Jan Rehmann, Thomas Wagner: „Angriff der Leistungsträger?“

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Im Juni 2009 veröffentlichte die FAZ einen Artikel von Peter Sloterdijk, Professor für Gestaltung an der Universität Karlsruhe sowie Philosoph mit zahlreichen Publikationen, mit dem Titel „Die Revolution der gebenden Hand“. Darin bezeichnete er den heutigen Steuerstaat als bessere „Kleptokratie“, die die „Leistungsträger“ zugunsten einer stetig wachsenden, unproduktiven „Unterschicht“ ausbeute, und wunderte sich, das die Steuerzahler noch nicht auf die Barrikaden gegangen seien. Er setzte dagegen die Idee einer Spendengesellschaft, bei der die Vermögenden und Besserverdienenden es als eine Sache der Ehre und des Stolzes betrachten würden, das Gemeinwesen mit freiwilligen Gaben zu unterstützen. Seiner Vermutung nach würde das auf die Dauer die gleichen oder gar höhere Beträge in die öffentlichen Kassen spülen als die Zwangssteuern. Es sei dahingestellt, ob Sloterdijk diesen Vorschlag wirklich als ernstzunehmende Handlungsempfehlung oder nur als eine prinzipiell zu überdenkende Idee gemeint hat; auch wollen wir an dieser Stelle die Idee nicht kritisch beurteilen, denn das haben andere in der Folge zu Genüge getan.

Kurz nach der Veröffentlichung brach ein öffentlicher Sturm los, wie ihn niemand erwartet hat und wie man ihn seit Jahrzehnten im Kontext philosophischer Debatten nicht erlebt hatte. Den Anfang machte Axel Honneth, Professor für Philosophie an der Goethe-Universität Frankfurt und Direktor des „Instituts für Sozialforschung“. Letzteres ist auch als „Frankfurter Schule“ bekannt und eng mit den Namen Adorno und Horkheimer verbunden. Honneths Kritik an Sloterdijks Artikel war derart vehement, dass sich in der Folge eine Reihe von anderen erwiesene und selbsternannte Experten zu Wort meldeten, die entweder Sloterdijks Ausführungen oder die Debatte selbst kommentierten.

Das vorliegende Buch trägt den Untertitel „Das Buch zur Sloterdijk-Debatte“ und unterstellt als „Anthologie“ der Wortmeldungen eine neutrale Sicht von außen, deren Herausgeber sich auf die Zusammenstellung und Einordnung der Beiträge sowie auf die Vorstellung der Beteiligten beschränken. Der einführende Text der beiden Herausgeber scheint diesem Ansatz zu Beginn auch gerecht zu werden, denn er trägt – neben dem Titel des Buches als Überschrift – den Untertitel „Eine Einführung in die Sloterdijk-Debatte“, wiederholt also mehr oder minder den Buchtitel. Doch es stellt sich schnell heraus, dass es hier nicht um eine „äqui-distante“ Vorstellung von Meinungen und Wortführern geht. Das geht tendenziell schon daraus hervor, dass die beiden Herausgeber sich nicht auf die Edition der Beiträge beschränken sondern sich auch – sogar separat – als Autoren mit übereinstimmend eindeutiger Parteiname beteiligen. Das ist zwar nicht à priori illegitim, weckt jedoch Zweifel an einer objektiven Auswahl der Beiträge.

Darüber hinaus enthält bereits die Einführung eindeutige Werturteile bis hin zu vulgärmarxistischem Vokabular wie „neoliberale Ideologien“ (s. 8) bzw. ironische Distanzierungen durch Setzen einzelner Worte in Anführungszeichen. Dass man satzweise Zitate eines Autors durch diese Methode eindeutig kennzeichnet, gehört zum Standard wissenschaftlicher Veröffentlichungen, dies jedoch mit allgemein gültigen Begriffen wie „Leistung“ oder „qualifiziert“ zu tun, heißt diese Begriffe aus der Feder eines bestimmten Autors von vornherein zu diffamieren. Weiterhin werten die Autoren bereits in der Einführung gewisse Beiträge durch eben diese Technik oder versuchen, sie durch explizite Urteile abzuqualifizieren (S. 11 unten). Auf Seite 12 greifen die beiden Autoren sogar ihren eigenen Beiträgen vor, indem sie ungeniert – ohne inhaltliche Auseinandersetzung an dieser Stelle – von „egoistisch vereinseitigter und rücksichtsloser Privatform“ und von „neoliberal vereinnahmt[er]“ Lebensbejahung sprechen. Diese Kritik wäre Sache des jeweiligen Beitrages gewesen. Invektiven wie „Sloterdijks hysterisch überdrehte Rhetorik“ oder der pauschale und zielgerecht genutzte Begriff einer nicht näher bezeichneten „Mittelschicht“ runden das fragwürdige Bild dieser Einleitung ab.

