Christopher Clark: „Von Zeit und Macht“

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Der australische Historiker Christopher Clark, Autor des viel diskutierten Buchs „Die Schlafwandler„, widmet sich in diesem Buch einem Thema, das nicht gerade den aktuellen Zeitgeist bewegt: das Zeit- und Geschichtsverständnis der Mächtigen.

Laut Clark sehen die meisten Untersuchungen bei historischen Veränderungen keine „Akteure“, da das Individuum als Grund historischer Umbrüche seit dem frühen 19. Jahrhundert keinen hohen Stellenwert mehr besitzt. Clark sieht jedoch sowohl den Willen als auch die faktische Möglichkeit, aus der Position der Macht heraus den Lauf der Geschichte zu beeinflussen, und belegt dies an verschiedenen Beispielen. Den Gegenstand seiner Untersuchungen hat er dabei territorial ganz konkret auf Deutschland eingegrenzt und die Beispiele auf vier aufeinander folgende Jahrhunderte verteilt. Diese Struktur erklärt er in seinem Epilog mit der – im Gegensatz zu anderen Ländern – außergewöhnlich wechselhaften Geschichte Deutschlands und mit der Möglichkeit, die Ein- und Nachwirkungen einer Epoche auf die folgenden zu untersuchen.

Am Anfang steht der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm (1620-1688), dessen politisches Verständnis weitgehend durch den Dreißigjährigen Krieg geprägt war. Er sah sich mit den traditionellen Rechten und Privilegien der „Stände“ (Adel etc.) konfrontiert, die Steuern und Kontributionen vor allem für militärische Zwecke ablehnten. Diesem an der Vergangenheit orientierten Denken stellte Friedrich Wilhelm ein zukunftsorientiertes Zeitverständnis entgegen. Dabei sah er aus der unmittelbaren Erfahrungen aus dem Dreißigjährigen Krieg vor allem die kriegerischen Bedrohungen für Brandenburg. Zusätzlich führte sein ausgeprägter Calvinismus zu einer vom lutherischen Glauben der Stände abweichenden Sichtweise. Die Stände pochten auf die „vertragliche Treue“ zum Luthertum, während der Kurfürst glaubte, die unterschiedlichen Glaubensgrundsätze in zukünftigen(!) Diskussionen angleichen zu können.

Da der Große Kurfürst ein Mann der Tat und nicht des Wortes war, hielt er sich Hofhistoriker, die seine Regierungszeit nicht nur als Chronisten festhielten, sondern seinen Grundsätzen und Entscheidungen – zumindest à posteriori – auch eine konsistente Struktur gaben. Deren Geschichtsschreibung wurde damit zu einer Art politischen Erbes an die nachfolgenden Herrscher.

Im Gegensatz zu den folgenden Beispielen scheinen Clarks Thesen hier noch am schwächsten belegt zu sein, denn man kann den Verweis auf äußere Bedrohungen auch als Mittel zur puren Machterhaltung deuten und muss es nicht zum (philosophischen) Geschichts- und Zeitverständnis erheben. Clark selbst gibt dies auch in gewisser Weise durch den Verweis auf die geringe Ausprägung historisch-philosophischen Interesses bei Friedrich Wilhelm zu erkennen.

Das ändert sich mit Friedrich II. (1712-1786), genannt „Friedrich der Große“. Clark sieht bei ihm ein ganz anderes Geschichtsverständnis als beim Großen Kurfürst. Friedrich sah den Lauf der Welt als eine ewige Wiederkehr ähnlicher Situationen, die alle mehr oder minder um große Herrscher kreisten. Letztere bildeten dabei sozusagen den Fels in der Brandung der Geschichte. Zukunft und Vergangenheit spielten dabei keine herausgehobene Rolle, sondern mündeten laut Clark in einer großen „Stasis“, die das ewig Gleichbleibende betonte. Clark sieht natürlich, wen Friedrich mit „große(n) Herrscher(n)“ meinte, was er auch damit belegt, dass Friedrich sich nicht als ein König in einer Reihe von vielen in der entsprechenden Gruft bestatten ließ, sondern im Park von Sanssouci zwischen Statuen antiker Geistesgrößen. Laut Clark sah sich Friedrich nicht als philosophierender König, sondern als Philosoph mit Herrscherstatus.

Friedrich schreckte auch nicht davor zurück, Preußens Geschichte nachträglich zu „korrigieren“. Den Dauerzwist zwischen dem Großen Kurfürsten und den Ständen unterdrückte er in seiner „Geschichte Preußens“, da er den Adel als einzigen Garanten eines stabilen Staates sah, der für ihn wiederum nur als Monarchie denkbar war. Gerade in dieser statischen Sicht der gesellschaftlichen Struktur – nur Adlige hatten die Befähigung zum Offizier! – sieht Clark das entsprechende Geschichts- und Zeitverständnis Friedrich des Großen. Auch seine Kriegsführung und die Reaktion auf höchst kritische (militärische) Situationen wie im Siebenjährigen Krieg führt Clark darauf zurück, dass Friedrich einzelnen Ereignissen keine besondere Bedeutung zumaß, da sich die Geschichte seiner Meinung nach in Zyklen wie die Jahreszeiten wiederholt. Diese Weltsicht belegt Clark u. a. auch an der Vorliebe des Königs für den Maler Watteau, der in seinen zeit- und geschichtslosen Bildern ein ewig unverändertes Weltbild propagierte.

