Vor allem in der Musik sind Zuordnungen zu Epochen hinterfragbar, wenn es nicht gerade um die reine Jahreszahl geht, denn Klassik und Romantik etwa beschreiben eher zeitliche Kategorien denn inhaltliche. Das liegt nicht zuletzt daran, dass sich Komponisten immer wieder erlaubt haben, die ungeschriebenen Vorgaben ihrer jeweiligen Epoche zu ignorieren und ihrer eigenen Intuition zu folgen. Setzt man etwa Romantik als die Epoche des entgrenzten Gefühls – im Gegensatz zur formalen Strenge der Klassik -, dann lässt sich feststellen, dass sich diese Betonung des Emotionalen durch alle Epochen zieht, wenn auch mit unterschiedlichen musikalischen Mitteln.
In diesem Sinne stellte auch das 5. Kammerkonzert des Staatstheaters Darmstadt eine Zeitreise durch die „Romantik“ verschiedener Epochen dar und lieferte, ähnlich dem 4. Sinfoniekonzert, eine Zeitreise rückwärts durch zwei Jahrhunderte. Dazu hatte man das „Trio Con Brio Copenhagen“ mit Soo-Jun Hong (v), Soo-Kyung Hong (vc) und Jens Elvekjaer (p) nach Darmstadt eingeladen, um verschiedene Kompositionen für diese, „Klaviertrio“ genannte, Konstellation zu spielen.
Es begann ganz aktuell mit dem Stück „Apatiens anatomi – Die Anatomie der Apathie“ der 1978 geborenen dänischen Komponistin Louise Alenius Broderup (Künstlername Louise Alenius). Schon die Titel der einzelnen Sätze dieser Komposition verweisen auf transrationale Zustände und damit in gewisser Weise auf die Romantik: „Die Kraft des Rückzugs“ oder „Stillstand als Zustand“, um nur zwei zu nennen. Die Musik bestätigt diese introvertierte Emotionalität in jeder Hinsicht und überrascht gleichzeitig durch ihre Tonalität. Das Klavier sorgt für eine gesunde harmonische Grundlage, und Violine und Cello umspielen diese Harmonien mit ihrem gesamten Ausdrucksspektrum. Dabei entwickeln sie, nicht zuletzt durch feine Dissonanzen und – sparsam eingesetzte – Erweiterung des Klangspektrums, eine schwebende Stimmung von Entsagung und Weltferne. Elegische Figuren des Cellos und Dauertriller des Flügels wechseln sich mit dramatischen Crescendi ab, dann wieder herrscht der musikalische Minimalismus mit stark reduzierten Figuren, gezupften Seiten und pochendem Piano. Expressiven Melodien mit großen Sprüngen wechseln sich mit zart fragenden Motiven ab, und am Schluss verlangsamen sich die getragenen Motive stetig zum Stillstand.
Das Trio auf der Bühne intonierte dieses weite und facettenreiche Spektrum von Gefühlssplittern mit viel Gespür für das Bedrohliche und nicht Fassbare solcher Emotionen und verfuhr nach dem Motto „weniger ist mehr“, indem es den Lücken zwischen den jeweiligen Klängen den für einen adäquaten Wirkung nötigen Raum verlieh.
Mit sechs Sätzen aus Sergej Prokofjews Ballettsuite zu „Romeo und Julia“ ging es zwar nur um knapp hundert Jahre zurück, aber Ballettmusik war – als Programmusik – stets romantisch orientiert, und so bilden auch diese kurzen Szenen die jeweilige Situation oder Person – Morgenserenade, die junge Julie, Masken, Montague und Capulets, Pater Lorenzo, Mercutio – emotional nach. Die „Morgenserenade“ zeigt das Erwachen eines Tages durch zart zunehmende Triller und Motive, Julia wird als lebenslustige junge Frau charakterisiert, die beiden Familien drohen mit majestätischer Wucht, Pater Lorenzo ist ausgleichend und verständnisvoll, und Mercutio schließlich stirbt in einem wilden Kampf.
Auch hier ging es wiederum, programmatische Vorgaben überzeugend in Musik umzusetzen und dabei die dahinter stehenden Personen lebendig werden zu lassen. Selbst diese kurze musikalische Zusammenfassung von Shakespeares Tragödie erweckte die Geschichte zu neuem Leben, und vor allem die beiden Streicherinnen verliehen durch ihre so feine wie intensive Interpretation den Personen des Dramas eine eigene Bühnenpräsenz.
Nach der Pause ging es dann mit Mendelssohns Klaviertrio in c-Moll op. 66 noch einmal einhundert Jahre zurück in die „echte“ Romantik. Lebhaft, emotional und volltönend der erste Satz mit deutlichen Tempowechseln vom Nachdenklichen ins Leidenschaftliche und zurück. Das Andante des zweiten Satzes ist von synkopischen Passagen geprägt, das Scherzo beeindruckt vor allem durch seine Rasanz vom Beginn bis zum Ende. Der Finalsatz schließlich fließt nach einem breiten Beginn mit einem Allegro Appassionato wie ein emotionaler Strom mit vielen Windungen und Schnellen dahin.
Hier konnte das Trio noch einmal die virtuosen Fähigkeiten zelebrieren und dabei vor allem die Musik selbst sich feiern lassen, denn hier ging es nicht um nachzuvollziehende Gefühle und Situationen außermusikalischer Figuren, sondern um die Ausdrucksmöglichkeiten der Musik selbst. Im Grunde genommen ein Kernelement der Romantik, wie wir sie als Epoche kennen.
Der kräftige Beifall des Publikums führte noch zu einer Zugabe spanischen Zuschnitts, deren Urheber dem Publikum leider nicht verraten wurde.
Frank Raudszus


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