Ein weiterer, allerdings nicht belegbarer Einwand betrifft die Auswahl der Beiträge. Von zweien abgesehen – Bohrer und Gumbrecht -, von denen der eine noch durch eine etwas „exaltierte“ Bemerkung eine Angriffsfläche für Kritiker bietet, antworten die Autoren mit mehr oder minder heftiger Kritik auf Sloterdijk. Das könnte natürlich daran liegen, dass es keine positiven Kommentare gibt. Doch diese mögliche Erklärung verfängt deswegen nicht, weil einige Autoren zum Beispiel den zustimmenden Beitrag des FAZ-Redakteurs und Herausgebers Bernhard Kohler erwähnen, der sich jedoch im Buch nicht wiederfindet.

Die Auseinandersetzung mit Sloterdijk erfolgt in drei Kapiteln: im ersten, übertitelt „Zur geistigen Entwicklung Sloterdijks“, stellen vier Autoren wichtige Texte Sloterdijks vor. Karl-Heinz Götzes Gedanken zu der „Kritik der zynischen Vernunft“ sind schon deswegen mit Fragezeichen zu versehen, weil sie aus dem Jahr 1983 stammen. Das mag in den Fächern Literatur und Philosophie unwichtig sein, hat hier jedoch ein besonderes Gewicht, weil Götze als bekennender Linker von einer hohen historischen Bedeutung und Zukunft des Sozialismus ausgeht. Dass er die Wahl Kohls zum Kanzler ein Jahr vorher zum größtmöglichen Unglück für die Bundesrepublik erklärt, weckt heute eher Heiterkeit, und die von Sloterdijk in diesem Buch vertretene Auffassung eines „Aushaltens“ anstelle des aggressiven Weltveränderungswunsches des real existierenden Sozialismus versteht Götze als Verrat an der – sozialistischen – Zukunft der Menschheit.

Rehmann/Wagners Beitrag unterstellt Sloterdijk einen hinter seiner Kritik am Zynismus versteckten „Herrscher-Zynismus“, und bei ihrer Kritik von Sloterdijks „Weltinnenraum des Kapitals“ unterstellen sie dem Autor bei seiner Behauptung, Wohlstand und Frieden für die gesamte Menschen sei eine „systemische Unmöglichkeit“, eine kapitalistische Herrschaftsideologie. Darüber hinaus bedienen sie sich – im Jahr 2009! – immer noch desselben abgestandenen Klassenkampf-Vokabulars – Massenarbeitslosigkeit, (Re-)Produktionsverhältnisse, Ausbeutung – wie eh und je, als hätte es kein 1989 gegeben. Wohlfahrtstaatliche Umverteilung ist bei ihnen grundsätzlich ein Segen ohne jegliche Nebenwirkungen, und Sloterdijks durchaus zutreffende und historisch leider belegte Feststellung, dass der „Neid im Gewand der sozialen Gerechtigkeit .. schon die Hälfte der Vernichtung ist“ (sinngemäß zitiert), wenden sie in geradezu perfider Verkennung des von ihm Gemeinten gegen ihn. Dass sie dann den „roten Terror“ der Bolschewiken (der übrigens dann noch Jahrzehnte dauerte!) als Reaktion auf „weißen Terror“ marginalisieren, kann nur noch Kopfschütteln hervorrufen. Die Kritik an Sloterdijks behandelten Büchern nährt sich weniger aus einer fachlichen – politischen und wirtschaftlichen – denn aus einer rein ideologischen Quelle. Der Beitrag von Ulrich Gellermann über „“Philosoph der Krise“ ist kurz, wenig erhellend und hauptsächlich polemisch.

Damit ist Sloterdijks Werk schon vor der eigentlichen Debatte über seinen inkriminierten Artikel klein geschreddert, und Leser, die Sloterdijks Werk (noch) nicht kennen, sind entsprechend eingestimmt. Man fragt sich, wie Sloterdijk zu einem solchen glänzenden Ruf kommen konnte, wenn es nur vernichtende Urteile über sein Werk gibt. Von dem angeblich über ihn jubelnden Feuilleton findet sich jedoch kein Beitrag in diesem Kapitel.

