Gabriele Tergit, Effingers

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Der Roman „Effingers“ von Gabriele Tergit erschien zum ersten Mal 1951 im Verlag Hammerich & Lesser, nachdem zuvor viele Verlage, darunter Suhrkamp und Rowohlt, das Manuskript abgelehnt hatten, zum Teil unter fadenscheinigen Gründen, etwa wegen angeblichen Papiermangels. Eine zweite Auflagen erschien 1978. Danach geriet der Roman in Vergessenheit. Nun ist er im Mai 2019 von der Verlagsbuchhandlung Schöffling & Co. neu herausgegeben worden.
Worum geht es in dem Roman, und warum hatte es die Autorin Anfang der 50er Jahre so schwer, ihn bei einem Verlag unterzubringen?

Der Roman erzählt die Geschichte dreier jüdischer Familien über mehr als drei Generationen. Die Handlung beginnt 1878 mit dem Brief des schwäbischen Uhrmachersohns Paul Effinger an seine Eltern. Er berichtet darin über seine Lehrzeit in einer Eisengießerei im Rheinland. Der Roman endet im Jahre 1942 mit dem Abschiedsbrief des mittlerweile 81-jährigen Paul Effinger an seine Kinder, Enkel und seine Nichte, in dem er sich vor seiner Deportation verabschiedet und ein kurzes Lebensfazit zieht. Ein Epilog zeigt die Situation im zerstörten Berlin im Jahre 1948. Die Erzählerin macht einen Rundgang zu den ehemaligen Häusern der drei Familien, die nur noch als Ruinen an die alte Pracht erinnern. Die Zukunft ist völlig offen.

In diesem Zeitraum von 1878 bis 1942 erleben die Leser den Aufstieg der drei Familien mit: Paul und Karl Effinger entwickeln im Wettrennen mit der Konkurrenz die ersten selbstfahrenden Fahrzeuge. Am Beginn ihrer Karriere steht die handwerkliche Produktion jedes Autos als Unikat, bis sie es schließlich mit der industriellen, arbeitsteiligen Massenproduktion des ersten „Volkswagens“ zu großem Erfolg und Reichtum bringen. Die „Fabrik“ ist mittlerweile ein an der Börse gehandeltes Unternehmen, „Effinger-Autos“ stehen weltweit für Fortschritt und Qualität. Gleichzeitig aber fühlen sich die Effingers den Werten der Humanität und Wahrhaftigkeit verpflichtet, wie sie es aus ihrer Herkunft als Handwerkersöhne gelernt haben. Das schlägt sich insbesondere in Pauls Verantwortungsgefühl für seine Arbeiter nieder, für die er eigens eine Arbeitersiedlung baut, um sie menschenwürdig leben zu lassen

Durch Heirat ist man eng verbunden mit dem Bankhaus Oppner & Goldschmidt, das ebenfalls auf der vertrauensvollen Beziehung zu den Bankkunden und deren Einlagen beruht.
Bedeutungsvoll für alle ist der Zusammenhalt der Familien, die alle wichtigen jüdischen Feste gemeinsam begehen, wenn auch mit mehr oder weniger gläubigem Engagement.
Die Hochphase der industriellen Entwicklung und des Aufstiegs der Familien ins großbürgerliche Milieu beginnt um 1870 nach dem deutsch-französischen Krieg. Der neue Nationalismus paart sich mit dem Stolz auf das, was man selbst erreicht hat.
Die Frauen dieser Generation sind die moralischen Instanzen in den Familien, die Sitte und Anstand verteidigen, selbst ganz in der Mutter-Rolle aufgehen und im Wesentlichen mit Kreuzstich-Stickerei beschäftigt sind.
Die Rolle des Kritikers und Mahners in der alten Generation hat Waldemar Goldschmidt, der Rechtsgelehrte und Philosoph, der für die Werte der Aufklärung steht und mit seinem weltoffenen Geist gegen Intoleranz und geistige Enge kämpft.

Die Veränderung der Werte und der Einstellungen zum Geschäft zeigt sich in der Generation der Kinder. Während für die Alten die preußischen Tugenden Arbeit, Pflicht und Verantwortungsgefühl an der ersten Stelle stehen, sind die Söhne eher am schnellen Geld interessiert, wenn sie sich nicht sogar ganz aus dem Arbeitsleben heraushalten, um ewig zu studieren, sich mit Kunst und den schönen Dingen des Lebens zu beschäftigen.
Der große Bruch für diese Generation ist das Erlebnis des ersten Weltkrieges, den die jungen Männer an der Front in untergeordneten Positionen erleben, denn als Juden können sie nicht Offiziere werden. Nach 1918 erscheint ihnen alles fragwürdig, die alten Werte sind zerbrochen, man streitet über Marxismus, Sozialismus, Max Weber, Psychoanalyse.

