Was´n Kitsch!

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Was ist eigentlich „Kitsch“? Das ist eine seit Jahrzehnten heiß diskutierte Frage, und eine beliebte und schlüssige Antwort darauf lautet: „Das, was die anderen gern hören“. Gern wird diese Zuschreibung auch als Totschlagsargument verwendet.

Gernot Wojnarowicz, Konzertdirektor des Staatstheaters Darmstadt, hat sich diesen schillernden Begriff und seine spezielle Bedeutung in der Musik jetzt in seiner monatlichen Reihe „Lauschangriff“ in der Bar der Kammerspiele vorgenommen. Dazu hatte ihn die Requisite des Theaters mit allerlei anregenden Beispielen aus der bildnerischen Praxis ausgestattet. Porzellanhündchen und -engelchen, ein bunter Gartenzwerg und eine „hübsche“ Kaffeekanne aus dem „Gelsenkirchener Barock“ zierten seinen DJ-Tisch, und im Hintergrund lockten noch weitere Exponate dieser Art zur näheren Betrachtung. Natürlich war das kein Kitsch, aber manche Leute könnten das vielleicht meinen….

Die Begleiter der Führung durch den musikalischen Kitsch

Wojnarowicz begann den Abend mit launigen Worten und vermied den allzu apodiktischen Gebrauch des bösen Wortes von Anfang an. Er beschränkte sich eher auf eine gewisse Ironie, was einerseits seiner Stellung und andererseits seinem Fingerspitzengefühl zu verdanken ist. Er sah es offensichtlich nicht als seine Aufgabe an, einem zahlenden Publikum mit dem moralischen Zeigefinger und dem gesenkten Daumen eine Lehrstunde über (nicht-)kitschige Musik zu erteilen. Also beschränkte er sich auf musikalische Beispiele und stellte dem Publikum mit bisweilen ernstem Gesicht lediglich die Frage, ob das jeweilige Beispiel vielleicht zu der Kategorie des Kitsches gehöre. Allerdings führte dabei die Auswahl der musikalischen Beispiele ein argumentatives Eigenleben, denn Wojnarowicz spielte an diesem Abend weder Beethovens „Hammerklavier-Sonate“ noch Bachs „Kunst der Fuge“.

und noch ein Engelchen…..

Es begann, wie es sich gehört, mit klassischer E-Musik, und hier bieten sich natürlich die Oper und und vor allem die Operette an. Da kamen textlich fein gereimte und melodisch eingängig schmelzende Lieder aus der „lustigen Witwe“ und anderen Léhar-Operetten zu Gehör, doch auch die Oper, unter anderem „Manon“, kam hier zu ihrem Recht. Aus dem von Beginn aktiv mitgehenden Publikum kam nicht nur Schmunzeln, sondern bisweilen auch Protest gegen eine eventuelle „Kitsch“-Zuschreibung. Die Grenze zwischen emotional aufgeladener Musik und dem Kitsch ist allerdings auch recht schwimmend, und der Graubereich nimmt einen breiten Raum ein. Wojnarowicz wies vor allem darauf hin, dass viele Musikstücke erst durch den jeweiligen Kontext zum Kitsch würden und dieses Schicksal selbst vor großen Werken nicht Halt mache. Als Beispiel sei Mozarts Klavierkonzert Nr. 21 genannt, dessen langsamer zweite Satz (Andante) heute Aufzüge und telefonische Warteschleifen akustisch verschönert. Deshalb betonte der „Kitsch-DJ“ des Öfteren die Subjektivität des Urteils, konnte jedoch bei mancher gesanglichen oder instrumentalen Darbietung ein leidendes Lächeln nicht unterdrücken.

Das nahm bei der Filmmusik von Hollywood deutlich zu, und im zweiten Teil, der sich intensiv der Schlagerindustrie widmete, hatte er dann das Publikum ganz auf seiner Seite. Hier jagte ein Höhepunkt den anderen: Heintje, eine gealterte Mireille Mathieu mit dem „Ave Maria“, und das Lied über „Dein[en] Freund, der Baum“ seien nur als Beispiel genannt, und ältere Besucher fühlten sich bei vielen Schlagern der fünfziger und sechziger Jahre herzlich-schmerzlich an ihre Jugend erinnert. Dabei muss selbst der Rezensent eingestehen, dass diese „Schnulzen“, wie sie damals hießen, ein halbes Jahrhundert später immer noch eine Menge Emotionen des damaligen Kontextes mit sich führen. Tränen hatte der Rezensent jedoch nicht in den Augen, so dass der anfängliche Verweis des Vortragenden auf die Bereithaltung von Taschentüchern in seinem Fall nicht nötig war.

Frank Raudszus

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