Slavoj Zizek: „Die bösen Geister des himmlischen Bereichs“

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Ein beredtes aber widersprüchliches Plädoyer über den „linken Kampf um das 21. Jahrhundert“.

1501_zizekDer slowenische Philosoph Slavoj Zizek gilt als einer der „letzten Kommunisten“, der seine Botschaft überzeugt und kompromisslos, jedoch nie dogmatisch oder gar ideologisch verbohrt unter seine meist aufgeklärte Leserschaft bringt. Hier schon zeigt sich wieder das alte Dilemma der kämpferischen Linken: sie erreicht mit ihrer anspruchsvollen und philosophisch unterfütterten Theorie entweder nur die eigenen Anhänger oder aber sekptische Intellektuell, die sich mit der Argumentation beschäftigen, ohne sich ihr mit revolutionärem Schwung anzuschließen. Die eigentliche Klientel der forschrittlichen Linken, die breite Masse der Arbeitnehmer oder das – immer noch gerne so genannte – „Proletariat“, findet zu dieser Lektüre mit hoher Wahrscheinlichkeit keinen Zugang.

Den Titel hat Zizek bei dem Apostel Paulus entlehnt, der zum Kampf gegen eben diese Geister im christlichen Kontext aufrief. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet ein Ideologe des relegionsfremden Glaubens an die ökonomischen Grundlagen allen menschlichen Tuns sich auf den Kampfruf der einst – oder noch? – verhassten Gegenideologie („Opium fürs Volk“) bezieht.

Zizek holt bei seinen Betrachtungen über das 21. Jahrhundert und einen neu zu erweckenden Kommunismus historisch so weit aus, dass man sich lange Zeit fragt, wie er auf den Untertitel kommt. Er beginnt mit dem philosophischen Gedanken des Philosophen als Staatslenkers, den er allerdings wegen seiner Totalitarismus-Gefahr ablehnt. Der sich absolut im Recht wähnende Philosoph ist für ihn – wie für viele andere vor ihm – der erste Anwärter auf den Despotentitel. Die Demokratie beraubt Zizek ihres politisch-freiheitlichen Heiligenscheins und behauptet, dass sie das „Undemokratische“ als Gegenpol benötige, um zu überleben, so wie der (autoritäre) Staats das (revoltierende) Volk als Pendant brauche. Von Anfang an benutzt er den Demokratiebegrff gerne in Verbindung mit dem Adjektiv „liberal“, wobei diese Eigenschaft aus dem Kontext unmissverständlich als „neoliberal“ zu deuten ist. Die Demokratie ist für ihn eine Veranstaltung der herrschenden Schicht, die sich in den Mehrparteiensystemen organisiert und ihre Macht stabilisiert.  Zizek hütet sich jedoch – wohl aus taktischen Gründen -vor einem verbalen Frontalangriff auf die weltweit als „Leitidee“ akzeptierte Demokratie. Offensichtlich meint er, dass er in nachsozialistischen und unrevolutionären Zeiten nur mit einer eher unauffälligen Langzeitstrategie politisch-philosophisch überleben oder gar reüssieren kann.

Um ein Modell des Kommunismus im 21. Jahrhundert glaubwürdig entwickeln zu können und sich gegen die unvermeidlichen Hinweise auf den gescheiterten „real existierenden Sozialismus“ zu wappnen, geht er – nach einem Ausflug zu Kant – auf die großen Revolutionäre der letzten zweihundert Jahre ein. Robbespierre ist für ihn der Prototyp des konsequenten Revolutionärs, der erkannt hat, dass er nicht nur die Verhältnisse, sondern sogar die Träume der Menschen umstülpen muss, denn andernfalls würden sie nach einer mehr oder minder gelungenen Revolution wieder in den alten Trott verfallen. Robbespierre habe deshalb versucht, den gesamten Alltag der Menschen – angefangen beim Kalender – neu zu definieren, und dass er praktisch gescheitert ist, spricht für Zizek nicht gegen die Konsequenz seines Vorgehens. Allerdings hüllt sich Zizek darüber in Schweigen, wie die totale Revolutionierung des alltäglichen Lebens ohne Gewalt realisiert werden kann. Er betont zwar, dass eine konsequente Revolution nicht ohne Gewalt auskommt, doch gilt die – zumindest implizit – nur gegenüber den Unbelehrbaren und Ewiggestrigen. Die konsequente Durchsetzung eines völlig neuen Lebensstils auch gegenüber den nun befreiten ehemaligen Unterdrückten diskutiert er nicht.

