In Darmstadt erlebt das Broadway-Musical „Hairspray“ eine ausverkaufte Aufführung nach der anderen. Das im Jahr 2002 entstandene Stück führt zurück in die sechziger Jahre, als es für Frauen in Mode kam, die Haare mit Haarspray zu festigen.
Die eher pummelige Schülerin Tracey (Antonia Tröstl) träumt vom Tanzen in der „Corny Collins Show“, einer angesagten Show des lokalen Fernsehens. Gegen den Willen ihrer Mutter und gegen alle Wahrscheinlichkeiten – „dichterische Freiheit“´! – schafft sie es dorthin. Auf dem Wege zum Triumph nimmt sie noch die farbige Bevölkerung mit, deren Ausgrenzung sie weder versteht noch akzeptiert und der sie freien Zugang unter anderem zu den Tanzveranstaltungen erkämpfen möchte. Den Gegenpart spielt die Veranstalterin der Show, eine knallharte Geschäftsfrau, die sowohl die fehlende Attraktivität des übergewichtigen Mädchens als auch und vor allem Einbindung von Farbigen in die Show als existenzielles Risiko betrachtet. Aus damaliger wirtschaftlicher Perspektive nachvollziehbar.
Die solcher Art moralisierte Handlung führt dann auch gegen alle Widerstände und Wahrscheinlichkeiten zum Erfolg, und Tracey darf am Schluss nicht nur die Tanzshow gewinnen, sondern auch den Farbigen den Zugang dazu ermöglichen. Das hört sich sehr positiv an und macht den Besuch dieses Musicals zu einem moralischen Erlebnis mit zusätzlichem Unterhaltungswert durch Tanz und Musik – oder umgekehrt.
Dies dürfte auch ausschlaggebend für die Drehbuchautoren gewesen sein. Man erlaubte dem Publikum eine Zeitreise zurück in die „guten alten 60er“, als die Welt vermeintlich noch in Ordnung war – „Cuba-Krise! – und charakterlich wie moralisch einwandfreie Jugendliche für eine glückliche Zukunft sorgten. Sieht man sich die Handlung jedoch genauer an, dann fällt doch ein Hang zur „white supremacy“ auf. Zwar wird die farbige Bevölkerung unterdrückt und ausgeschlossen, aber der Protest und die Aktionen dagegen kommen nicht aus der Mitte der Betroffenen, sondern aus der moralischen Mitte der Weißen. Mit aufrechtem paternalistischen Gestus nehmen sich die jungen Leute um Tracey des bedauernswerten Schicksals der Farbigen an und regeln es schließlich zum Guten, während die Farbigen weiterhin das Leben einfacher, aber fröhlicher Menschen feiern können – halt tanzen. Dass der Gewinn der Tanzshow an die weiße Tracey geht, ist natürlich selbstverständlich, auch wenn die Farbigen sichtbar besser tanzen. Und dass auch die wichtigsten Unterstützer aus dem Umfeld der „Corns Collins Show“ junge, weiße Show-Leader sind, ergibt sich dann wie von selbst.
Soweit zum Inhalt und der Aussage des Stücks, das natürlich von vornherein auf den Erfolg bei dem überwiegend weißen Broadway-Publikum abzielte. Mutig wäre es gewesen, wenn die Bonner Inszenierung, die hier zu sehen ist, Tracey als Farbige besetzt hätte. Aber an einen solchen mutigen Schritt denkt man selbst heute nicht, vielleicht immer noch mit einem skeptischen Blick auf die Ticket-Verkäufe?
Das trifft natürlich das Staatstheater Darmstadt nur mittelbar, weil es eine fertige und vor allem erfolgreiche Inszenierung eingekauft hat, die auch hier bestens läuft. Dieses Musical schlägt drei Fliegen mit einer Klappe: Die unterdrückten Farbigen werden befreit, das unscheinbare Mädchen gewinnt den ersten Preis, und die Weißen werden moralisch weißgewaschen…..
Nimmt man all dies als eher nachrangige Randerscheinung eines Musicals, dann liefert „Hairspray“ tatsächlich leichte und beschwingte Unterhaltung. Die Pop-Musik der Sechziger, die der mehr als betulichen Schlagerzeit der erstarrten Fünfziger – endlich! – ein Ende setzte, sorgt für Tempo und tänzerische Impulse, und die Band im Hintergrund der Bühne intoniert die Klassiker mit viel Spielfreude. Vorne auf der Bühne wird viel getanzt, und die sechziger Jahre leben nicht nur in der Musik und im Tanz, sondern auch in den Kostümen und Haarfrisuren wieder auf. Das Ganze ist eine unterhaltsame Zeitreise zurück, bietet auch einige humoristische Einfälle, für die meist die lakonischen Einwürfe der älteren – Mütter und Väter – stehen, und vermittelt ein positives Lebensgefühl, nicht zuletzt durch das angenehme Gefühl, an einer moralisch „guten“ Aktion teilzuhaben.
Frank Raudszus




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