Es folgen 19 (neunzehn) Kommentare und Antworten auf Sloterdijks Artikel und die anderen Beiträge. An den Anfang und dazwischen sind Zusammenfassungen der Sloterdijkschen Texte geschaltet, da dieser eine Teilnahme an dieser „Anthologie“ nach den heftigen und teilweise sehr persönlichen Angriffen seiner Gegner abgelehnt und den Nachdruck seiner Artikel und Kommentare untersagt hatte. Den Anfang macht Axel Honneth, der letztlich die ganze Debatte angestoßen hat. Seine vernichtende Kritik, die anfangs ironisch klingen soll, kommt „ex cathedra“ aus den Höhen der etablierten Philosophie der „Frankfurter Schule“, und in schöner Selbstverständlichkeit nimmt er alles bisher (von dieser Schule) Gedachte als felsenfest bewiesenen Erkenntnisstand, hinter den niemand mehr zurückfallen dürfte. Wie ein mediokrer Naturwissenschaftler sieht er seine Theorien – Ideologien? – als bewiesen und unverrückbar an (ein guter Naturwissenschaftler spricht nur von Hypothesen, die solange gelten, bis sie widerlegt sind!) und untersagt sämtliche Querdenkerei („Freigeist“), die seinem Erkenntnisstand widerspricht. Verständlich, dass der Kommunikationskanal zwischen diesem „Famulus Wagner“ und dem Freigeist Sloterdijk schnell versiegte.

Der in Stanford tätige Hans-Ulrich Gumbrecht bringt Honneths Selbstgerechtigkeit auf den Punkt, erklärt ansonsten den Streit für eine Frage des Stils und rät zur Gelassenheit, was wiederum die Ideologen der anderen Seite aufregt. Christoph Menke sieht nichts niedrigeres als die (absolute?) „Wahrheit“ zur Disposition gestellt und bekämpft das Prinzip der Selbstverantwortung des Einzelnen (vs. Wohlfahrtsstaat) mit der Argumentation, dass die Selbstverbesserung gemäß Sloterdijks Buch „Du musst Dich ändern“ automatisch die weniger Eifrigen in die Unterschicht stoße. Demnach darf sich niemand anstrengen – sportlich, musisch oder beruflich -, weil er die weniger Begabten damit frustriert. Aufschlussreich dabei ist, dass hier auf einmal die „Gaben der Natur“, das heißt ererbte Fähigkeiten, im Gegensatz zu anderen Kontexten (Sarrazin!) für die eigene Argumentation genutzt werden.

Karl-Heinz Bohrer, einer der beiden Verteidiger Sloterdijks, nimmt erst einmal den „tierischen Ernst“ der Beiträge à la Honneth aufs Korn und stimmt Sloterdijk in grundlegenden Punkten zu. Sein großer Fehler ist, dass er explizit das Recht des Staates beklagt, ihm seine „wohl verdienten Pfründe zu rauben“ (sinngemäß zitiert). Das ist natürlich eine Steilvorlage für die Gegner.

Bei Andrian Kreyes kurzem Beitrag wird nicht klar, was er eigentlich sagen will. „Amerika, Du hast es besser?“ Dirk Pilz wertet Bohrers Beitrag erst einmal als „verschwurbelt“ ab, eine beliebte Methode, einen Gegner nicht durch sachliche Kritik auf Augenhöhe zu bekämpfen sondern ihn durch diffamierende Begriffe herabzusetzen und von vornherein als intellektuell satisfaktionsunfähig hinzustellen. Außerdem nimmt er den gerne in Metaphern redenden Sloterdijk immer da wörtlich, wo es ihm in seinen kritischen Gedankengang passt. Der zweite Beitrag von Ulrich Gellermann besteht wieder nur aus billiger Polemik und lohnt keine längere Ausführungen. Jochen Stremmels Polemik ist mehr ein Gestammel aus schlechtem Deutsch und unerträglicher Besserwisserei, wenn er Sloterdijk ein falsches oder zumindest sehr freies Zitat aus Homers „Odyssee“ ankreidet, das nichts zum eigentlichen Thema beiträgt.

Der „In-Philosoph“ oder „Thomas Gottschalk der Philosophie“ Richard David Precht hat mit dem Problem zu kämpfen, zu spät in die Diskussion eingetreten zu sein. Da sein Stolz eine epigonale Kritik nicht zulässt, schwingt er sich über den ganzen „Debattierclub“ und verteilt Noten wie folgt: Sloterdijk ein leichtsinniger Schwätzer, Honneth ein verbohrter Spießer. Höher kann nur noch der liebe Gott!

Thomas Wagner, der zweite Herausgeber, befleißigt sich einer kräftigen Polemik, indem er Sloterdijk ein „wohlsituiertes“ Leben bescheinigt, wobei nicht klar wird, was das mit dessen Artikel zu tun hat. Dann stellt er nebenbei die Behauptung auf, dass Reichtum generell „kollektiv erbracht“ sei, was man durchaus hinterfragen kann. Auch er spricht von den „Begriffsschwurbeleien“ Bohrers und wiederholt gerne und ausführlich die Darlegungen seiner Vorredner, vor allem Honneths. Aus seiner Sicht haben alle außer den Vertretern der reinen linken Lehre Unrecht. Wie ist die Welt doch so einfach!

