Michel Houellebecq: Serotonin

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„Es ist EINE KLEINE WEISSE, ovale, teilbare Tablette.“
Mit diesem Satz beginnt der neue Roman „Serotonin“ von Michel Houellebecq.
Mit diesem Satz ist auch der letzte Abschnitt, eine Art Epilog, überschrieben.

Zwischen diesen beiden Sätzen liegt die Lebensbeichte des Ich-Erzählers Florent-Claude Labrouste, der mit seinen 46 Jahren am Ende ist, völlig abhängig von der kleinen weißen Tablette, deren einzige Aufgabe darin liegt, ihn vom Selbstmord abzuhalten.

Aus einem nur vage angedeuteten zeitlichen Abstand von vielleicht zehn Jahren blickt der Erzähler zurück auf das Ende der 2010er Jahre, als sich die Entwicklung auf das desaströse Ende abzuzeichnen beginnt.

Dabei waren seine Voraussetzungen durchaus positiv: ein liebevolles Elternhaus, eine gute Ausbildung, ein gut bezahlter Job beim Landwirtschaftsministerium, ein Haus in Südspanien, ein Mercedes-Geländewagen, genügend ererbtes Vermögen, um ein unabhängiges Leben führen zu können. Und dennoch geht alles schief: Die einzige wirkliche Liebe vermasselt er. Sein libertäres Liebesleben langweilt ihn zusehends. Die japanische Geliebte, materiell völlig von ihm abhängig, geht ihre eigenen Wege in die erotisch-sexuelle Halbwelt, er will sie nur noch loswerden. Auch sein Job im Landwirtschaftsministerium erscheint ihm zunehmend sinnlos.

Der Überdruss an allem lässt ihn nur noch einen Wunsch haben: Die Befreiung von allem, ein Leben ohne Bindungen, ohne berufliche Verpflichtung, nur noch nach den eigenen Bedürfnissen ausgerichtet. Also kündigt er seinen Job und die Wohnung. Leben im Hotel erscheint ihm als Inbegriff der neu errungenen Freiheit.


Aber die Freiheit ist trügerisch: Schon ein Hotel mit Raucher-Zimmer ist fast gar nicht mehr zu bekommen, die Reglementierung einer neuen Gesundheitspolitik holt ihn ein.
Und die Freiheit? Sie produziert die reine Leere und Depressionen, so dass er schon bald einen Psychiater aufsucht. Der verschreibt Captorix, ein neues, Serotonin produzierendes Antidepressivum. Es hat einen wesentlichen Haken, es macht impotent und zerstört die Libido.
Viel mehr noch holen Florent die Determinanten des bürgerlichen Lebens mit seinen Ritualen ein: Das Weihnachtsfest und besonders das Jahresende sind Daten, die Freiheitsgefühle in Einsamkeits- und Verlassenheitsgefühle umschlagen lassen.

Der Weihnachtstag lässt sich bei einem Familientreffen über die Runden bringen, schlimmer aber ist der 31. Dezember, bekanntermaßen der Tag mit der höchsten Selbstmordrate. Florent flieht zu einem alten Studienfreund, der in der Normandie einen Milchbetrieb und eine Feriensiedlung betreibt. Doch auch hier löst sich die Hoffnung auf Eintauchen in Idylle und Lebenssinn auf: Der Freund ist von der Frau verlassen worden, der Betrieb steht kurz vor dem Ruin, sein einziger Trost ist der Alkohol und seine Waffensammlung.

Endgültig entlarvt sich der Schein der ländlichen Idylle mit dem gewaltsamen Protest der Bauern gegen die ruinöse Aufhebung der Milchquote durch die EU, Florents Freund findet die Lösung im Selbstmord.
Für Florent ist das keine Lösung. Ihm bleibt die Rückkehr nach Paris und die Erhöhung der Captorix-Dosis, was ihm ein Durchhalten auf niedrigstem Lebensniveau ermöglicht.

Florent kommentiert seine Geschichte mit Auslassungen über die Liebe, über Frauen und Männer im Allgemeinen, über Politik und Gesellschaft. Dabei bleibt vage, ob er sich selbst als Versager sieht, dem einfach nichts Positives gelingen will, oder ob er sein eigenes Leben als typisches Produkt einer Gesellschaft sieht, die mit ihrem Freiheitspostulat den Einzelnen überfordert. Deutlich wird die Kritik an der EU-Politik, die nationale Interessen zu wenig berücksichtigt. Steht dahinter ein Ruf nach einer „Frankreich-First“-Politik?

Houellebecq provoziert seine Leserinnen und Leser, sich den Fragen seines Protagonisten zu stellen: Sind wir wirklich in einer sinnentleerten Zeit angekommen? Ist es Zeit, nach neuen, vielleicht sogar christlich-religiösen Bindungen zu suchen, wie es im Epilog anklingt? Oder ist die Erzählerfigur nur ein zynischer, selbst mitleidiger Versager, der weder privat noch beruflich Verantwortung übernehmen kann und will, weder für sich selbst noch für andere? Hinzu kommt die Frage, wie viel Houellebecq in der Erzählerfigur steckt.

Insgesamt ist das ein aufwühlender, mitreißend geschriebener Roman, der die Leserinnen und Leser auch nach der Lektüre noch einige Zeit beschäftigen wird. Also unbedingt lesen, allerdings ist der Roman nichts für zart besaitete Seelen, die eine unverblümte Darstellung sexueller Praktiken nicht verkraften.

Der Roman hat 335 Seiten, ist im Dumont Verlag erschienen und kostet 24 Euro.

Elke Trost

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