Die Auflösung alter Rollenbilder und Werte macht Tergit insbesondere an den Frauen fest. Schon in der Generation von Paul Effinger, also der zwischen 1860 und 1875 Geborenen, gibt es Frauen, die gegen die verordnete Rolle der Hausfrau und Mutter rebellieren. Sofie, jüngste Tochter des Bankiers Oppner, bricht nach ihrer Scheidung mit dem bürgerlichen Leben, geht als Malerin nach Paris, führt ein freies Leben. Nach der Rückkehr nach Berlin sieht sie sich jedoch insbesondere von den Frauen ihrer Familie immer wieder mit den alten Rollenmustern konfrontiert. Auch sie selbst scheint zerrissen, hofft schließlich doch auf den Ehemann. Aber der viel jüngere Liebhaber heiratet eine andere. Sofie erträgt die inneren Spannungen schließlich nicht mehr und nimmt sich das Leben.

Für das bewusste Aufbegehren und Engagement in der Frauenbewegung stehen die Effinger-Töchtern Marianne (geboren 1892) und Lotte (geboren 1894). Beide erkämpfen eine neue Identität durch Studium, politisches Engagement in der Weimarer Republik und Berufstätigkeit. Marianne engagiert sich für sozial schwache und vernachlässigte Kinder, wird sogar Regierungsrätin. Sie bleibt unverheiratet. Lotte heiratet ihren Cousin und hat eine Tochter, dennoch gelingt ihr der Durchbruch als Schauspielerin und eine unabhängige Existenz.

Tergit gelingt es, die Hoffnungen auf ein freieres und selbstbestimmtes Leben in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts zu verknüpfen mit der Bedrohung durch den sich immer ungenierter zeigenden Antisemitismus.
Wie wir es heute aus vielen anderen Darstellungen und Erzählungen wissen, gibt es auch im Umkreis der Effinger-Familie die unterschiedlichsten Reaktionen: die einen bagatellisieren die Gefahr, die anderen warnen, aber bleiben, wieder andere verlassen Deutschland schon 1933.

Tergit stellt die Zeit nach 1933 wie im Zeitraffer dar: Die Enteignung und vorübergehende Verhaftung Paul Effingers, den Verlust allen Vermögens und die zunehmende Einschränkung der Bürgerrechte der jüdischen Bevölkerung. Marianne verliert ihre berufliche Stellung, Lotte wird rechtzeitig gewarnt und kehrt nach einer Aufführung im Ausland nicht nach Deutschland zurück.

Im Epilog erfahren die Leser, dass Marianne mit Lottes Tochter Susanne in einen Kibbuz in Israel entkommen ist und dass auch Lotte und ihr Mann überlebt haben. Von der Elterngeneration lebt 1945 niemand mehr. Einige sind eines natürlichen Todes gestorben, Paul und seine Frau Klärchen werden als über 80-jährige deportiert.

Dass Tergit es 1951 schwer hatte, einen Verlag zu finden, erklärt sich aus der Thematik. Anfang der 50er Jahre wollte man nicht an das Grauen und an die eigene Schuld erinnert werden. Deshalb wohl auch die Ausflüchte renommierter Verlage.
Hinzu kamen jedoch wohl auch ästhetische Gründe. Man merkt dem Roman an, dass er über einen langen Zeitraum geschrieben wurde, Tergit hat mit den Aufzeichnungen 1932 begonnen und die Arbeit erst um 1950 beendet. So liest sich die erste Hälfte des Romans streckenweise schwerfällig: zu viele Figuren, deren Funktion nicht gleich klar ist, zu viele, wenig gestaltete Dialoge, Wiederholungen und Längen. Auch die Kopie von bekannten Motiven etwa aus den Buddenbrooks stößt unangenehm auf. Tergit will viel, alle Themen der Zeit von 1870 bis 1945 will sie in ihrem Text unterbringen. Das führt zu Verkürzungen bzw. ehrgeiziger Wissensdemonstration, etwa wenn es um Marxismus, Psychoanalyse, Max Weber etc. geht.

Aber man verzeiht Tergit diese Schwächen, wenn man weiß, unter welchen Umständen ihr Roman entstanden ist. Der Roman gewinnt an Dichte, je mehr die Bedrohung des jüdischen Lebens sich abzeichnet. Da wird Tergit stringenter in der Darstellung, insbesondere in der Figurendarstellung. Die Figuren der Sofie, der Marianne und Lottes gewinnen an Tiefe. Mit Marianne und Lotte zeichnet Tergit zwei Frauenfiguren mit ihren inneren Konflikten, mit ihrem Kampf für eine neue Zukunft, die es auch nach dem Grauen zu leben gilt.

So lohnt es am Ende auch 2019 noch, diesen Roman zu lesen, gerade weil hier schon früh das Thema jüdischen Lebens in Deutschland bis zur Katastrophe im Mittelpunkt steht, das ansonsten bis in die späten 60er Jahre des 20. Jahrhunderts in der deutschen Literatur eher gemieden wird.

Der Roman ist im Schöffling & Co Verlag erschienen, hat 904 Seiten und kostet 28 Euro.

Elke Trost

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