Ein Klassiker, der nicht altert

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Die Darstellung des Theateralltags auf dem Theater ist ein beliebtes Sujet, da es sowohl Selbstbespiegelung als auch Selbstreflexion ermöglicht. Darüber bietet die immanente Selbstreferentialität ein fast unbegrenztes Witzpotential. Der geniale – man muss diesen Begriff hier wohl verwenden – Musical- und Liedkomponist Cole Porter hat dieses Prinzip natürlich erkannt und sein Musical „Kiss me, Kate“ darauf aufgebaut.


Barbara Obermeier als Lilli Vanessi/Katharina mit Company

Eine etwas chaotische und stets unter finanziellen Schwierigkeiten leidende Theatertruppe probt Shakespeares Komödie „Der Widerspenstigen Zähmung“, die die Zähmung einer heiratsunwilligen weil männerfeindlichen jungen Frau – natürlich – durch einen Mann schildert. Dabei ist die Wandlung von der aggressiven Wildkatze zum schmeichelnden Schmusekätzchen natürlich eine Provokation gegen jegliche weibliche Emanzipation und würde heute wohl nur noch Protest ernten. Doch in dem Musical spielt diese Geschichte nur die Rolle des dramaturgischen Stichwortgebers und wird daher auch kräftig ironisiert. Im Vordergrund wird genau dieses Thema verdoppelt durch den Regisseur und Schauspieler Fred (Tobias Licht) sowie seine Ex-Frau Lilli (Barbara Obermeier). Die beiden spielen nicht nur Shakespeares Hauptrollen Petruchio und Katharina, sondern sie sind sich nach ihrer Scheidung auch ebenso spinnefeind wie diese. Als weitere Spiegelung der Vorlage sucht Fred immer wieder den Ausgleich, aber Lilli wirft ihm eine Beleidigung nach der anderen an den Kopf, und in den Szenen des Shakespeare-Stückes simuliert sie die tätlichen Attacken auf ihn nicht wie abgesprochen.


Von links nach rechts: Daniel Dodd Ellis als Paul, Tobias Licht als Fred Graham/Petruchio, Barbara Obermeier als Lilli Vanessi/Katharina und Ellen Wawrzyniak als Hattie

Das Bühnenbild trennt die beiden Handlungsebenen deutlich voneinander. Ist die Probenbühne durch Gerüste und sichtbare Attrappen geprägt, zeigen die Shakespeare-Szenen stilisierte Renaissancebauten mit Arkaden und Türmchen. Die Drehbühne des Staatstheaters ermöglicht es dabei, das virtuelle Theater mal von vorne und mal von hinten zu sehen. Die Theaterszenen wirken dann konventionell und werden auch in shakespearenaher Sprache präsentiert, während die „back stage“-Szenen bei umgedrehter Bühne vor den nun profanen Lattenrückseiten der venezianischen Häuserfassaden spielen. Dabei zeigt die Rückseite der Bühne dann den Blick in das Theaterpublikum der späten vierziger Jahre – natürlich im grauen Schwarz-Weiß, und im Hintergrund spielen die gerade auf der Bühne befindliche Akteure ihr stummes Spiel vor diesem imaginärem Publikum, während sich vorne die Streitigkeiten und kleinen Katastrophen des Theaterbetriebs abspielen. Als besonderen Gag haben die Bühnentechniker noch einen „lebenden“ Besucher in das Foto einkopiert, der sich durch kleine alltägliche Aktivitäten „outet“.


von links nach rechts: Beatrice Reece als Louis Lane, Rico Salathe als Peter/Taxifahrer, Daniel Dodd Ellis als Paul und Ellen Wawrzyniak als Hattie

Von Anfang an ist Bewegung auf der Bühne. Noch bevor die eigentliche Handlung einsetzt, tanzen verschiedene Gruppen in unterschiedlichen Kostümen auf der Bühne oder schlagen ihre Zeit mit allerlei anderen Tätigkeiten tot, jedoch alles im Rahmen einer wohl inszenierten Choreographie und zu der rhythmisch und melodisch eingängigen Musik Cole Porters. Erst wenn sich diese Musical-Atmosphäre ausreichend etabliert hat, beginnen die Sprechszenen in den zwei nebeneinander liegenden Garderoben von Fred und Lilli. Dann beginnt der Dauerstreit mit vielen Spitzen, Seitenhieben und verbalen Ausfällen.


links Michael Pegher als 1. Ganove, vorne mittig Tobias Licht als Fred Graham/Petruchio, rechts daneben Beatrice Reece als Louis Lane/Bianca, vorne rechts Barbara Obermeier als Lilli Vanessi/Katharina und rechts dahinter David Pichlmeier als 2. Ganove, im Hintergrund Company

Wie in der Commedia dell´arte gibt es auch hier ein zweites Paar, das sozusagen ein verkleinertes Spiegelbild der beiden Hauptpersonen darstellt. Bill (Arvid Assarsson) ist Spieler und verzockt das Geld, Lois (Beatrice Reece) zeigt auch gerne anderen Männer ihre Reize. Auf der zweiten Bühne werden sie als Lucentio und Bianca ebenfalls ein Paar. Bill sorgt durch seine Spielsucht erst für die Dynamik der Handlung, denn die zwei mafiösen Geldeintreiber (Michael Pegher und David Pichlmaier) treiben die Ehrenschuld irrtümlich bei Fred ein. Die beiden erfahrenen Opernsänger müssen über lange Strecken in Sprechszenen die Ganoven spielen, was ihnen jedoch sichtlich Spaß bereitet (einmal Bösewicht sein!). Später dürfen sie dann als Höhepunkt den Evergreen „Schlag nach bei Shakespeare“ in voller Länge, verschiedenen Kostümen und im besten Entertainer-Stil präsentieren. Szenenapplaus!

Dass die Geschichte auf beiden Ebenen am Ende gut ausgeht und sich die Paare „kriegen“, versteht sich von selbst. Bis es aber soweit ist, erklingen noch eine Reihe schmissiger und gefühlvoller Lieder, die alle zum heutigen Standardrepertoire gehören, und auch die Tanztruppe ist in verschiedenen Konstellationen und Kostümen aktiv. Langeweile kommt keinen Augenblick auf, und darüber hinaus sorgen die Akteure durch bewusste Brüche der einzelnen Ebenen immer wieder für Heiterkeit. Bei der Shakespeare-Deklamation werden Patzer der Darsteller knochentrocken vom Regisseur Fred kommentiert oder aus der gespielten Requisite behoben, und auch die Meta-Ebene des Theaterbetriebs wird gerne durch Bemerkungen aus heutigen Kontexten gesprengt. Als die gezähmte Katharina sich ihrem neuen Gemahl als seine treue Dienerin andient, sagt dieser nur beiseite zum (echten!) Publikum „was für ein bescheuerter Text!“.

Durchweg überzeugt diese Inszenierung durch ihr Tempo sowie ihren musikalischen und sprachlichen Witz, auch über Cole Porter hinaus. Das Orchester des Staatstheaters liefert dazu eine facettenreiche und doch leichte Musik, die das Bühnengeschehen nie dominiert aber stets präsent ist.

Frank Raudszus

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