Christoph Türcke: „Natur und Gender – Kritik eines Machbarkeitswahns“

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Bei einem durchaus signifikanten Teil der Bevölkerung besonders der westlichen Länder scheint die Frage der Geschlechtszugehörigkeit wichtiger zu sein als Pandemien oder der drohende Klimakatastrophen. Zumindest erweckt der entsprechende Diskurs derzeit diesen Eindruck. Der Leipziger Philosoph Christoph Türcke geht diesem Phänomen in dem vorliegenden Buch systematisch auf den Grund, wobei er weitgehend auf Sarkasmus oder gar Polemik verzichtet. Nach der bewährten Methode der vorurteilslosen Recherche verfolgt er die Beweggründe bis weit zurück in die Geistesgeschichte und bis hin in die aktuelle Gegenwart.

Als einer der ersten hatte Descartes erkannt, dass unsere Weltwahrnehmung nicht unbedingt eine „objektive“ Wahrheit widerspiegelt, sondern durch das menschliche Gehirn aus den sinnlichen Wahrnehmungen erzeugt wird. Zwar spricht die alltägliche Empirie – schließlich hat der Mensch bis heute überlebt – für eine „objektive“ Sicht der Realität, aber ein Beweis im Sinne der Logik ist das nicht. Deshalb hatte Descartes aus dieser Erkenntnis den berühmten Satz „Cogito ergo sum“ formuliert, der besagt, dass die Erkenntnis lediglich die Existenz des denkenden Subjekts belegt. Doch die so erdachte „reale“ Welt könnte ebenso eine reine Konstruktion des menschlichen Geistes sein. Andere Philosophen haben eine eher theologische Sicht auf das Verhältnis des Menschen zu der ihn umgebenden Welt entwickelt. Auch sie sahen den Menschen als Konstrukteur der Welt, der das Ziel verfolgt, das verlorene Paradies wiederherzustellen.

Erst Kant hat diesem egozentrischen Denken ein Ende gesetzt und der „Welt“ – sprich: der Natur – eine „An sich“-Existenz zugebilligt, die auch ohne das menschliche Denken existiere, obwohl wir dieses „An sich“ mit unseren beschränkten Erkenntnismöglichkeiten nie erkennen würden. In einem kurzen Ausflug zu Hegel erkennt Türcke bei diesem bereits eine Wandlung zur erweiterten Macht des Menschen, die sich in dem „Weltgeist“ niederschlug.

Die Aufklärung führte zur Industrialisierung und diese laut Türcke zu einem auch philosophischen Größenwahn des Menschen, für den nun alles möglich schien. Die „Neukantianer“ schlugen das „An sich“ endgültig in den Wind und erklärten alles für machbar, und auch Heideggers Bestehen auf einem „Sein“ konnte die Selbstermächtigung des Menschen nicht mehr stoppen. Die Konstruktivisten des 20.Jahrhunderts haben diese Sicht konsequent weiter entwickelt, indem sie die „Welt“ – und darunter die Natur – als reine Konstruktionen des menschlichen Geistes erklärten. Hier zeigt Türcke zum ersten Mal Sarkasmus, wenn er darauf hinweist, dass die Konstruktivisten die logischen Widersprüche – was geschieht bei kollidierenden Konstruktionen? – schlichtweg ausblenden oder gar als Teil der Konstruktion(en) vereinnahmen.

Vom Konstruktivismus kommt Türcke auf die Diskurstheorie, die vor allem Michel Foucault geprägt hat. Demnach schafft der Diskurs – also die jeweils aktuellen Ideologien wie Kapitalismus, Patriarchat, etc. – erst die konkret existierende Welt. Dabei begriff Foucault nicht nur die binäre Sexualität – Mann, Frau – als Ergebnis eines männlichen Diskurses, sondern erklärte das gesamte binäre Wertesystem aus „wahr“ und „falsch“ für falsch und ein durchgehendes, multivalentes Wertesystem als das wahre. Dieser von Foucault – bewusst? – ignorierte Selbstwiderspruch weckt denn auch Türckes lakonischen Sarkasmus.

Von Foucaults scharfer Kritik an der binären Sexualität der westlich-eurozentrischen Welt, die er auf dessen als schwere Last empfundene Homosexualität zurückführt, kommt Türcke zum zweiten Teil: der Gender-Bewegung. Der ganze erste Teil bildet nicht nur die geistesgeschichtliche Grundlage dieses neuen Phänomens, sondern übergibt damit auch all die Widersprüche und logischen Inkonsistenzen an die Gender-Theorie. Denn die knüpft mit Judith Butler direkt an Foucaults Diskurstheorie an. Laut Butler ist nicht nur die binäre Sexualität reines Diskursergebnis und damit repressiv, sondern sogar die anatomischen Unterschiede zwischen den statistisch bei weitem überwiegenden Ausprägungen „männlich“ und „weiblich“ erklärt sie dazu. Dass sie damit die Umwandlung oder gar Entstehung von Materie durch (repressives) Denken für möglich erklärt, verwundert nicht nur den auch hier sarkastischen Türcke.