Stattdessen geht er detailliert auf Lenin und Stalin und ihre jeweiligen Strategien ein. Dabei betätigt er sich nicht als historischer Weichspüler, sondern spießt sowohl Stalin als auch Lenin an ihren despotischen Extremen auf. Ohne die üblichen zynischen Apologien („wo gehobelt wird…“) nennt er den Terror von Lenins Geheimpolizei beim Namen und sieht darin die grundsätzliche, nie zu vermeidende Gefahr jeder Revolution. Für Stalins Terrorherrschaft findet er noch weniger Entschuldigungen – insofern akzeptiert er also die konservative Kritik am „real existiert habenden Sozialismus“ -, jedoch sieht er auch diese als die Folge des gescheiterten Versuchs der totalen Umwälzung, wobei er die Gründe für das Scheiterns des „großen Wurfes“ zwar nicht vereinfachend in der jeweiligen Person sucht und findet, aber auch nicht auf den Kommunismmus als Prinzip zurückführt. Für Maos Kulturrevolution, die dem Ideal einer totalen Revolution noch am nächsten kommt, sucht er keine lahmen Entschuldigungen sondern nennt sie ebenfalls bei ihrem terroristischen Namen, bietet aber dafür und auch für das – übrigens zugegebene – Abgleiten des chinesischen Kommunismus in einen autoritären Kapitalismus keine politische oder gesellschaftliche Erklärung, die einerseits nachvollziehbar wäre und andererseits die kommunistische Theorie unbeschädigt ließe. Mit einer sicher ungewollten Ironie bescheinigt er dem Stalinismus gegenüber dem Leninismus sogar eine „Rettung der Menschlichkeit“, da sich dessen Definition der „objektiven Schuld“ – der Abweichler bzw. Verräter war nicht subjektiv schuldig, sondern stand nur zufällig ideologisch zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort – bei Stalin in eine „subjektive Schuld“ verwandelte, die jeder Beschuldigte öffentllich einzugestehen hatte (und es nach langer Folter auch tat).

Eingehend beschäftigt sich Zizek auch mit dem Nationalsozialismus, einerseits, um ihn gegen den „echten“ Sozialismus abzugrenzen und jeder Relativierung oder gar Gleichsetzung entgegenzuwirken, andererseits, um gewisse philosophische Richtungen – vor allem Heidegger- zu neutralisierem. Die Nazis verfolgten für Zizek keine Menschheitsvision, sonder  waren – im Gegensatz zu Lenin, Stalin und Mao – nur vom Ressentiment getrieben, und in diesem Punkt kann man ihm auch nicht widersprechen. Mit Heidegger hat Zizek offensichtlich noch ein philosophisches Hühnchen zu rupfen, denn mit dessen Nähe zu der Ideologie der Nazis (und zu Nietzsche) beschäftigt er sich eingehend, obwohl es dabei eher um die Richtung einer bestimmten philosophischen Epoche geht, die mit dem Kommunismus im 21. Jahrhundert wenig zu tun hat.

Generell fällt Zizeks „Tunnelblick“ auf den Kapitalismus auf. Unabhängig davon, dass er noch nicht einmal die Begriffe „freie“ oder „soziale Marktwirtschaft“ vom Kapitalsmusbegriff trennt, sondern alles pauschal unter letzterem subsumiert, fällt die Beharrung auf einem ideologischen Konzept auf, das seine Wurzeln im Frühkapitalismus des 19. Jahrhunderts hat. Zwar schüttelt Zizek nicht die Arbeiterfaust gegen den Zigarre rauchenden Kapitalisten mit Bowlerhut, doch dieses Ressentiments schwingt in seinen durchaus scharfsinnigen Ausführungen stets mit. Gern benutzt er das Bild des „ausgebeuteten Arbeiters“ (wer ist das heute?), und dem Kapitaluismus (siehe oben) wirft er seine Anpassungsfähigkeit an geänderte Verhältnisse geradezu als hinterhältigen Trick vor. Die soziale Ausgestaltung der sozialen Marktwirtschaft ist für ihn nur Augenwischerei, um die wahren Machtverhältnisse zu verschleiern.

Aus guten Gründen verzichtet Zizek auch auf eine vergleichende Betrachtung der heute noch existierenden kommunistischen oder auch nur sozialistischen Systeme. Den südamerikanischen Staaten – Bolivien, Venezuela – gesteht er in seinem 2011 verfassten Buch noch die Rolle verzweifelt kämpfender Kapitalismusgegner zu, doch bei Kuba und Nordkorea hält er sich an Wittgensteins Verdikt: worüber man nicht reden kann, darüber soll man schweigen.