Franz Sommerfeld stellt mit seinem sachkundigen und an Zahlen und Fakten orientierten Beitrag ohne jede Ideologie eine wohltuende Oase zwischen den Ideologen dar, während Anke Roedig die Debatte aus weiblicher Sicht sieht, bei der hauptsächlich männliche Alpha-Tiere um ihre Claims kämpfen. Ulrich Greiner rückt dem Thema unideologisch und außerordentlich tief schürfend zu Leibe. Er stellt die Großzügigkeit des Gebers dem Rechtsanspruch des Empfängers gegenüber und stellt nüchtern fest, dass dieser Anspruch im Grunde genommen ein Placebo und uneinlösbar sei. Dabei verzichtet er auf jegliche Diffamierung der anderen Debattenteinehmer.

Der Theologe Johann Hinrich Claussen sieht die Debatte aus christlicher Sicht, erwähnt die Scham der Armen und erklärt die Verklärung der Armut durch die Kirchen als eigentlichen Skandal. Der Mann hat Mut! Beate Rössler dagegen sieht die Gerechtigkeit hinter dem Gewinnstreben an Boden verlieren und greift explizit die „Gier (auch von Herrn Bohrer)“ an. Bei aller Sachlichkeit und Unaufgeregtheit ihres Beitrags ist jedoch nicht zu verkennen, dass auch sie den Untergang des real existierenden Sozialismus aus rein wirtschaftlichen Gründen gründlich vergessen zu haben scheint. Michael Hartmann schließlich bringt viel Zahlen zum Steueraufkommen, teilweise widersprüchlich, aber ohne schlüssige Konsequenz, wenn man die unterschwellige „Widerlegung“ Sloterdijks, der ja bewusst nicht ins Zahlendetail gegangen ist, nicht als solche sieht.

Der dritte und abschließende Teil enthält „Werkanalysen und gesellschaftspolitische Verortungen“ von zwölf Autoren, die teilweise schon im Hauptteil vertreten sind. Der längste (23 Seiten) und anspruchsvollste stammt von Gerd Irrlitz und geht im Detail auf die einzelnen Werke Sloterdijks, historische Fakten und philosophische Methoden ein. Ohne jegliche Polemik oder ideologische Tiraden widerspricht er Sloterdijk in vielen Details, jedoch immer auf hohem intellektuellen Niveau und mit dem entsprechenden menschlichen Respekt vor seinem Kollegen. Wegen der Komplexität seines Beitrages ist dessen Lektüre nicht unbedingt ein Vergnügen, aber sehr erhellend.

Dagegen verfährt Ulrike Baureithel wie Precht nach dem Prinzip „Wer zu spät kommt, muss auf alle hauen“, und Stephan Lessenich schlägt wieder auf die Pauke der „Eliten-Schelte“ und „Umverteilung von unten nach oben“, als bestünde der Bundesetat nicht zu etwa fünfzig Prozent aus Sozialleistungen. Rudolf Walther wartet mit platter Polemik auf und strapaziert das Totschlagargument „Spießer“, und bei den weiteren Autoren überwiegt ebenso die Polemik und ideologische Verdammung aus den unterschiedlichsten Perspektiven, wobei man Sarrazin gleich mit an den Marterpfahl bindet.

Gemeinsam ist vielen Kommentatoren, das sie die Verbindung von Sloterdijk zzu Nietzsche hervorheben. Das ist zwar nicht verwunderlich, da Sloterdijk in seinen diversen Werken sich selbst auf den gerne missverstandenen Philosophen bezieht, doch für die Ideologen der Linken ist Nietzsche einfach ein zu schönes Feindbild, um ihn nicht als bereits Verdammten („Drittes Reich“!) gegen Sloterdijk zu verwende.

Insgesamt liest sich dieses Buch am besten als – vielleicht unfreiwilliger – Schnappschuss der aktuellen deutschen Gesellschaft, vorzugsweise der intellektuellen „Eliten“(sic!) mit ihren immer noch vorherrschenden Ideologien, ihrer Besserwisserei und ihrer wissenschaftlichen wie politischen Verkrampftheit. Da muss man für einen Philosophen wie Sloterdijk geradezu dankbar sein, der noch in der Lage ist, solche Debatten auszulösen, und noch nicht in der Lethargie der politischen Korrektheit versunken ist.

Das Buch ist im „Argument-Verlag“ unter der ISBN 978-3-86754-307-1 erschienen und kostet 19,90 €.

Frank Raudszus

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