Rückwärts voran im 19. Jahrhundert

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Die Reise in die Vergangenheit im 4. Sinfoniekonzert des Staatstheaters Darmstadt ist nicht das Besondere sondern eher normal, doch dass diese Reise auf ihrem kontinuierlichen Weg zurück dabei eine Art Fortschrittserzählung entwickelt, erscheint im ersten Augenblick paradox, so dass man anzunehmen geneigt ist, dies sei genauso gewollt. Dazu hatte man sich Dirigenten den jungen Oscar Jockel und als Solistin die nur wenig ältere Cellistin Raphaela Gromes nach Darmstadt eingeladen. Zwei Volltreffer, um das schon einmal vorweg festzuhalten.

Dirigent Oscar Jockel

Es begann mit Gabriel Faurés Orchester-Suite „Pelléas et Mélisande“, op. 80 aus dem Jahr 1898, die der Komponist auf ausdrücklichen Wunsch einer damaligen Künstlerin komponierte, obwohl er eigentlich nicht zum orchestralen Fach neigte. Die mythische Handlung ist geprägt von Verlust, unerfüllter Liebe und Tod, und Faurés Musik spiegelt diese todessüchtige Grundstimmung intensiv wider. Nach einem getragenen Beginn setzt ein elegisch aufsteigendes Thema ein, und vor allem die Celli und die Holzbläser tragen dieses Thema bis zum leisen Verklingen. Der kurze zweite Satz besticht durch seine lyrischen Figuren und die warmen Holzbläser, vor allem die Klarinetten. Im dritten Satz – „Sicilienne“ – dominiert das berühmte, liedhaft aufsteigende Thema, und der vierte Satz – „La mort de Mélisande“ – besteht aus einem ostinaten, langsamen Trauermarsch, der das Lebensgefühl des endenden Jahrhunderts – Trauer über den Verlust einer vermeintlich goldenen Zeit vor der Industrialisierung – zum Ausdruck bringt. Schon hier zeigte Oscar Jockel viel Gespür für die besondere emotionale Gemengelage dieser Komposition und arbeitete zusammen mit dem ihm ausgesprochen wach folgenden Orchester die wehmütige Erinnerungen dieser Musik heraus.

Marie Jaëll (1846-1925) war eine zu Lebzeiten gefeierte Pianistin und Komponistin, die jedoch ab dem frühen 20. Jahrhundert in Vergessenheit geriet und erst kürzlich wieder entdeckt wurde. Raphaela Gromes selbst hatte mit ihrer Wiederentdeckung zu tun und interpretierte ihr Cellokonzert in F-Dur op. 33 aus dem Jahr 1882. Mit diesem Schritt sechzehn Jahre zurück hellt sich auch die Stimmung ein wenig auf, obwohl auch hier die unerfüllte Sehnsucht der Hochromantik noch deutlich zu spüren ist. Nach einem kurzen Orchestervorspiel setzt das Cello mit einem fernen Lied zu silbrigen Orchesterklängen ein. Eine getragene Wehmut durchweht den ganzen ersten Satz. Den zweiten Satz eröffnen die Orchestercelli, dann setzt ein seltsamer Marschrhythmus ein, der ein wenig an einen Trauermarsch erinnert. Das Solo-Cello trägt eine Reihe freier Motive vor diesem rhythmischen Hintergrund vor und entwickelt dabei die ganze klangliche Palette dieses Instrumentes, das sich aufgrund seiner dunklen Klangfarbe vor allem für die musikalische Wiedergabe der weniger hellen Emotionen eignet. Auch der dritte Satz verharrt in diesem Grundmuster, doch die sanfte Klage des Solo-Cellos wird von Zeit zu Zeit durch aufbegehrende Orchesterpassagen konterkariert. Im vierten Satz schließlich befreit sich die Musik von der schwermütigen Stimmungslage durch einen wirbelnden Beginn des Orchesters, dem sich das Solo-Cello dann in einem dynamischen Wechsel verschiedener Motive anschließt und in einem virtuosen Solo zu einem Höhepunkt führt.