Weitere hundert Jahre später ist es Bismarck, der für Clark mit einem ganz anderen Geschichtsverständnis aufwartete. Er sah die Geschichte wie einen reißenden Strom, den der Einzelne zwar nicht lenken kann, in dem er aber seine Position und die der anderen Akteure durch Geschick und Tatkraft beeinflussen kann. Diese Haltung führt zwangsläufig zu einer Strategie, die auf den „glücklichen Moment“ wartet, um die Chance dann konsequent zu nutzen. Für Bismarck traten solche Momente in den Einigungskriegen der 1860er Jahre bis hin zum Krieg den Frankreich 1870/71 mehrmals auf, und er nutzte sie entschlossen. Krieg war für ihn wie für alle seine Zeitgenossen eine legitime Alternative zur Lösung von Problemen aller Art. Clark betont, dass Bismarck zwar ein Machtmensch war, der sich seine Weisungsbefugnis im Kabinett vom Kaiser explizit bestätigen ließ, aber er hielt die Monarchie für ein überzeitliches Element des modernen Staates. Während Friedrich II. den „Staat“ eher als verwaltende Behörde des Monarchen sah, glaubt Bismarck an die Souveränität des Staates, deren vielfältigen inneren Spannungen sich jedoch nur durch den zeitunabhängigen Schirm der Monarchie ausgleichen lassen.

Die Nationalsozialisten dagegen entwickelten nach dem Ersten Weltkrieg eine völlig neue – oder uralte! – Sicht auf Zeit und Geschichte. Die grenzenlose Enttäuschung nach verlorenem Krieg, Versailler Diktat und wirtschaftlichem Niedergang richtete sich gegen jegliche entwicklungsorientierte Geschichtsauffassung. Die Nazis zogen sich förmlich in eine virtuelle Welt eines zeitlosen, rassereinen Germanentums zurück. Clark verdeutlicht dies an den vielfältigen musealen Aktivitäten des Regimes. Diese hatten einmal den Zweck, den Weimarer Staat nicht nur als überwundene, sondern darüber hinaus als weit entfernte Bedrohung darzustellen. Dafür wurden germanisch-nordische Sitten und Lebensräume im Sinne eines zeitlosen völkischen Glücks dargestellt. In diese Weltsicht fügte sich auch die „Endlösung der Judenfrage“ nahtlos ein: mit der Eliminierung der Juden werde die spannungsreiche Geschichte von Christen und Juden „endlich“ zu einem Ende geführt und damit die Basis für einen dauerhaften Frieden ohne weitere dramatische Ereignisse geschaffen. Die architektonische Gigantomanie des Dritten Reiches passt laut Clark ebenfalls zu dieser zeitlosen Weltauffassung. In ferner Zukunft sollten diese quasi unzerstörbaren Bauten wie die griechischen und römischen Tempel von der glorreichen Ära des „Tausendjährigen Reiches“ künden.

Aufschlussreich ist die Tatsache, dass Clark in den ersten drei Teilen jeweils ein Individuum in den Mittelpunkt stellt, im letzten Fall jedoch „die Nationalsozialisten“, obwohl man Adolf Hitler als Person durchaus eine ganz individuelle Bedeutung zumessen muss. Es ist heute wohl eine weithin akzeptierte Überzeugung, dass sich die Geschichte Deutschlands und des 20. Jahrhunderts ohne diese ganz spezifische Person ganz anders entwickelt hätte. Er bediente die emotionalen Bedürfnisse einer schwer gedemütigten Gesellschaft, weil er genau die selben Ressentiments wie die Mehrheit des Volkes vertrat. Ob ein anderer dieselbe Kompromisslosigkeit und Demagogie an den Tag gelegt hätte, darf man bezweifeln.

Warum also betont Clark hier das System und nicht die Einzelperson? Es liegt wohl daran, dass die Nationalsozialisten über keine intellektuelle oder politisch-strategische Konzeption verfügten. Ihr intellektuelles Potential gab das nicht her, und Hitler verstand wohl intuitiv, dass jegliche Intellektualisierung den Kontakt zur breiten Masse hätte abreißen lassen. So blieben nur eine holzschnittartige Ideologie aus Ressentiments und Träumen von einer glücklichen archaischen Vergangenheit, die es wiederzubeleben galt. Das arbeitet Clark durch vielerlei Beispiele deutlich heraus, ohne es explizit zu sagen. Ziel und Thema dieses Buches ist nicht die Diskussion der intellektuellen Höhe politischer Konzepte sondern das jeweilige Zeitverständnis. Und das bestand bei den Nationalsozialisten offensichtlich in einer rückwärts gerichteten Utopie eines statischen Daseins ohne die vielfältigen Bedrohungen politischer, gesellschaftlicher und technologischer Umbrüche. Letztere waren wohl auch ein Grund für die Affinität eines geschlagenen Volkes für die Einkapselung in eine Wunschwelt, in der die eigene Identität und Überlegenheit per definitionem gesichert waren.

Das Buch ist in der Deutschen Verlagsanstalt (DVA) erschienen, umfasst 313 Seiten und kostet 26 Euro.

Frank Raudszus

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