Kulinarische Kriminalromane sind offenbar en vogue: Nach Jean Luc Bannalecs Roman „Bretonische Versuchungen“ über die kriminellen Auswüchse der Schokolade hat nun sein italienischer Kollege das Olivenöl als Grundlage eines Krimis herangezogen. Sein „Grünes Gold“ spielt auf der buchstäblich viel besungenen Insel Capri und vermittelt neben Einblicken in die Pflege von Olivenhainen und die Herstellung von Olivenöl reichhaltige Eindrücke der Insel und ihrer verschiedenen Lokalitäten, seien sie landschaftlicher, baulicher oder kulinarischer Art.
Im Mittelpunkt steht die lokale Polizeiwache aus bodenständigen Beamten, mit Enrico Rizzi, selbst Sohn und nebenberuflicher Gehilfe eines Olivenbauers, und Antonia Cirillo, einer nach Capri strafversetzten Polizistin und alleinerziehenden Mutter eines fast erwachsenen Sohnes. Die erwähnten privaten Aspekte der beiden dienen denn auch dazu, die ermittelnden Figuren nicht als bloße Funktionsträger des Rechts, sondern als Menschen mit eigenem Charakter und Lebenslauf zu gestalten.
Unter der Bahn eines Sesselliftes auf den Monte Solaro in Anacapri, den westlichen Teil der Insel, wird ein Toter gefunden. Der Mann lebte alleine in einem alten Haus in der Nähe der Westküste und fuhr jeden Tag auf den Monte Solaro. Erste Untersuchungen ergeben eine tödliche Schusswunde im Rücken, und die unter der Seilbahn gefundenen Papiere weisen ihn als Anwalt aus Norditalien aus, der offensichtlich mit bestimmten Absichten hierher gekommen war.
Die Marketingkatastrophe eines Verbrechens auf Italiens berühmtester Ferieninsel ruft sofort die Kriminalpolizei von Neapel auf den Plan, der vor nichts mehr graut als vor einer schlechten Presse. Also versuchen sie – in alter Krimimanier – den ihrer Meinung nach inkompetenten Inselpolizisten die Ermittlungen zu entziehen. Hierbei feiert leider das auch aus Fernsehkrimis bekannte Klischee fröhliche Urständ, akademisch ausgebildete Vorgesetzte als arrogante Karrieristen darzustellen. Das macht sich offensichtlich für eine breite Leserschicht sehr gut.
Doch Rizzi und Cirillo ermitteln gegen alle internen Widerstände weiter und erweisen sich dabei sehr erfindungsreich. Als sie einen ersten Verdächtigen mit Motiv und ohne Alibi identifizieren, wollen die Vorgesetzten diesen schnell selbst übernehmen und den Fall in Neapel abschließen. Aber das wäre ein schlechter Krimi, in dem der erste Verdächtige auch der Täter ist. Und unsere beiden Inselpolizisten haben den richtigen Riecher und kennen die Leute auf der Insel. So lesen sie kleine Indizien richtig und erinnern sich an Gesichter aus flüchtigen Begegnungen.
Doch die Zeit drängt und die Chefs aus Neapel wollen ihnen den Ermittlungshahn zudrehen. So entwickelt sich ein Wettrennen zwischen den eindimensionalen Karrieristen und den beiden bodenständigen Lokalkräften. Dabei wird einiges über die Oliven und ihre Verarbeitung sowie die Mentalität der Inselbewohner erzählt. Und da man sich kennt, weiß man auch mehr voneinander und kann so Stück für Stück die Puzzleteilchen zusammenfügen.
Wir wollen hier nichts über die Auflösung verraten, aber zumindest betonen, dass es sich nicht nur um eine spannende Geschichte mit viel Lokalkolorit handelt, sondern dass auch die Sprache sich über das normale Krimi-Niveau erhebt, da es dem Autor nicht nur um die Darstellung einer Kriminalstory geht, und dass er seine unverkennbaren literarischen Ambitionen mit einigem Können erfolgreich umsetzt.
Das Buch ist im Diogenes-Verlag erschienen, umfasst 304 Seiten und kostet 18 Euro.
Frank Raudszus
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