Lange Zeit fragt sich der Leser, warum Zizek die offensichtlichen Probleme unserer Zeit ignoriert und stattdessen den Kapitalismus als Grund aller Übel denunziert. Die drängenden ökologischen Probleme – gerade auch von den ehemaligen sozialistischen Staaten geschaffen und ignoriert – lässt er ebenso lange links (bzw, „rechts“) liegen wie den Islamismus, ja die gesamte Verschiebung der Polaritäten von der ökonomischen auf die religiöse Ebene. Erst im letzten Drittel kommt er auf diese Themen zu sprechen, allerdings nicht im Rahmen einer grundsätzlichen Analyse, sondern unter der Voraussetzung, dass der Kommunismus nicht nur eine neue Chance habe sondern die einzige Lösung für alle Probleme sei. Man könne sich als Kommunist aber nicht nach orthodoxen Ideologiemustern richten, sondern müsse vom Kapitalismus lernen und sich immer wieder neu erfinden. Die Idee des Kommunismus muss laut Zizek als Gegenpol zum (schlechten) Bestehenden unbedingt weiterleben. Diese Foprderung stellt er als Axiom auf, ohne sie zu begründen. Auch nur die Möglichkeit, dass das Scheitern sozialistischer oder gar kommunistischer Systeme an der Idee liegen könne, zieht Zizek nicht in Betracht. Die Vision des Kommunismus ist für ihn ein nicht hinterfragbares Axiom, und für ihre Realisierung sind vier Antagonismen zu nutzen, die – natürlich – alle auf den Kapitalismus zurückzuführen sind: die drohende ökologische Katastrophe, das Privateigentum bis hin zum geistigen Eigentum(!), die Technologie und ihre Folgen (Gentechnik, Digitalisierung) sowie Formen der Apartheit (erste/dritte Welt, Rassismus, sexuelle Disktiminierung etc.). Abgesehen davon, dass diese Antagonismen – bis auf das Eigentum – vor allem in ehemaligen und (noch) existierenden sozialistischen Gesellschaften besonders stark hervortreten, führt Zizek sie nicht als überzeugende „Stärken“ der kommunistischen Vision sondern nur als Mittel zum Zweck auf. Dass all diese Themen bereits heute in den so verachteten „kapitalistischen“ Ländern intensiv diskutiert werden, übersieht er ebenso wie die Frage, was denn ein kommunistisches System anders und besser machen könnte. Erst kommt die Revolution, und dann wird man schon sehen.

In diesem Zusammenhang entdeckt er dann auch das Protestpotential des Islams. Zwar verfällt er nicht der vulgärkommunistischen Ansicht, dass alle Feinde meines Feindes meine Freunde seien, sondern erteilt einem engen Schulterschluss mit dem repressiven Islamismus (Unterdrückung der Frauen, anderer Religionen, anderer sexueller Neigungen, etc. , etc.)  eine deutliche Absage, sieht jedoch durchaus Möglichkeiten temporärer taktischer Zusammenarbeit und setzt auf einen mittelfristigen (?) „Reifeprozess“ des Islams. Für ihn ist der Islam im grunde genommen kapitalismuskritisch, ohne dass er dies im Einzelnen nachweist.  Da schimmert dann die alte Gleichung „Antiamerikanismus = Antikapitalismus“ durch. Die UNO als mögliche – und existierende! – Instution für die Lösung der vier – auch „Commons“ genannten – Antagonismen erwähnt er nicht einmal, geschweige denn, dass er ihre Wirkungsmöglichkeiten analysiert. Nur die totale kommunistische Revolution aller „Entrechteten und Ausgebauteten“, wer immer das sein mag, kann für Slavoj Zizek die Welt vor der Apokalypse bewahren.

Das Buch ist eine scharfsinnige Analyse der politischen und philosophischen Geschichte der letzten zweihundert Jahre, vor allem aber des letzten Jahrhunderts.  Hier entwickelt Zizek viele Ideen und Einsichten, die man akzeptieren oder über die man diskutieren kann. Sein Ausblick in das vor uns liegende Jahrhundert ist jedoch reichlich ideologiegesättigt und folgt einer eher irrationalen Vision.

Das Buch ist als Taschenbuch im Verlag S.Fischer erschienen, umfasst 335 Seitebn und kostet 12,99 €.

Frank Raudszus

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