nennt, sind von moderner funktionaler Trostlosigkeit, ein paar Kiefern inmitten einer zubetonierten Landschaft.
Je weiter sie sich von Tokyo entfernen, desto seltsamer werden die Orte. Geradezu unheimlich ist der Selbstmörderwald, offenbar eine der Top-Adressen in Yosas Handbuch. Hier gibt es Spuren der Überreste junger Selbstmörder, überall sieht man abgeschnittene Seile an den Bäumen. Von Zeit zu Zeit gehen Tagelöhner durch den Wald und schneiden die Leichen von den Seilen. Auch hier kann Gilbert Yosa überzeugen, dass das kein guter Ort ist. Um den jungen Mann abzulenken und wieder ins Leben zu führen, trainiert er mit ihm das Haiku-Schreiben, das die Natur- und Selbsterfahrung in unvergleichlicher Form verdichtet.
Dennoch sind Gilberts Bemühungen vergeblich, kurz vor ihrem Ziel, den Kieferninseln vor Matsushima im Norden der japanischen Hauptinsel, verliert er Yaso im Gewühl im Bahnhof von Sendai. Er legt die letzte Stecke zu den Kieferninseln alleine zurück, nicht ohne von Yaso zu träumen, wie er sich von einer Klippe stürzt oder wie er plötzlich wieder an seiner Seite ist. Was mit Yaso tatsächlich geschehen ist, bleibt offen.

Die völlige Abgeschiedenheit auf der Kieferninsel Ojima, die nichts bietet außer eben Kiefern, intensiviert Gilberts Wahrnehmung der Landschaft und der Natur. Er selbst ist unwichtig, er lässt nur die Kiefern auf sich wirken.
Für Gilbert ist diese Pilgerreise wie eine Reinigung von seinen Minderwertigkeitsgefühlen und von seinen Vorbehalten gegenüber Mathilda. Je weiter die Reise voranschreitet, desto intensiver werden seine mentalen Briefe an Mathilda, in denen er ihr mitteilt, wie ihm die Andersartigkeit der japanischen Kultur, der japanischen Denkungsweise und des Alltags im modernen Japan begegnet.
Am Ziel seiner Reise ist er soweit: „Er würde sie anrufen … Mathilda, Liebste, würde er sagen. Wir treffen uns in Tokyo, nahm er sich vor zu sagen, es ist alles ganz einfach, komm zu mir nach Japan. Die Laubfärbung beginnt.“

Marion Poschmann ist ein kluger und sensibler Roman gelungen, der die Leser in die Welt der ganz anderen Tradition des japanischen Denkens und Mystizismus‘ führt, ohne dass dabei die westliche Tradition der Aufklärung abgewertet wird. Die mentale Reise in diese andere Welt öffnet aber den Blick für andere Möglichkeiten der Selbstwahrnehmung und der Beziehungen zu den Mitmenschen.
Ein unbedingt lesenswertes Buch, für das man innere Ruhe und Konzentration mitbringen sollte.

Das Buch ist im Suhrkamp Verlag erschienen, hat 167 Seiten und kostet 20 Euro.

Elke Trost


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