„No signal“ – „kein Signal“ lautet die Meldung des Fernsehers, wenn er keine externen Daten von dem Steuergerät empfängt. Und so lautet auch der Titel des Thrillers von Tjörvi Lederer, der gerade seine Uraufführung in den Kammerspielen des Staatstheaters Darmstadt durchlief. Dabei unterstellt der Titel eine spannende Krimihandlung mit einer zumindest in sich konsistenten Logik, die zu einer wie immer gearteten Lösung führt.
Soweit die Erwartungshaltung des Besuchers, doch die Wirklichkeit dieser Inszenierung stellt sich ganz anders dar. Das Bühnenbild besteht aus einer kleinen Wohnung mit Bad und zwei Schlafräumen sowie einem nächtlichen Panoramablick auf eine Stadt, die wohl Darmstadt sein soll. Im hinteren Schlafraum sieht man das Fußende eines offensichtlich belegten Bettes.
Schon die erste Szene zitiert den Kinofilm, der heute gerne mit einem „Cold Open“ beginnt. Ein schwarz gekleideter Cowboy betritt von hinten die Wohnung, eine Hand mit einem Revolver streckt sich aus einer Seitentür – und es knallt. Schnitt, Licht, leere Wohnung. Im weiteren Verlauf dieser über zweistündigen Aufführung wird man noch weitere ähnliche Zitate des Thriller-Genres erleben.
Der Junggeselle Lukas (Patrick Balaraj Yogajaran) lebt mit seiner pflegebedürftigen und daher bettlägerigen Mutter in dieser kleinen Wohnung. Zweimal am Tag kommt die Pflegekraft Frau W., die bewusst von einem Mann gespielt wird (Florian Donath), der gar nicht erst versucht, diese Frau im Sinne von „Charlys Tante“ oder „Manche mögen´s heiß“ zu spielen. Wohl ein ironisches Zitat der heute so beschworenen Gender-Fluidität. Die Kommunikation der beiden beschränkt sich auf „Hallo“ und „Bis später“, im Hinterzimmer stöhnt die sprachlose Mutter, ansonsten schaut Lukas in den Laptop oder Fernseher und kocht Kaffee. Dieses Ritual wird in einer Dauerschleife bewusst ausgereizt, um die Ereignislosigkeit, ja: Ödnis dieses Junggesellenlebens zu veranschaulichen, zumal auf Lukas´ Handy nacheinander die Absagen der zu seinem bevorstehenden Geburtstag eingeladenen „Freunde“ eintreffen.
Erst der Auftritt von Lukas´ Schwester Joana (Laura Eichten) bringt etwas Leben in die Handlung, denn ihre offensichtliche Nervosität baut die erste Spannung auf, die sich mit ihrer Forderung nach einem Vier-Augen-Gespräch mit der Mutter noch steigert. Als dieses – einseitige – Gespräch dann stattfindet, explodiert die Schwester förmlich vor Wut und Enttäuschung, was beim Zuschauer den Verdacht dramatischer Familiengeheimnisse weckt. Als dann plötzlich eine neue Pflegerin(ebenfalls Laura Eichten) die alte ablöst, taucht der Verdacht auf, Lukas´ Schwester habe Frau W. umgebracht, um in Ruhe ihre eigene Mutter wie auch immer bearbeiten zu können. Lukas schaut dem Geschehen nur zu, ist selbst dank gesellschaftlicher Isolation hilflos und hat außer freundlicher Hilfsbereitschaft an Eigeninitiative nichts zu bieten.
Wir haben diese erste Hälfte so genau beschrieben, weil sie bewusst den Anschein erwecken will, hier werde eine große Geschichte von Verrat, Eifersucht und Rache entwickelt, die sich im zweiten Teil dann in einem dramatischen Finale entladen werde. Doch der Autor enttäuscht diese Erwartungshaltung bezüglich eines konventionellen Thrillers, indem er die Handlung auf den Kopf stellt und nach der Pause eine logische Kakophonie folgen lässt. Jetzt jagen sich unzusammenhängende Szenen, die Ängste, Rachegelüste und andere böse Wünsche zum Ausdruck bringen. Da stellen die beiden Pflegerinnen sich gegenseitig mit Pistolen nach, dann schießt die eine Lukas nieder, der sich jedoch eine Viertelstunde danach wie nach einem bloßen Nickerchen wieder erhebt, ein Pilotenpaar – völlig außerhalb der Geschichte und mit einem Kostümwechsel im Zeitraffer verbunden – verlässt wegen Streiks ein Verkehrsflugzeug mit dem Fallschirm und landet schließlich in Lukas´ Wohnung, und er selber läuft mit einem Kissen unterm Arm ins Zimmer seiner Mutter, von wo man dann erstickte Schreie hört. Am Ende erscheint dann wieder der Cowboy (Florian Donath) wie ein normaler Zimmergenosse bei Lukas und schließt damit den Kreis zum „kalten Beginn“.
Wer mit den üblichen Erwartungen in die zweite Hälfte gegangen war, fühlte sich erst einmal düpiert und veralbert ob dieser wilden Sammlung unzusammenhängender Szenen, doch langsam schälten sich diese als Tagträume eines isolierten Individuums – Lukas – heraus, das seine Einsamkeit und seine Sehnsüchte wie Ängste in virtuelle Massaker umsetzt, die alle letztlich nur Rachegelüste wegen eines als misslungen gefühlten Lebens befriedigen. Für die Regie öffnete das die Möglichkeit eines wilden Parforceritts durch die Innenwelt eines gequälten Menschen, ohne auf dramaturgische Logik Rücksicht nehmen zu müssen. Sigmund Freuds Unterbewusstsein lässt grüßen, ohne dass Regisseur Lederer explizit darauf hinweisen muss. Dabei kommt auch der makabre Humor zu seinem Recht, der heute leider zu oft der politischen Korrektheit zum Opfer fällt. Doch Lederer belässt diesen Humor als latenten im Auge des Betrachters, um nicht platt belehrend oder gar polemisch zu wirken. Allein die Schusswechsel sind Parodien auf entsprechende (Bond-)Filme und wecken mit dem flachen Platzpatronenknall eher Schmunzeln als Schrecken. Insofern sind auch die Triggerwarnungen am Eingang überflüssig oder gar lächerlich.
Das Ensemble stellt sich dieser Übung im schnellen Kostümwechsel mit viel Spielfreude. Patrick Balaraj Yogarajan verleiht der Hauptperson einen zwischen Naivität und Bequemlichkeit changierenden Charakter, während die anderen Figuren bewusst ohne eingehende Charakterisierung ausgelegt sind. Dafür müssen Dorian Donath und Laura Eichten in kurzen Abständen die Rollen wechseln, was sie routiniert tun. Psychologische Tiefe der einzelnen Figuren ist in diesem Stück kein Thema; schließlich ist das kein Shakespeare oder Schnitzler, sondern ein schräger Lederer, der aber auch viel über das menschliche Wesen aussagt.
Der Beifall des Premierenpublikums war verhalten, fast ratlos, aber es gab trotz der wilden (Un-)Logik keine „Buhs“.
Frank Raudszus




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