Die Cellistin Raphaela Gromes

In diesem Stück zeigte Raphaela Gromes nicht nur ihre technischen Fähigkeiten, die man auf diesem Niveau sowieso voraussetzt, sondern vor allem ihre Interpretationsgabe, mit der sie die vielschichtigen Emotionen dieses Werkes zum Ausdruck brachte. Schnell kann Wehmut an – und über – Grenze zum wehleidigen Kitsch geraten, doch nicht bei dieser Solistin, die jedes Motiv – ja: jede Note – nach dem jeweiligen musikalischen Kontext gestaltete.

Mit Camille Saint-Saëns Cello-Konzert a-Moll op. 33 rückte das Programm wieder um zehn Jahre näher an die mittlerweile verlorene Hoffnung der Aufklärung heran. So beginnt der erste Satz mit einem Orchesterschlag, einer Fanfare gleich, dem das Solo-Cello und dann die Klarinette folgen. Lange, liedhafte Passagen und ein intensiver Dialog prägen diesen ersten Satz. Nahtlos schließt sich der zweite Satz mit einem zarten Zwischenspiel der Streicher an, dann übernimmt wieder das Solo-Cello die Melodieführung. Es herrscht eine weltferne Grundstimmung, die nicht unbedingt Trauer und Entsagung, aber doch Distanz zum Alltagsleben zum Ausdruck bringt. Doch im dritten Satz schlägt diese Stimmung um ins Bewegte, ja: Leidenschaftliche. Bei aller Weltferne findet der Komponist dann doch wieder zurück ins zu bejahende Leben.

Raphaela Gromes verlieh auch dieser wechselnden emotionalen Grundhaltung in ihrer Interpretation überzeugenden Ausdruck, und das Orchester unter Oscar Jockel war ihr ein gleichwertiger Partner, der mal untermalte und verstärkte, mal als Gegenpart fungierte. Dabei fiel auf, über welchen Nuancenreichtum das Orchester in allen Instrumentengruppen verfügte, und der Dirigent wusste dieses Potential gut zu nutzen.

Der Beifall des Publikums fiel mehr als kräftig aus, und Raphaela Gromes präsentierte als Zugabe zusammen mit den Cellisten des Orchesters noch ein ukrainisches Lied, das sie aus nahe liegenden Gründen in einer kurzen Erklärung dem ukrainischen Volk widmete.

Mit Beethovens 1. Sinfonie in C-Dur, op. 21, sind wir dann ganz bei der Aufklärung. Im Jahre 1800 gab es noch nicht die Enttäuschung von Napoleons Kaiserkrönung – Trauermarsch der „Eroica“ – und die von der Aufklärung inspirierten Haydn und Mozart diktierten noch die musikalischen Strukturen. Typisch die langsame Einleitung des ersten Satzes, die man als feudale Ruhe vor dem revolutionären Sturm verstehen kann. In unserer Zeitreise rückwärts wischt Beethoven alle Weh- und Schwermut der Hochromantik hinweg, und uns will scheinen, dass die Programmgestalter des Staatstheaters damit an den Aufbruchsgeist appellieren wollten, die latent vorhandene schwermütige Resignation zu überwinden. Schon der erste Satz drängt befreiend nach vorne, und besonders die Flöten intensivieren die lang gehaltenen Töne auf ganz besondere Weise. Das Andante des zweiten Satz kommt in ausgesprochen straffem Tempo daher, als wolle der Dirigent „Schluss mit dem Schwermut-Andante“ machen und jegliche „Adagio“-Sentimentalität im Keime ersticken. Den dritten Satz präsentierte Jockel als akzentuiertes Scherzo – es ist ein Menuett! -, und achtete vor allem auf eine pralle Paraphrasierung, während der vierte Satz in typische Beethovenscher Manier den Sieg der Vernunft und der Lebensfreude feierte.

Nach dem Schlussakkord brach das Publikum spontan in begeisterten Beifall aus, hatte man doch in den über zwei Stunden auch die dunklen Stunden des 19. Jahrhunderts durchleiden müssen.

Frank Raudszus

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