Die Behauptung der Gender-Theoretiker à la Foucault und Judith Butler, der Mensch sei von Natur aus bisexuell angelegt, widerspricht nicht nur der jegliche „Natürlichkeit“ ablehnenden Diskurstheorie, sondern entbehrt auch jeglichen Beweises. Diese von Sigmund Freund stammende Behauptung wird jedoch einerseits durch den Verweis auf den Österreicher Psychiater nicht zum wissenschaftlichen Beweis und ist andererseits laut Türcke von Freud wieder aus Platons Werken entnommen worden, in denen die hermaphroditische Urform des Menschen als antiker Mythos wiederbelebt wurde. Soviel zu wissenschaftlichen Seriosität der heutigen Gender-Theorien, die Türcke mit einem kaum kaschierten Sarkasmus als hohl entlarvt.

Ein ganz wichtiges Thema ist für Türcke auch die Geschlechtsumwandlung, die eine nicht zu unterschätzende Minderheit lautstarker Gender-Aktivisten schon Jugendlichen auf ihr bloßes Geschlechtsempfinden hin zugestehen will. Türcke gibt zwar zu, dass die Gender-Dysphorie in den letzten Jahre statistisch signifikant gestiegen ist, führt dies jedoch auf andere Ursachen zurück. Generell sei (medizinisch) selten eindeutig zu klären, ob eine erklärte Unzufriedenheit mit der Geschlechterrolle direkt auf genetisch-anatomische oder hormonelle Ursachen zurückzuführen sei, oder ob andere psychische Leiden dahinter steckten. Auch die Tatsache, dass die meisten „umgewandelten“ Patienten sich zufrieden zeigten, sei zweifelhaft, weil allein die gesundheitlichen und finanziellen Kosten einer praktisch irreversiblen Operation das Eingeständnis des Scheiterns für die Betroffenen unmöglich mache, zumal viele von ihnen gerade wegen des spektakulären Charakters der Operation im Rampenlicht stünden. Sie seien letztendlich zum Erfolg verdammt. Trotz fehlender Langzeitstudien weist Türcke auf eine nachweisbar gestiegene Depressivität und Suizidalität in diesem Umfeld hin.

Die erwähnten Steigerungsraten führt Türcke letztendlich auf die Digitalisierung der Gesellschaft zurück und landet so mit einer Volte in einem anderen Themengebiet. Das „Ich“ formiert sich für ihn durch aktive Auseinandersetzung mit der Realität. Gerade jüngere Menschen beziehen ihre Eindrücke heute jedoch vermehrt über Smartphones, und das in immer verdichterer und gesteigerter Form. Diese passiv erduldete Reizüberflutung – auch und besonders im erotisch-sexuellen Bereich – sieht er als Ursache eines nicht mehr lokalisierbaren Unbehagens und zunehmender Frustrationen. Die typischen Probleme der Selbstfindung und des Selbstzweifels in der Pubertät führten dann geradezu dazu, dass vor allem junge Menschen schnell die im Internet angebotene Erklärung, im falschen Körper zu sitzen, annähmen und in einer Geschlechtsumwandlung das endgültige Heil sähen. Die Gender-Aktivisten sehen diese selbst-geschaffenen „Fälle“ dann wiederum als Beweis für ihre Theorien. Hier bahnt sich in gewisser Weise ein „circulus vitiosus“ an.

Am Schluss fügt Türcke noch einige Themen wie Beschneidung und „Cyborgs“ an, die zwar mehr oder weniger entfernt zum Thema gehören, aber man hat das Gefühl, dass hier zur Abrundung noch ein paar Seiten gefüllt werden sollten. Das Hauptthema des Widerspruchs zwischen „Natur“ und „Diskurs“ sowie die ideologische Ignoranz der Gender-Aktivisten gegenüber den eigenen Widersprüchen und Paradoxien analysiert Türcke in bestechender Klarheit und mit umfangreichen Literaturverweisen. Wer sich vorurteilslos über das Gender-Thema – Gendersprache diskutiert Türcke bewusst nicht! – informieren will, kommt an diesem Buch nicht vorbei.

Das Buch ist im Verlag C.H.Beck erschienen, umfasst 233 Seiten und kostet 22 Euro.

Frank Raudszus

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